Kinofilm „Jagten“

Der Bund hat in seinem E-Paper und Papierausgabe eine Beschreibung des Films „Jagten“. Online ist zuoberst bei den Filmen ein Bild zu sehen.

Thema: Eine Sechsjährige verwechselt Realität mit Wunschdenken. Weil sie sich zurückgesetzt fühlt, macht sie Andeutungen, dass ein Mann, der beste Freund ihres Vaters, sie missbraucht habe. Darauf wird der Mann zum Gejagten. Laut Bund versteht er es nicht, sich zu wehren. Die unbedachte Bemerkung des Kindes bringt eine Lawine ins Rollen.

Ich habe den Film nicht gesehen. Zu dem Thema brauche ich keinen Film, die Realität ist mir dramatisch genug. Dennoch finde ich es bemerkenswert, dass ein Psychiater den Filmregisseur auf das Thema hingewiesen hat, dass nicht immer die armen Kinder die Opfer sind.

Wenn die Kritik im Bund stimmt, dann scheint der Regisseur Probleme zu haben, sich in die Situation des verfolgten Erwachsenen hineinzufühlen, während er bei seinem ersten Film den Inzest in einer Familie mit aller Dramatik inszeniert haben soll.

Vorausgesetzt, dass das so stimmt, was ich mir gut vorstellen kann, heisst das für meine Schreibarbeiten:

In der Kunst, im Film ist das Thema angekommen, dass Kinder auch nur Menschen sind und Fehler machen. Sie haben ihre eigenen Gefühle und sind manchmal wütend, fühlen sich zurückgesetzt, wollen mehr Beachtung oder was auch immer. Das Thema ist angekommen, aber der Erwachsene wird im Bund als Waschlappen bezeichnet. Es wäre ein interessanter Gedankengang, sich für einen solchen Fall eine fruchtbare Verteidigungsstrategie auszudenken.

Mir fehlt bisher ein Beispiel aus der Realität, in der sich ein erwachsener Mensch erfolgreich wehren konnte, ohne dass sein Leben auseinandergebrochen wäre.

Offensichtlich ist es selbst für einen Filmregisseur nicht die richtige Zeit, um sich voll hinter einen fälschlicherweise verdächtigten Erwachsenen zu stellen. So heikel ist das Thema, so klar die Täter- und Opferrollen: armes Kind, böser Erwachsener.

Aber immerhin ein zögerlicher Anfang ist gesetzt. Unsere Welt wird nicht gerechter, wenn Erwachsene schlecht behandelt werden und Kinder alles behaupten können. Gerechter und fairer wird unsere Welt, wenn im Zweifelsfall alle Seiten, ohne Vorurteile und Vorverurteilung, angehört werden und sich die zuständigen Stellen ein möglichst klares Bild verschaffen. In einem Rechtsstaat, wie der Schweiz, sollte im zweifelsfalle für den Angeklagten entschieden werden.

Damit mich alle richtig verstehen: Ich plädiere hier nicht für Erwachsene, die Kinder missbrauchen. Ich setze mich ein gegen den Generalverdacht, unter den alle Erwachsenen geraten, nur weil einige sich fehlbar verhalten. Ich bin für Fairness allen gegenüber. Ich bin dafür, dass wir unsere Gesellschaft so organisieren, dass mit solchen Vorwürfen ganz sorgsam umgegangen wird.

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Kinderschutzmassnahme zum wievielten?

Im heutigen Bund ist die Geschichte einer jungen Mutter erzählt, der im Wochenbett eröffnet wird, dass ihr die Obhut über ihr neugeborenes Kind entzogen werden wird. Die Geschichte ereignet sich in Thun.

