Wer nie mit der Faust auf den Tisch haut, werfe den ersten Stein*

Im Kanton Bern hat sich ein 69 jähriger Mann in eine auswegslose Situation manövriert. Wer die Zeitung liest oder Fernseh schaut, weiss, dass ich von Peter Hans Kneubühler schreiben will. Seine Geschichte ist rasch erzählt:

Kneubühler ist erstinstanzlich für schuldunfähig erklärt worden. Er hat dieses Urteil gefasst entgegengenommen, obwohl er genau das nicht will. Seine Schuldfähigkeit wiederum musste gerichtlich abgeklärt werden, weil er aus seiner Sicht in Notwehr, aus der Sicht des Staates gemeingefährlich auf Polizisten geschossen und dabei einen schwerverletzt hat.

Kneubühler lebt laut den Medien seit den 90er Jahren mehr und mehr in seiner eigenen Welt und hat Wahnvorstellungen. Er selbst sieht sich als normal und psychisch gesund an.

Ich gehe bei meinen Überlegungen davon aus, dass Kneubühler Wahnvorstellungen hat und medizinische Behandlung braucht. Trotzdem lässt mir die Art, wie dieser kranke Mann behandelt wird keine Ruhe.

Mich verblüfft, dass die moderne Medizin solchen Menschen nicht helfen kann

Offensichtlich ist ein Leidensdruck vorhanden: Kneubühler war den Behörden als Vielschreiber aufgefallen. Er hatte sich mit Händen und Füssen gegen die Zwangsräumung gewehrt. Jeder Versuch mit ihm Kontakt aufzunehmen am Tag der Räumung, prallte an ihm oder seiner Krankheit ab. Vielleicht boten ihm seine vertrauten vier Wände die Sicherheit, die ihm Menschen längst nicht mehr bieten konnten. Darum konnte er sie um keinen Preis verlassen.

Auf die Frage, ob ein solcher Patient therapierbar sei, lautet die Antwort mit vorhersagbarer Regelmässigkeit: Krankheitseinsicht ist die Voraussetzung für eine Therapie. Manchmal denke ich, ein Perspektivenwechsel ist nötig: Lassen wir stehen und nehmen wir ernst, dass ein Mensch mit dieser Art Wahnvorstellungen NICHT krankheitseinsichtig ist und dies nicht seiner Bequemlichkeit , seinem bösen Willen oder sonst einer steuerbaren Ursache entspringt, sondern eben Bestandteil seiner Krankeit oder Behinderung ist. Heisst das, dass er darum weggesperrt werden muss oder heisst es nicht viel mehr, dass er Hilfe auf eine Art angeboten bekommen müsste, bei der er eine Chance hätte, sich kooperativ zu zeigen.

Einer meiner frechen Sprüche lautet: „Die Psychiatrie schafft sich 50% ihrer Probleme selbst, um danach Hilfe für genau die, von ihr geschaffenen Probleme anzubieten.“ Ein Mensch wie Kneubühler hat genug Probleme. Verletzt wie er ist, ist er zu 100% darauf angewiesen, dass sein Leben eine Wendung nimmt, die erstrebenswerte Zukunft erlaubt.

Wie wäre es, wenn solche Patienten ermutigt würden, Ziele zu erreichen: Herr Kneubühler wird nicht mit der für ihn ärgerlichen Tatsache konfrontiert, dass er Wahnvorstellungen hat, sondern er wird z.B. so in Beschäftigungen verwickelt, dass er weniger Zeit hat, sich seiner Schreiberei zu widmen und seine Wahnvorstellungen zu nähren.

Ich gehe auch davon aus, dass sich Einsamkeit und Wahnvorstellung gegenseitig hochschauckeln. Ob da ein Gefängnis der richtige Aufenthaltsort ist? Ich weiss nicht, ob sich Kneubühler weigert, etwas mit anderen Menschen zu tun, ob das je abgeklärt wurde oder ob er nicht Recht hat, wenn er Behörden und Staat als nur feindselig einstuft: Kneubühler wurde das, was im wert war genommen. Ganz fies finde ich, dass seine Tagebucheintragungen gegen ihn gerichtlich verwendet wurden. – Ich bin so froh, leben wir in keinem Spitzelstaat und wird die Privatsphäre jedes Bürgers respektiert. (Dieser letzte Satz ist ironisch bis sarkastisch gemeint.) Ich finde es unvorstellbar, das solch ein Vertrauensbruch rechtlich erlaubt ist. Wenn ich mich in die Situation von Kneubühler versetze, dann ist dieses übergriffige, staatliche Verhalten Gift für seine Gesundheit.

Wo bleibt die Hoffnung? Die Hoffnung das Gefängnis verlassen zu können, wollte er sich nicht nehmen lassen. Seine Chancen sind denkbar schlecht. Warum steckt man ihm nicht klare Teilziele, an denen er arbeiten kann: z.B. Das Gefängnis verlassen kann nur, wer fühlt, was seine Tat für die Opfer bedeutet. – Vergewaltiger müssen das auch lernen. Irgendwann müsste er auch sagen, wo seine Waffe versteckt ist und einigermassen Frieden mit den Behörden schliessen können oder zumindest Vertrauenspersonen haben, die Ihn verstehen und die ihm helfen, auf die er sich verlassen kann, ohne das sie ihn beurteilen müssen.

Reaktion auf den Fall Kneubühl

Gestern sendete das Regionaljournal die Meinung einer Sozialarbeiterin zum Fall Kneubühl: Dieses Reaktion gibt Kneubühl nochmals Recht: Dem Kanton Bern bzw. den Sozialdiensten fällt nichts Gescheiteres ein, als die Schraube anzuziehen: Wer z.B. „mit der Faust auf den Tisch haut“, sich so also als überdurchschnittlich agressiv zeigt, wird zu einem klärenden Gespräch eingeladen und ist damit bereits gezeichnet und abgestempelt.

Wann raffen sich Sozialdienste und Behörden dazu auf, vor ihrer eigenen Tür zu wischen. Wenn ein Mensch wie Kneubühl auffällig wird, dann helfen keine Sanktionen, dann hilft kein feineres Raster, das potenzielle TäterInnen rascher erkennbar werden lässt. Dann hilft allenfalls ein Sich-informieren bei ärztlichem Fachpersonal. Dann hilft sicher interdisziplinäres Arbeiten. Wer Agressionen auf sich zieht, kann lernen, sich agressionsmindernd zu verhalten. Das setzt natürlich voraus, dass eine Sozialarbeiterin fähig und willens ist zu erkennen, wenn Kunden Probleme haben, die ihren Fachbereich überschreiten.

Solange Menschen wie Kneubühl mitten unter uns leben, sind sie so wohl, wie sie sein können und für uns alle am billigsten. Darum lohnt es sich sehr, den Anfängen zu wehren und nicht die Amtsmühlen anzuwerfen und die Frage auszufechten, wer hier Recht hat. Etwas gesunder Menschenverstand und sorgfältiger Umgang mit Mitmenschen und mit staatlichen Geldern wäre wünschenswert.

*Zusammenzug der Aussage aus dem Interview mit der Sozialarbeiterin und dem Bibelzitat: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie.“ (Johannesevangelium, Kapitel 8, Vers 7)

Reaktion einer Sozialarbeiterin im Regionaljournal

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