Lebenslänglich

Er verlor sein Gesicht im Bruchteil einer Sekunde. Erstaunen, Scham, Entsetzen, Verwunderung und der verzweifelte Versuch Haltung zu bewahren flogen über sein Gesicht, wie Wolken am Himmel bei starkem Wind, wenn das Gewitter kurz bevorsteht. Ahnungslos hatte er sich mir vorstellen lassen: Er, die wichtigste Person dieses Anlasses, weil Präsident der Behörde. Ich umgekehrt hatte immer darauf gepocht, dass die Behörde mir gegenüber Unrecht begangen hatte, hatte mich aber nie darum bemüht sie persönlich  kennen zu lernen, solange ich wie ein Hund litt. Ich sehe bis heute nicht ein, warum Menschen über andere Menschen so weitreichende Entscheidungen treffen dürfen, ohne sie je gesehen zu haben. Das war nun sein Verhängnis. Er realisierte in dem Moment, dass er ein völlig untaugliches Bild von mir hatte, das monströse Gebilde fiel krachend in sich zusammen. Er hatte sich in seiner Phantasie ein Monster gebastelt,  einen Kinder verschlingenden Elternteil. Sich selbst hatte er in die glänzende Rüstung des edlen Ritters geworfen, der aufbrach, um das arme Kind vor diesem elterlichen Ungeheuer zu retten. Vielleicht hatte er zuviele Krimis gelesen oder Science Fiction. Und jetzt in dem Moment wurde ihm bewusst, dass Fachpersonen ihn in die Irre geführt hatten und er sich nun der Lächerlichkeit preisgab. – Gibt es etwas Schlimmeres als sein Gesicht vor dem Menschen zu verlieren, über den man sich selbstherrlich gestellt hat?

Ich grüsste ihn höflich, schüttelte ihm die Hand und spürte meine Macht: Ich war nicht mehr das Opfer, sondern war frei mich in der Gesellschaft zu bewegen. Jedes Mal, ging mir durch den Kopf, wenn ich ihm über den Weg laufe, wird er daran erinnert, dass er nicht nur mein Leben nachhaltig verändert hat. Er hat sich selbst auch lebenslänglich verurteilt, weil sein System auseinandergefallen ist. Zu seinem Unglück sind die gesellschaftlichen Strukturen so klein, dass ich ihm mehrmals im Jahr über den Weg laufen kann, wenn ich es wünsche. Sein Tod oder mein Tod werden dieses Spiel beenden.

Heute war es wieder soweit, nicht dass ich es gesucht hätte, aber offensichtlich trafen sich Mitglieder der Behörde zum Frühschoppen. Eine Runde Männer sass im Restaurant an einem Tisch. Er war dabei. – Manchmal im Leben sollten Menschen, die gerade an der Macht sind, genau bedenken, was sie tun: Ein ungerechter Entscheid kann zum Bumerang werden. Zu dumm, wenn es auch der realisiert, der die Entscheidung getroffen hat.

Vielleicht, wenn wir uns unter anderen Umständen getroffen hätten, hätten wir uns sogar vertragen. Aber die Verantwortung, dass er auf die Leute gehört hat, die er zu Rate zog, diese Verantwortung bleibt an ihm hängen. Es war sein freier Entscheid.

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