Seit den 1. Januar 3013 sollte doch im Erwachsenen- und Kindschutzrecht alles viel besser und professioneller sein. Der Artikel im Bund belehrt uns eines bessern: Die gleichen Behördenmitglieder sitzen in den Gremien wie vor dem 1. Januar dieses Jahres. Wenn da neu Fachleute hinzukommen, ist doch davon auszugehen, dass bisherige Behördenmitglieder ihre bereits gefällten Entscheide mit Engagement verteidigen werden. So auch in dem Artikel:

Die Eltern in diesem Fall sind im Scheinwerferlicht. Seit 2010 ist das Leben der Kindsmutter in schriftlichen Gutachten, Protokollen und Briefen festgehalten. Wörtlich im Bund: „Trennung vom damaligen Partner, Diagnose einer postnatalen Depression, Gefährdungsmeldung durch die damalige Hebamme, Diagnose einer schizoaffektiven Störung.“

Die Hebamme, die der Mutter nach der Geburt des zweiten Kindes helfen soll, entpuppt sich als Gefährdungsmelderin. Eine postnatale Depression gehört behandelt und Depressionen gelte als gut behandelbar. Trennung von Partner und damit verbundene Schwierigkeiten gehören zum Alltag in der heutigen Gesellschaft. Während der Tod eines Partners als Grund zum Trauern anerkannt ist und Hilfe angeboten wird, ist es bei Trennungen viel schwieriger Verständnis zu finden. Ganz zu schweigen von der Last, die auf den Schultern einer alleinerziehenden Mutter liegt und dem Risiko in die Armut abzugleiten. Zum Begriff schizoaffektiven Störung hilft wikipedia weiter. Da lasse ich mich nicht darauf ein, zumal die Abgrenzung von der Depression unklar scheint.

Im Bundartikel wird später erwähnt, dass die Frau ein Medikament einnimmt. Damit ist klar, dass sie sich ihren Problemen stellt und in Behandlung ist.

Kinderfeindlicher Kinderschutz

Selbst wenn ein Mensch gesund ist und dauernd unter Beobachtung steht, ist das anstrengend und eine Herausforderung. Wie erst, wenn ein Mensch eigentlich Unterstützung und Hilfe bräuchte und statt dessen ins Scheinwerferlicht gestellt wird und die geringste Unbesonnenheit oder Schwäche gegen ihn verwendet wird. Wie soll eine Mutter ihren Alltag meistern, wenn sie ständig im Hinterkopf denken muss: Wenn das Geringste passiert, werden mir meine Kinder weggenommen oder in dem Fall wieder weggenommen. Ein Rechtsstaat, der so auftritt ist familien- und v.a. kinderfeindlich, obwohl er von sich das Gegenteil behauptet.

Die beiden älteren Halbgeschwister des Säuglings, wurden fremdplaziert, als das Jüngere von ihnen wegen einem Sturz im Inselspital behandelt wird. Was soll die Mutter machen, wenn eines Ihrer Kinder medizinische Hilfe braucht? – Dieser Generalverdacht, unter den Eltern gestellt werden, ist heute allgegenwärtig. Sollen sich Kinder gesund entwickeln können, wenn sie von der Mama ins Spital gebracht werden und dann von der Mama wegmüssen und in einer Familie plaziert werden (freikirchlich), die die Werte der Mutter nicht lebt und nicht praktiziert. Kinder in eine freikirchliche Familie zu geben, kann per se zu einer Störung ihrer Persönlichkeit führen, weil die ganze Frage der Schuld – Jesus ist für dich gestorben; du bist ein Sünder –  kleine Kinder in der Regel überfordert. – Erinnern wir uns daran, dass es bei Kinderschutzmassnahmen immer um das Wohl der Kinder gehen sollte. Was immer dieser schwammige Begriff heissen soll.

Einsicht der Behörden gesucht

  1. Es gild dabei zwei Grenzen zu beachten: Eltern können ungerecht behandelt werden und Kinder können ungerecht behandelt werden.
  2. Eltern können Unrecht tun oder versagen und Kinder können wissentlich oder unwissentlich Unrecht in Gang bringen, so dass ihre Eltern von den Behörden vorgeführt werden.

Gemeinsam ist den Geschichten, bei denen Eltern Unrecht erleiden, dass sie sozial schwach sind. Dieser Umstand kann jederzeit aus der Schublade hervorgeholt werden, er ist aktenkundig und als Regel gilt: Einmal schwach, immer schwach, ausser ein Mensch kann sich durch veränderte, äussere Umstände endlich wehren.

Im Bundartikel wird erwähnt, dass es in den letzten Jahren immer mehr Kinderschutzmassnahmen gibt, also Kinder ihren Eltern weggenommen werden. Nach Erklärungen werde noch gerungen.

