Nachtgedanken

Fortsetzung des Artikels „Hast du Kinder?“

Nachtgedanken

Wie so oft lag sie nachts wach. Sie hatte ein Buch gelesen und der Inhalt beschäftigte sie, steuerte den Gang ihrer nächtlichen Gedanken. Das Buch handelte von einer alten Frau, die sich erfolgreich für ihre Freiheit einsetzt. Von da waren ihre Gedanken zu ihrer Grossmutter gewandert, einer Frau, die aus heutiger Sicht Altersdepressionen hatte. Sie klagte ununterbrochen. Keiner konnte verstehen warum. Hinter ihrem Rücken machte sich sogar der Arzt über seine Patientin lustig. Gestorben war sie an einem unerkannten, akuten, behandelbaren Beschwerden. Ein unnötiger Tod: Keiner hatte im Spital die Schilderung ihrer Beschwerden ernst genommen. Darauf hatte sie an ihren Vater gedacht. Viele Gedanken waren ihr vertraut. Einer traf sie wie ein Blitz. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Es war ihr immer klar, dass sie viele Eigenschaften ihres Vaters geerbt hatte. Bei einigen hoffte sie, dass es nicht so sei. Er hatte sich in gewissen Situationen nicht durchgesetzt, während in anderen seine Fähigkeiten geachtet und anerkannt waren.

In dieser Nacht, in dem Augenblick hatte sie ein Puzzelstück ihres Lebens gefunden oder vielmehr das Scharnier der immer gleichen Tür, die ihr in ihrem Leben des öftern ins Gesicht geschlagen wurde. Ein Puzzelstück ist ein kleiner Teil, eines Bildes in einem Leben. Ein Scharnier kann zu unterschiedlichsten Lebensperioden die gleiche Tür bewegen:

Sie hatte daran gedacht, wie ihre Mutter als junge Frau, ihren Vater dazu gedrängt hatte, gegenüber Freunden den Kontakt aufzukünden. Eines Tages hatte sie sich als Tochter auf dieser schwarzen Liste befunden und entsprechend wurde dem Vater und ihr der gegenseitige Umgang von der Mutter verboten. Daran hatte sich der Vater bis zu seinem Tod gehalten und ihr blieb nichts anderes übrig, als diesen Umstand zu akzeptieren. Es war ihr klar gewesen, dass ihr Kind, das den Umgang mit ihr aufgekündigt hatte und ihr damit beide Kinder entfremdete, das grossmütterliche Verhalten wiederholte. Was in dieser Nacht für sie neu war, war die Einsicht, dass ihr eigenes Schicksal parallel zu dem ihres Vaters lief. In ihrem Leben wiederholte sich, was ihr Vater erlebt hatte.

Bis zu der Nacht hatte sie immer gedacht, dass sie etwas falsch gemacht hätte mit ihren Kindern, dass ihr ein Fehler unterlaufen wäre, den sie übersehen hätte. Ihr Vater hatte nichts falsch gemacht. Ihre Mutter hatte unmissverständlich gefordert, dass Leute aus dem Leben gekippt wurden und auf der schwarzen Liste landeten. Ihre Mutter kannte weder Erbarmen noch Grenzen. Sie ging bis zum Ende.

Dieser Gedanke ist wichtig, dachte sie. Den darf ich nicht mehr vergessen. Er hilft mir, Frieden mit meinem Leben zu schliessen. Ewig will ich nicht unter dem leiden müssen, was mir meine Mutter, meine Kinder und andere Menschen antun.

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