Glücklich bis ans Ende ihrer Tage

„Schön“ ist ein Allerweltswort. Genau solche Worte, die jeder zu verstehen glaubt, führen zu Missverständnissen.

Eine schöne Frau, ein schönes Haus, die Aussicht ist schön; schön bezieht sich auf einen optischen Eindruck.

Akustische Beispiele lassen sich ebenso finden.

Wann ist eine Geschichte „schön“? Sie kann gut recherchiert sein und ist deshalb schön, weil sie detailreich und interessant ist. Sie kann formal schön sein, der Stil und die Wortwahl transportieren den Inhalt genial. Sie kann schön gruselig sein und mit der Decke über den Kopf gezogen, schläft es sich besonders gemütlich. Sie kann so spannend sein, dass am Schluss der Leserin ein erlösender Seufzer entweicht: „Diese Geschichte ist so schön.“ Oder eine Geschichte ist erst dann schön, wenn der Leser gut einschlafen kann, weil die Beziehungen zwischen den Menschen in der Geschichte so wohlig sind, wie in den guten, alten Märchen, wo jeweils steht: „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“

Wenn ich eine „schöne“ Geschichte schreiben wollte, dann müsste sie im letztgenannten Sinn schön sein. Möglichst paradiesische Zustände auf Erden finde ich erstrebenswert. Weil die Gedanken der Menschen prägen ihre Denkmuster. Das weiss man aus der Neurologie. Ob sich ein Mensch vorstellt, er esse ein Eis oder er isst es tatsächlich, die ausgeschütteten Belohnungshormone im Hirn sind gleich. Die Wiederholung eines Denkmusters im Hirn prägt es tiefer ein und bei Gelegenheit wird das bekannteste Denkmuster als erstes in die Tat umgesetzt. Wenn wir sagen: „Übung macht den Meister“, meinen wir genau das. Wir trainieren unser Hirn bis es, wie von selbst, die gewünschte Leistung erbringt, weil sich der Ablauf so gut eingeprägt hat.

Also ist daraus zu schliessen, dass, wenn ein Mensch in seinen Gedanken die Harmonie, den Ausgleich und den Frieden sucht, er diese Eigenschaft auch eher in die Tat umsetzen kann, als ein Mensch, der sich nicht einmal in den Gedanken damit befasst. Das heisst nun nicht, dass wir so menschliche Engel züchten können, aber es heisst, dass es Sinn macht, sich zu überlegen, mit welchen schönen Gedanken wir unser Hirn füttern. Es gibt zweifelsohne auch andere Einflüsse, die wirken und nicht zu unterschätzen sind. Aber schöne Gedanken, wenn es möglich ist und ein Mensch nicht gerade in einer Depression steckt helfen allemal.

„Glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ wurde lange Zeit und wird noch heute von vielen in die Welt der Märchen verbannt und deshalb als überholt angeschaut. Mir sind Märchen Kostbarkeiten und Utopien, die Massstab für mein Leben sind. Es verwundert mich nicht, dass das Wort „schön“ für mich zuerst diesen Inhalt bedeutet. Bevor ich gross überlege, wende ich den Massstab an, den ich aus den Märchenerzählungen mitgenommen habe: „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“

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Was ich zu fürchten gelernt habe

Es gibt Situationen, in denen es für mich am besten ist, mich so schnell als möglich zu entfernen. Diese Begebenheiten laufen immer gleich ab. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, werden Menschen, die mit mir zu tun haben, aggressiv. Als kleines Kind war ich diesen Erwachsenen ausgeliefert. Ein verletzender Satz lautete: „Wenn du keine(!) Gefühle hast, dann brauch wenigstens deine Intelligenz.“

Die Kindheit ist längst vorbei. Aber bis in die Gegenwart gibt es AggressorInnen. Beliebt ist, meine Behinderung als Anhaltspunkt zu nehmen. In einer psychiatrischen Klinik(!) hat man mich an zwei unterschiedlichen Tagen zum Sündenbock gestempelt, weil ich „an der falschen Stelle“ gelacht habe. Was ein Mensch ohne Hirnverletzung noch knapp unter Kontrolle halten kann, nämlich eine gestresste Situation ohne Ventil zu überstehen, schaffe ich nicht. Ich brauche ein Ventil und oft ist es Lachen. Es gibt auch das Häutchen abziehen an den Fingern und Fingernägel bzw. Kaugummi kauen oder sonst eine Beschäftigung, die Spannung abbaut.

Wenn ich in der selbstgerechten Art zum Sündenbock erkoren werde, brauche ich keine Pfarrerin, die mir die Bibel auslegt. Intuitiv verstehe ich die Worte Jesu: „Herr vergib ihnen, den sie wissen nicht, was sie tun.“ Man merke: Nicht behinderte Menschen dürfen voll aggressiv sein. Sogar sog. Fachleute dürfen sich behinderten Menschen gegenüber unprofessionell verhalten. Aber wehe, wenn der behinderte Mensch schlechte Laune hat, mies drauf ist und sich einen Sündenbock sucht. Das kommt ganz schlecht an und ist verboten. Frei nach dem Spruch: „Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Letzthin in einem Kurs hat mir die Kursleiterin gesagt, ich würde mich über alle erheben und „in letzter Instanz“ entscheiden, was richtig sei und was falsch. Sie brauchte das Wort „Inquisition“. Mein „Vergehen“: Es war ein Schreibkurs. In einer Geschichte eines anderen Kursteilnehmers hatte mich eine Nebenfigur dazu animiert, die Figur zu nehmen und zu ihr eine Geschichte zu erfinden. Wir hätten alle keine Literatur, wenn nicht ständig Themen aufgegriffen, neu gestaltet, anders geschrieben würden.

Für alle, die gern etwas zum Lachen haben: Der Witz ist, dass diese Nebenfigur in der Originalgeschichte sehr einsam war. Ich habe sie in meiner Geschichte in die Gesellschaft integriert. Inklusion nennt sich das. – Wenn das nicht einmal auf dem Papier erlaubt wäre, dann könnte die gesamte Behindertenbewegung, die über Inklusion nachdenkt und sie fordert, einpacken. Aber das tun wir nicht. Wir sind da und bleiben ein Teil dieser Gesellschaft, auch wenn einige Mit- oder Gegenmenschen sichtlich Mühe haben, damit umzugehen.