Ich bin ganz klar der Meinung, dass hier, heute Eltern Unrecht geschieht, weil Behörden irgendetwas machen, um etwas gemacht zu haben. In einigen Jahrzehnten werden die heutigen Fälle aufgearbeitet werden müssen, wie heute die Fälle bis anfangs 80er Jahre aufgearbeitet werden.

Dass vereinzelt Kinder vor Schlägen, Missbrauch und psychischen Schäden bewahrt werden, glaube ich gern. Aber ich gehe davon aus, dass das eher die Ausnahme ist.

Was bringt es den beiden älteren Halbgeschwistern, wenn sie, in dieser Reihenfolge, bei der Mutter, bei einer Pflegfamilie, bei der Mutter, beim leiblichen Vater und wie die Geschichte weitergeht, weiss noch keiner, aufwachsen? Mit etwas gesundem Menschenverstand sieht jeder sofort, dass diese Kinder keine Sicherheit haben können, weil sie herumgereicht werden, wenn etwas passiert. Vielleicht fühlen sie sich sogar schuldig, weil sie denken, es liege an ihnen, dass sie die Mutter verlassen müssen. Diese Wahrnehmung unterläuft oft Scheidungskindern.

Kinder sollten nicht in Familien aufwachsen müssen, in denen ihre Eltern vor unserem freiheitlichen Rechtsstaat Schweiz Angst haben müssen und sich nur noch ohnmächtig fühlen. Der Staat sollte nicht mächtig sondern helfend auftreten, dann wäre dem Leiden der Kinder und Eltern ein echtes Ende gesetzt. Oft wird von den Behörden eine Überanpassung verlangt.

Es kann nicht das Ziel einer Gesellschaft sein, dass alle ihre Mitglieder gleich sind. Wer gegen den Strom schwimmt, ist ein interessanterer Mensch und wer nur wer anders denkt, bringt grossartige Leistungen hervor.

Nachtgedanken

Fortsetzung des Artikels „Hast du Kinder?“

Nachtgedanken

Wie so oft lag sie nachts wach. Sie hatte ein Buch gelesen und der Inhalt beschäftigte sie, steuerte den Gang ihrer nächtlichen Gedanken. Das Buch handelte von einer alten Frau, die sich erfolgreich für ihre Freiheit einsetzt. Von da waren ihre Gedanken zu ihrer Grossmutter gewandert, einer Frau, die aus heutiger Sicht Altersdepressionen hatte. Sie klagte ununterbrochen. Keiner konnte verstehen warum. Hinter ihrem Rücken machte sich sogar der Arzt über seine Patientin lustig. Gestorben war sie an einem unerkannten, akuten, behandelbaren Beschwerden. Ein unnötiger Tod: Keiner hatte im Spital die Schilderung ihrer Beschwerden ernst genommen. Darauf hatte sie an ihren Vater gedacht. Viele Gedanken waren ihr vertraut. Einer traf sie wie ein Blitz. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Es war ihr immer klar, dass sie viele Eigenschaften ihres Vaters geerbt hatte. Bei einigen hoffte sie, dass es nicht so sei. Er hatte sich in gewissen Situationen nicht durchgesetzt, während in anderen seine Fähigkeiten geachtet und anerkannt waren.

In dieser Nacht, in dem Augenblick hatte sie ein Puzzelstück ihres Lebens gefunden oder vielmehr das Scharnier der immer gleichen Tür, die ihr in ihrem Leben des öftern ins Gesicht geschlagen wurde. Ein Puzzelstück ist ein kleiner Teil, eines Bildes in einem Leben. Ein Scharnier kann zu unterschiedlichsten Lebensperioden die gleiche Tür bewegen:

Sie hatte daran gedacht, wie ihre Mutter als junge Frau, ihren Vater dazu gedrängt hatte, gegenüber Freunden den Kontakt aufzukünden. Eines Tages hatte sie sich als Tochter auf dieser schwarzen Liste befunden und entsprechend wurde dem Vater und ihr der gegenseitige Umgang von der Mutter verboten. Daran hatte sich der Vater bis zu seinem Tod gehalten und ihr blieb nichts anderes übrig, als diesen Umstand zu akzeptieren. Es war ihr klar gewesen, dass ihr Kind, das den Umgang mit ihr aufgekündigt hatte und ihr damit beide Kinder entfremdete, das grossmütterliche Verhalten wiederholte. Was in dieser Nacht für sie neu war, war die Einsicht, dass ihr eigenes Schicksal parallel zu dem ihres Vaters lief. In ihrem Leben wiederholte sich, was ihr Vater erlebt hatte.

