Was Topmanager nicht wissen wollen

Bekanntlich schaut Vasella treuherzig in die Kamera und erzählt, dass er seinen Lohn wert ist, weil er besonders viel leistet.

Na ja,  denkt da der eine oder andere, ich habe auch meinen langen Arbeitstag und die Hausfrau und Mutter denkt, danach ist meine Arbeit noch längst nicht zu Ende. Statt netzwerken mit Cüpli oder Arbeitsessen geht es um zahnende Kinder, Schulaufgaben und schmutzige Windeln.

Das alles ist bekannt. Wozu ich schon lange einen Artikel suche und jetzt endlich in der Sonntagszeitung gefunden habe, ist, wo die wirklich top geforderten Arbeitsnehmer ihre Leistung erbringen.

Im zweiten Arbeitsmarkt. Es wird beschrieben, wie der Druck auf die Firmen wächst, die behinderte Menschen im zweiten Arbeitsmarkt anstellen. Im zweiten Arbeitsmarkt bekommen die ArbeiterInnen praktisch keinen Lohn, es sind IV-RentnerInnen, Kranke und Arbeitslose. Das Ziel wäre die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.

Jetzt, in der Krise, wird Der Druck der Wirtschaft, die die Aufträge erteilt an die Firmen des zweiten Arbeitsmarkts weitergegeben. Weil diese Firmen nicht mehr von der IV direkt sondern von den Kantonen unterstützt werden, kann es sein, dass weniger Geld fliesst.

Pirmin Willi, Leiter der Stiftung Brändi in Luzern, tippt kurz Zahlen in seinen Taschenrechner und zeigt schliesslich sein Resultat: Im Vergleich zu 2008 erhält er 2013 2,8 Millionen Franken weniger vom Kanton. «Man versucht das zu kompensieren, indem man neue Kunden findet, aber das ist alles andere als einfach», sagt er.

Die Leiter dieser Firmen versuchen den erhöhten Druck nicht an die Arbeitnehmer weiterzugeben. Ich denke nicht, dass das gelingt. Behinderte und andere am Rand der Gesellschaft stehende Menschen spüren sehr genau, was Sache ist.

Akkordarbeit mit IV-RentnerInnen, in meinem Kopf will das nicht zusammenpassen. Behinderte Menschen, die nur schlafen und arbeiten, zu müde sind, um etwas Freizeit zu haben. Depressive, die aus dem ersten Arbeitsmarkt fielen, weil er zu stressig war und sich in einem zweiten Arbeitsmarkt wiederfinden, der Einzeltätigkeiten und Fliessbandarbeit verlangt, also zusammenhangslose Akkordarbeit. Besonders schlimm sind die behinderten Menschen, die sich nicht wehren können und gesundheitliche Schäden davon tragen.

Bei Band hatte die Krise noch keine grösseren Auswirkungen auf die Belegschaft. Doch eine Umfrage unter anderen Betroffenen zeigt gravierende Fälle. «Bei uns zählte am Schluss nur noch, möglichst viel Geld zu machen», erzählt ein Behinderter aus Genf. «Wir mussten laufend mehr schaffen in immer weniger Zeit.» Der Mann ist zu 100 Prozent IV-Rentner, weil er unter epileptischen Anfällen leidet. Die Einzige, die ihn vor seinen Krämpfen warnen kann, ist seine Labrador-Hündin. Wenn sie spürt, dass ein Anfall kommt, gibt sie ihm ein Zeichen, damit er sich vorbereiten kann. Schliesslich hat ihm seine Behindertenwerkstatt verboten, die Hündin mit zur Arbeit zu nehmen. Er hat nach 15 Jahren gekündigt.

Um die Produktivität zu steigern, setzen einige Werkstätten die Behinderten auch am falschen Ort ein – bis es zu Unfällen kommt. Sozialarbeiter Vincent Flament schreibt in seiner Abschlussarbeit an der Fachhochschule Wallis, wie Frau H. in einer Lausanner Werkstatt zum Bügeln eingeteilt wurde, obwohl ihr das Schmerzen bereitete. Ein anderer Zeuge berichtet, wie eine Dame, die an der Glasknochenkrankheit leidet, in der Telefonzentrale einer Genfer Institution eingesetzt wurde. Prompt habe sie sich den Arm bei der Bedienung eines nicht behindertengerechten Telefons gebrochen.

 

Eigene Erfahrung

Als ich selbst, schwerst depressiv solche Arbeiten erledigen sollte, war ein trockener Kommentar von Freunden: „Wer nicht schon vorher depressiv war, wird spätestens bei einer solchen Tätigkeit depressiv.“ – Ich musste auf Milimeter genau mit Farbpapier, doppelseitiger Klebefolie, Massstab, Schere und Bleistift Kleber herstellen, die in Prospekten über einen nicht mehr aktuellen Text geklebt wurden.

An einem anderen Arbeitsplatz sollte ich in einem Grossraumbüro einfache Büroarbeiten erledigen. Ein Grossraumbüro ist für meine Behinderung ein Stress. Die PCs wurden ständig überwacht. Der Vorteil war, dass ich mit andern essen konnte. Dem Stress, sinnlose Arbeit zu erledigen, war ich nicht gewachsen. Nach einem Hochschulabschluss und 16 Jahren Berufserfahrung, eigne ich mich nicht für eine kaufmännische Anlehre.

Was mich beelendet an dem Artikel der Sonntagszeitung ist, dass er recherchiert ist, quer durch die Schweiz. Im Welschland, im Kanton Bern, Luzern, St. Gallen, Zürich. Vernünftigerweise denke ich, dass wo ein Problem besteht, eine Lösung gesucht wird. Aber so ist es nicht:

Wenn der Kanton bei der Unterstützung des 2. Arbeitsmarktes spart und die ArbeitnehmerInnen in den 3. Arbeitsmarkt, nämlich die geschützten Werkstätten abwandern, ist niemandem gedient. Die behinderten Menschen sind ausgegrenzter, im Artikel wird schnörkellos festgehalten, dass in geschützten Werkstätten Artikel hergestellt werden, die sich nur schlecht verkaufen lassen.

Kurz, das Ganze wird teurer, einfach aus einem anderen Kässeli. Ich werde wohl nie verstehen, wie in solchen Zusammenhängen die rechte Hand nicht wissen will, was die Linke tut. Irgendwo dazwischen triffft es Menschen, wie dich und mich, die verunsichert sind und deren Gesundheit leidet.

Behindert sein ist das eine. Behindert und krank ist etwas ganz anderes.

Wer leistet mehr? Der, der viel Lohn heimträgt oder der, dessen Körper so ausgepresst wird, dass seine Gesundheit leidet?

 

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