Weggesperrt

Im Buch „Weggesperrt“ beschreibt der Beobachter, wie bis 1981 Menschen in Gefängnisse gebracht wurden, die keine Straftat begangen hatten: Die Vormundschaftsbehörden konnten verfügen, dass insbesondere Aussenseiter und ledige Mütter, denen sogar die Neugeborenen weggenommen wurden, auf unbestimmte Zeit in Administrativhaft gesetzt wurden. Bis 1981. Danach wurde alles gut? Ich lese das Buch.

Ich habe von diesem Buch gehört und ich verzweifle daran: Auch nach 1981 ist die Vormundschaftsbehörde in der Schweiz aus Laien zusammengesetzt. Auch nach 1981 hat sie Vollmachten, die erstaunen. Und sind Fachpersonen in jedem Fall besser? Es macht sicher einen Unterschied, ob ein Mensch in ein Gefängnis muss oder mit dem „fürsorglichen Freiheitsentzug“ auf eine geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik kommt. Einen FFE verordnen Fachleute. Ich bezweifle laut, dass sie wissen, was sie tun. In einer psychiatrischen Klinik, deren Abläufe ich kenne, verordnet der hauseigene Arzt einen FFE, was laut Gesetz nicht rechtens ist. Klar, dann muss innert der gesetzlichen Frist der zuständige Regierungsstatthalter erscheinen. Man stelle sich die Tischrunde vor, die sich ergibt: Ein Patient, der nicht gut tut und mit Medikamenten ruhig gestellt ist, behandelnde Fachleute und der Regierungsstatthalter. Vielleicht auf der Seite des Patienten Familienangehörige, wenn er nicht auch dort längst die Rolle des schwarzen Schafes spielt. – Klar ist dieser Ablauf formaljuristisch besser, als der bis ins Jahr 1981. Aber die Fachpersonen, die kennen sich und der Patient, über den entschieden wird, ist ausgeliefert. Dieses Machtgefälle ist geblieben. Erfahrungsgemäss führt die Situation, dass Menschen über andere Menschen Macht haben in Versuchung. Wenige Menschen können dieser Versuchung widerstehen. Viele erachten es mit den Jahren als selbstverständlich, dass sie Berichte über Menschen schreiben, Gutachten abfassen und ganz grundsätzlich Gott spielen im Leben anderer. Ich habe mich gewundert, dass nette Menschen, empatische Männer und Frauen das Fachpersonal in Psychiatrien stellen: Leider konnte ich keinem je mich brennende Fragen stellen, die z. B. lauten:

  • Glauben Sie, dass Langeweile zur Genesung führt?
  • Denken Sie nicht, dass Entmündigung krank macht?
  • Was halten Sie von Ihren Zielformulierungen für ein Leben?
  • Wie kann ein(e) PatientIn Sie so beschäftigen, dass Sie sich wohl bzw. beschäftigt fühlen und dem/der PatientIn den Freiraum geben, um gesund zu werden?
  • Denken Sie allen Ernstes, dass Menschen psychisch krank Dinge können, die sie in gesundem Zustand nicht auf die Reihe kriegen?
  • Wer hilft mit realen Problemen? z.B Rechnungen bezahlen, Wohnungen putzen, Arbeit/Beschäftigung finden, auf einem Niveau, das nicht gleich wieder krank macht?
  • Warum wird man in der Klinik weiter traumatisiert? Denken Sie, so werden PatientInnen gesund?
  • Wissen Sie eigentlich, dass eine psychiatrische Klinik 50% ihrer Probleme selbst verursacht, um hernach Heilung dagegen zu finden? – Sie wissen nicht, was ich meine? – Langeweile, Anstehen für Medikamente, Zwangsmassnahmen, Isolation, Abschieben der Verantwortung, Weigerung mit anderen medizinischen Fachrichtungen zusammen zu arbeiten.
  • Warum unternehmen Sie nichts gegen die Trinkerei im Raucherraum? Haben gewisse PatientInnen Privilegien oder realisieren Sie nicht, was dort abgeht?

Nach 1981 ist alles gut? Eine gerechte Welt stelle ich mir anders vor, als dass man ein unwürdiges Geschehen rechtlich etwas anders abstützt (Paragraphen neu formuliert) und vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegt. Das Geschehen ist subtiler geworden: Körperliche Gewalt wird nur noch in Ausnahmefällen angewandt: Patienten werden in Isolationszellen gebracht und auf Betten 5- bzw. 3- Punkt fixiert. Ein Vorgehen, das im Altersheim bei dementen PatientInnen zum Einsatz kommt.

Dass sich Menschengruppen mit anderen Menschengruppen nicht identifizieren können, dieser Umstand bleibt in der Psychiatrie bestehen. Im Buch „Weggesperrt“ können sich junge Mütter zu Recht nicht mit Straftäterinnen identifizieren. Mit Kleinkriminellen, die lieber in die Psychiatrie gehen als in den Vollzug kann sich ein Psychiatriepatient nicht identifizieren. Wer identifiziert sich mit der verwahrlosten Frau, deren Exkremente vorne und hinten die Hose dunkel oder braun färben und die sich auf „unser“ Sofa in „unserem“ Wohnzimmer setzt? Bei den Mahlzeiten sitzen ihr nur naive Neulinge gegenüber. Sie spuckt ihr Essen in regelmässigen Abständen zwischen den Zähnen hervor über den ganzen Tisch. Zumutbar? – Einfach nicht bekannt, weil sich solche Dinge in Räumen ausserhalb der Gesellschaft abwickeln und keiner, der dort war, sich daran erinnern will und darüber berichtet: Die meisten vergessen das lieber, tanzen weiter den Tanz der Institutionen und ich frage mich, welchem die Integration in die Gesellschaft gelingt und welcher, dieser bunten Mischung, rasch stirbt.

Ich lasse es für heute bei diesen wenigen Personen bewenden. Ein Wort zu illegalen Hanfplantagen. Hanf ist ein uraltes Heilmittel. Gerade für Menschen mit zusammengezogenen, verkrampten (Fachausdruck: spastischen) Muskeln, wirkt Hanf, richtig eingesetzt, oftmals besser krampflösend als Medikamente, die auf dem Markt erhältlich sind. Da sich unsere Gesellschaft liebend gern auf Probleme stürzt, die keine sind und dafür Probleme übersieht, die ihre Existenz gefährden, ist auch für Spastiker die Einnahme von Marijuhana illegal.

1981 war das Ende einer Ära. Ganz offensichtlich konnte die Institution Vormundschaftsbehörde und Erwachsenenschutz nicht in einer gesetzlichen Anpassung so revidiert werden, dass sie überzeugt. – Interessant war zu erfahren, dass die Schweiz ihre Praxis anpassen musste, weil sie der Europäischen Menschenrechtskonvention beitreten wollte. – Fremde Richter bringen schweizerisches Unrecht ein Stück weit – so viel wie nötig und so wenig wie möglich – in Ordnung.

Wieder steht ein neues Gesetz an und im kommenden Jahr im Parlament eine neue Konvention: Die Ratifizierung der UNO Behindertenkonvention. Meine Prognose: Die Räte werden die kleinstmöglichen Zugeständnisse machen und ich bezweifle, ob das neue Kinds- und Erwachsenenschutzrecht mit der UNO Behindertenkonvention kompatibel ist. Auf diese Diskussion, bin ich sehr gespannt.

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