Bis zu der Nacht hatte sie immer gedacht, dass sie etwas falsch gemacht hätte mit ihren Kindern, dass ihr ein Fehler unterlaufen wäre, den sie übersehen hätte. Ihr Vater hatte nichts falsch gemacht. Ihre Mutter hatte unmissverständlich gefordert, dass Leute aus dem Leben gekippt wurden und auf der schwarzen Liste landeten. Ihre Mutter kannte weder Erbarmen noch Grenzen. Sie ging bis zum Ende.

Dieser Gedanke ist wichtig, dachte sie. Den darf ich nicht mehr vergessen. Er hilft mir, Frieden mit meinem Leben zu schliessen. Ewig will ich nicht unter dem leiden müssen, was mir meine Mutter, meine Kinder und andere Menschen antun.

Dünne Linie

Der Psychiater lehnte sich vor und schaute ihr tief in die Augen: „Sind Sie suizid gefährdet?“ Sie schaute ebenso vielsagend zurück und hauchte: „Nein.“

Intelligenz hatte noch nie zu ihren Problemen gehört. Es mangelte ihr nicht daran. Sie hatte genau einmal in einer Psychiatrieklinik um Hilfe gebeten, weil suizidale Gedanken sie bedrängten. Was sie darauf erlebte, hatte sie bis zum heutigen Tag davor bewahrt, je wieder so eine Dummheit zu begehen. Sie fragte sich, ob die behandelnden ÄrztInnen nicht genau wussten, dass sie belogen wurden oder ob sie allen Ernstes glaubten, gefährdete PatientInnen würden sich outen, insbesondere, wenn sie psychiatrieerfahren waren. Psychiatrieerfahren, so lautete der Name für die armen Teufel, die mehrmals vergeblich versuchten in irgendeinem Alltag Fuss zu fassen und mit dem zurande zu kommen, das zufälligerweise ihr Leben war. Einige gingen in die gleiche Klinik zurück. Sie war an mehreren Orten gewesen und konnte Vergleiche ziehen.

Einmal, hatte sie auf diese Frage mit „ja“ geantwortet. Sie hatte auf ein Notprogramm gehofft, das ihren Schmerz lindern würde. Statt dessen wurde sie ins Isolationszimmer verlegt, durfte die Station, die nun abgeschlossen wurde, nicht mehr verlassen und es war ihr verboten an ihren wenigen Therapien teilzunehmen. Das war ihr eine Lehre gewesen. Seither wusste sie, dass sie lieber den Mund hielt und Suizidgedanken nicht verschrie.

Mit ihrem Wohlergehen hatte diese Frage nichts zu tun: Wenn sie sie positiv beantwortete, begann sich die Gesellschaft gegen sie zu schützen: Es ging um LokführerInnen, die keine vom Zug zerschnittene Gestalt auf den Gleisen brauchen konnten, um Leichenberger, deren Arbeit ohne ihren Tod genug Anforderungen bot. Wie wenn ein zu Tode verzweifelter Mensch anderen Menschen hätte Leid zufügen wollen. Es ging ihr immer darum, Schmerz, unaushaltbaren Schmerz zu mindern, Unerträgliches tragbar zu machen. Aber in der unerträglichsten Situation spuckte die Gesellschaft sie aus und überliess sie ihren unerträglichen Gedanken. – Wie sinnvoll ist eine solche Behandlung in einer Psychiatrieklinik?

 

Wer nie mit der Faust auf den Tisch haut, werfe den ersten Stein*

Im Kanton Bern hat sich ein 69 jähriger Mann in eine auswegslose Situation manövriert. Wer die Zeitung liest oder Fernseh schaut, weiss, dass ich von Peter Hans Kneubühler schreiben will. Seine Geschichte ist rasch erzählt:

Kneubühler ist erstinstanzlich für schuldunfähig erklärt worden. Er hat dieses Urteil gefasst entgegengenommen, obwohl er genau das nicht will. Seine Schuldfähigkeit wiederum musste gerichtlich abgeklärt werden, weil er aus seiner Sicht in Notwehr, aus der Sicht des Staates gemeingefährlich auf Polizisten geschossen und dabei einen schwerverletzt hat.

