Bitte keine Gefühle

Für diese Situation habe ich keine Lösung, was mich regelmässig ärgert. Nur dieser Ärger löst die Frage nicht, die lautet: Wie gehe ich als unsichtbar behinderte Person mit Menschen um, die nicht wahrhaben wollen, dass ich behindert bin. Regelmässig kommt das Argument, dass mich der Gesprächspartner trotz 100% IV-Rente und 100% Invaliditätsgrad nicht als behindert wahrnimmt. Im gleichen Atemzug wird bestätigt, dass die IV in der heutigen Zeit nur noch nach strengsten Kriterien Renten zuspricht. Was ist bei einer solchen Betrachtungsweise los, frage ich mich regelmässig. Was erwarten Menschen von einer berenteten Person? Wenn ich urprünglich erwartet hatte, dass eine Rente die Situation klären würde, so sehe ich mich getäuscht. Die nächste Frage lautet nämlich in der Regel, wie hoch der Prozentsatz der Rente sei. !00% Rente auf 100% Invaliditätsgrad.

Sollten meine Gliedmassen verdrehter aussehen, muss ich in dem viel zitierten Rollstuhl sitzen oder darf ich nicht intelligent sein? Ich habe immer den Verdacht, dass ich nicht in das Bild einer unterlegenen Person passe: Eine behinderte Person muss eine solche Unterlegenheit ausstrahlen, damit sie bequem schubladisiert werden kann mit dem Etikett „zu betreuen“. Da meine Mimik minim verarmt ist, sehe ich sehr seriös und ernsthaft aus und werde als belastbar eingestuft. Die Klangfarbe der Stimme ist etwas monoton, dass ich meistens so töne, wie wenn ich im Brustton der Überzeugung spreche. Manche Leute springen regelrecht auf meinen Tonfall an und aus Erfahrung weiss ich, dass ich mich besser schnellstmöglich in Sicherheit bringe. Manchmal aber bleibe ich wie angewurzelt stehen und verpasse den Absprung. Dann muss ich auf verbale Schläge nicht lange warten: „Sie müssen ihre Behinderung akzeptieren“, lautet ein beliebter Satz, der mir an den Kopf geworfen wird. – Endlich habe ich eine sinnvolle Beschäftigung!

Wenn ich guter Laune bin und den nötigen Humor habe, erkäre ich, dass die Akzeptanz einer Behinderung kein statischer Zustand ist: Es gibt Tage, an denen ein behinderter Mensch seine Behinderung akzeptieren kann, sie vielleicht sogar vergisst und es gibt Momente, in denen das nicht gelingt. Meistens habe ich die Lacher auf meiner Seite, wenn ich als Beispiel Hammer, Daumen und Nagel nehme: Ein Mensch, der mit dem Hammer den Daumen statt den Nagel trifft, wird in der Regel aufschreien und sich nicht zuerst für die willkommene Gelegenheit zum Einüben von Selbstbeherrschung und anderen wunderbaren Tugenden bedanken.

Brauche ich, so wie ich aussehe, eine Hilfestellung passiert nichts. Da stellt sich die Frage: Wie oft ist es sinnvoll die gleiche Bitte zu wiederholen, damit ich zu dem komme, was andere selbstverständlich haben. Wie gekonnt vergesse ich, dass ich Bedürfnisse habe und löse sie in Luft auf. Gestern habe ich es auf die Spitze getrieben: Natürlich weiss ich, dass es für nicht behinderte Personen schwierig ist, dass sie meine Informationen in ihren Erfahrungshorizont einordnen können. Gestern nun, bin ich etliche Male rund um ein Thema gekreist, um es zum Schluss beim Schopf zu packen:

Für viele Menschen ist der Höhepunkt einer festlichen Mahlzeit ein Dessertbuffet. Für mich selbstredend sicher nicht: Zuviel Auswahl, zuviele Menschen, Bewegung in einem mir fremden Lokal oder ungewohnt möblierten, festliche Kleidung mit entsprechenden Schuhen, Balancieren der Speisen auf einem Teller. Die einfachste Lösung, um nicht weiter aufzufallen ist, mich als Dessertmuffel zu bezeichnen. Nicht so gestern: Ich sagte mehrere Male, dass mir lieber wäre, dass auch die Nachspeise serviert würde und als ich zum vierten oder fünften Mal an meinem Tisch gefragt wurde und einige schon wiederholten, dass ich lieber serviert würde, fragte ich eine Tischnachbarin, ob sie so freundlich wäre und mir einige Nachspeisen bringen würde. Plötzlich war das ohne unangenehme Nachfragen möglich. So klar stehe ich selten für mich ein. Geschätzte zehn Male wurde das Thema erwähnt.  Ich frage mich, wieviel Zeit muss ich meinem Gegenüber geben und wann wird es lästig, wenn ich frage, weil „man nichts sieht“.

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