Kneubühler lebt laut den Medien seit den 90er Jahren mehr und mehr in seiner eigenen Welt und hat Wahnvorstellungen. Er selbst sieht sich als normal und psychisch gesund an.

Ich gehe bei meinen Überlegungen davon aus, dass Kneubühler Wahnvorstellungen hat und medizinische Behandlung braucht. Trotzdem lässt mir die Art, wie dieser kranke Mann behandelt wird keine Ruhe.

Mich verblüfft, dass die moderne Medizin solchen Menschen nicht helfen kann

Offensichtlich ist ein Leidensdruck vorhanden: Kneubühler war den Behörden als Vielschreiber aufgefallen. Er hatte sich mit Händen und Füssen gegen die Zwangsräumung gewehrt. Jeder Versuch mit ihm Kontakt aufzunehmen am Tag der Räumung, prallte an ihm oder seiner Krankheit ab. Vielleicht boten ihm seine vertrauten vier Wände die Sicherheit, die ihm Menschen längst nicht mehr bieten konnten. Darum konnte er sie um keinen Preis verlassen.

Auf die Frage, ob ein solcher Patient therapierbar sei, lautet die Antwort mit vorhersagbarer Regelmässigkeit: Krankheitseinsicht ist die Voraussetzung für eine Therapie. Manchmal denke ich, ein Perspektivenwechsel ist nötig: Lassen wir stehen und nehmen wir ernst, dass ein Mensch mit dieser Art Wahnvorstellungen NICHT krankheitseinsichtig ist und dies nicht seiner Bequemlichkeit , seinem bösen Willen oder sonst einer steuerbaren Ursache entspringt, sondern eben Bestandteil seiner Krankeit oder Behinderung ist. Heisst das, dass er darum weggesperrt werden muss oder heisst es nicht viel mehr, dass er Hilfe auf eine Art angeboten bekommen müsste, bei der er eine Chance hätte, sich kooperativ zu zeigen.

Einer meiner frechen Sprüche lautet: „Die Psychiatrie schafft sich 50% ihrer Probleme selbst, um danach Hilfe für genau die, von ihr geschaffenen Probleme anzubieten.“ Ein Mensch wie Kneubühler hat genug Probleme. Verletzt wie er ist, ist er zu 100% darauf angewiesen, dass sein Leben eine Wendung nimmt, die erstrebenswerte Zukunft erlaubt.

Wie wäre es, wenn solche Patienten ermutigt würden, Ziele zu erreichen: Herr Kneubühler wird nicht mit der für ihn ärgerlichen Tatsache konfrontiert, dass er Wahnvorstellungen hat, sondern er wird z.B. so in Beschäftigungen verwickelt, dass er weniger Zeit hat, sich seiner Schreiberei zu widmen und seine Wahnvorstellungen zu nähren.

Ich gehe auch davon aus, dass sich Einsamkeit und Wahnvorstellung gegenseitig hochschauckeln. Ob da ein Gefängnis der richtige Aufenthaltsort ist? Ich weiss nicht, ob sich Kneubühler weigert, etwas mit anderen Menschen zu tun, ob das je abgeklärt wurde oder ob er nicht Recht hat, wenn er Behörden und Staat als nur feindselig einstuft: Kneubühler wurde das, was im wert war genommen. Ganz fies finde ich, dass seine Tagebucheintragungen gegen ihn gerichtlich verwendet wurden. – Ich bin so froh, leben wir in keinem Spitzelstaat und wird die Privatsphäre jedes Bürgers respektiert. (Dieser letzte Satz ist ironisch bis sarkastisch gemeint.) Ich finde es unvorstellbar, das solch ein Vertrauensbruch rechtlich erlaubt ist. Wenn ich mich in die Situation von Kneubühler versetze, dann ist dieses übergriffige, staatliche Verhalten Gift für seine Gesundheit.

Wo bleibt die Hoffnung? Die Hoffnung das Gefängnis verlassen zu können, wollte er sich nicht nehmen lassen. Seine Chancen sind denkbar schlecht. Warum steckt man ihm nicht klare Teilziele, an denen er arbeiten kann: z.B. Das Gefängnis verlassen kann nur, wer fühlt, was seine Tat für die Opfer bedeutet. – Vergewaltiger müssen das auch lernen. Irgendwann müsste er auch sagen, wo seine Waffe versteckt ist und einigermassen Frieden mit den Behörden schliessen können oder zumindest Vertrauenspersonen haben, die Ihn verstehen und die ihm helfen, auf die er sich verlassen kann, ohne das sie ihn beurteilen müssen.

Reaktion auf den Fall Kneubühl

Gestern sendete das Regionaljournal die Meinung einer Sozialarbeiterin zum Fall Kneubühl: Dieses Reaktion gibt Kneubühl nochmals Recht: Dem Kanton Bern bzw. den Sozialdiensten fällt nichts Gescheiteres ein, als die Schraube anzuziehen: Wer z.B. „mit der Faust auf den Tisch haut“, sich so also als überdurchschnittlich agressiv zeigt, wird zu einem klärenden Gespräch eingeladen und ist damit bereits gezeichnet und abgestempelt.

Wann raffen sich Sozialdienste und Behörden dazu auf, vor ihrer eigenen Tür zu wischen. Wenn ein Mensch wie Kneubühl auffällig wird, dann helfen keine Sanktionen, dann hilft kein feineres Raster, das potenzielle TäterInnen rascher erkennbar werden lässt. Dann hilft allenfalls ein Sich-informieren bei ärztlichem Fachpersonal. Dann hilft sicher interdisziplinäres Arbeiten. Wer Agressionen auf sich zieht, kann lernen, sich agressionsmindernd zu verhalten. Das setzt natürlich voraus, dass eine Sozialarbeiterin fähig und willens ist zu erkennen, wenn Kunden Probleme haben, die ihren Fachbereich überschreiten.

Solange Menschen wie Kneubühl mitten unter uns leben, sind sie so wohl, wie sie sein können und für uns alle am billigsten. Darum lohnt es sich sehr, den Anfängen zu wehren und nicht die Amtsmühlen anzuwerfen und die Frage auszufechten, wer hier Recht hat. Etwas gesunder Menschenverstand und sorgfältiger Umgang mit Mitmenschen und mit staatlichen Geldern wäre wünschenswert.

*Zusammenzug der Aussage aus dem Interview mit der Sozialarbeiterin und dem Bibelzitat: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie.“ (Johannesevangelium, Kapitel 8, Vers 7)

Reaktion einer Sozialarbeiterin im Regionaljournal

Bodehannes Franz

Wem bist du, werde ich gefragt. Meine Antwort lautet unwiderruflich mir selbst. Ich beziehe mich auf keinen Vater, auf keine Mutter, ich bin in einem Alter, in dem ich mir eine solche Frage nicht mehr bieten lasse. Das ist der eine Aspekt und der andere: Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts und sollten allmählich lernen, dass Menschen mehr sind als eine Zusammensetzung der Eigenschaften des Zuchtstalls aus dem sie zufällig stammen.

Regelmässig fällt mein ziviler Ungehorsam auf. Ich verwundere mich, wie wenig es braucht, um in der Schweiz, die so stolz auf ihre Redefreiheit ist, auszuscheren und seine Redefreiheit dazu zu benutzen nach seinen Überzeugungen zu leben:

Bin ich verantwortlich für die Taten oder Untaten meiner Vorväter oder -mütter? Bin ich verantwortlich für meine Taten und Untaten oder bin ich nicht viel eher auf Verständnis angewiesen, weil vieles, was andere hinkriegen für mich nicht zu erreichen ist: Ich habe jahrzehntelang täglich Gelassenheit trainiert. Ich war nicht zu faul, ich habe sicher eine gute Methode gewählt und trotzdem ist der Erfolg bescheiden: So bringt mich auch die Frage nach meiner Herkunft regelmässig auf die Palme:

Ich sehe mich dort oben bildlich hocken mit einer Kokusnuss in der Hand. Dann denke ich, dass es nichts anderes gibt als zu akzeptieren, dass ich so schnell und so rasch auf die Palme flitze. Um sich meine Palme vorzustellen, muss man wissen, dass sie am Ende von waldig bewachsenem Gebiet steht, dem ich meinen Rücken zudrehe. Vor meinem Baum liegt ein kurzer Sandstrand und dann das Meer. Müsste ich einen Ort nennen, würde ich sagen, es ist eine dieser Korallenriffinseln, die nur knapp aus dem Meer ragen. Was mich verwundert ist, dass ich blitzartig mit blossen Füssen den Stamm hochklettern kann, um dann die Baumkrone zwischen meine Schenkel zu klemmen und mich mit einer Kokusnuss zu bewaffnen. Was mich nicht verwundert ist, dass es sich bei meinem Baum um eine Palme handelt: Keine Äste stören meinen raschen Aufstieg. Verstecken muss ich mich nicht, aber Sicherheit brauche ich in dem Moment und keine Sekunde später. Kein Wunder ist, dass ich im Bild aus der Unordnung des waldigen Geländes auf meine, allein dastehende Palme eile. Das ist genau der Ort, an dem ich mich im realen Leben ansiedle: Wenn der Wald bildlich für Menschen steht, das Durcheinander, das entsteht, wenn Menschen sich bewegen, z. B. nach einem Anlass alle aufstehen, um nach Hause zu gehen.

Es gibt viele, alltägliche Situationen, die einen Menschen mit einer Wahrnehmungsstörung überfordern: Einen Überfluss an Reizen muss er mit einer Spitzenleistung kompensieren oder wenn er diese Leistung nicht abrufen kann, verhält er sich sozial unangepasst. Ein solches unangepasstes Verhalten wird gesellschaftlich saktioniert.

Mit diesem Wissen bekommt meine Palme nochmals eine tiefere Bedeutung: Mein Zufluchtsort in meiner Phantasie ist bestens organisiert. Die Reize sind wohldosiert. Es handelt sich immer um die gleiche Palme. Nie verändert sich ihr Aussehen oder die Landschaft in der sie steht. Die Vorstellung, mir Ärger um Palmeslänge vom Leib halten zu können, gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um ruhig zu werden. Ein Ritual um von der Palme zu steigen, sehe ich nicht vor mir. Selten stelle ich mir vor, wieich langsam Fuss um Fuss runtersteige.

Vielleicht reicht der wohlige Seufzer, der mir entwischt, wenn ich mich sicher fühle, um in den Alltag zurückzukehren. Manchmal braucht es Tage, bis ein Ärger nicht weiter in meinem Kopf nachhallt. Meistens bedeutet es ein gutes Stück Arbeit, meinen Kopf wieder in den Ausgangszustand zurück zu versetzen. Diese Arbeit bindet Energie, die ich gern anderweitig verwenden würde. Das ärgert mich und wiederum brauche ich Energie, wenn ich mir gut zurede, damit ich mich nicht ärgere.

Nur Worte

Manchmal denke ich, dass das Leben liebevoll über meine ehernen Prinzipien lächelt: Wenige Tage nachdem ich  zuletzt nach meiner Herkunft gefragt wurde, fragte mich ein anderer Mensch danach. Ich bleibe langmütig und friedlich, gebe auf jede scharf gestellte Frage gutmütig Antwort. Nichts bringt mich aus der Ruhe.

  • Ist die Gesprächssituation eine andere?
  • Bin ich weniger müde, weil dieses Gespräch viel früher am Tag stattfindet?
  • Was ist anders und macht den entscheidenden Unterschied?

Ein Beobachter dieses zweiten Gesprächs ist über seinen Verlauf erstaunt. Er kennt das Prinzip nicht, nach dem Franz gefragt wird, ob er der Sohn von Hannes ist, der im Boden wohnt, damit Franz in das richtige „Schublädli“ gesteckt werden kann.

Ich nehme für mich nach diesen beiden Erfahrungen den Eindruck mit, dass ich nicht so schlimm bin, wie ich befürchte. Hin und wieder könnte der Fehler nicht bei mir, sondern bei meinem Gegenüber liegen. Das Leben scheint über mich zu lächeln und ich lächle zurück. Soviel Humor darf sein und diesen Humor habe ich.