Hausärztin

Gestern Abend war ich bei meiner Hausärztin. Persönlich bin ich überzeugt, dass ich mit meiner Selbsteinschätzung Recht habe, aber ich wollte mir sicher sein und ihr Feedback. Die Atmosphäre war wie immer, ruhig und gelöst, wir haben Witze gemacht und gelacht. Medikamentös hat sie meinem gequälten Körper eine Ruhepause eröffnet: Das Corpus delicti, das Schlafmedikament, darf ich ruhig regelmässig einnehmen, bis ich sie wiedersehe. Jetzt gibt es Ruhe im Hühnerstall und ich werde nicht mit Medikamenten flachgelegt. Wir haben uns unterhalten, was normal ist. Wir haben über meine Familie gespottet, die sie einmal live erlebt hat. Danach hat sie mir spontan erzählt, dass sie auf Grund meiner Schilderungen ein gewisses Bild gehabt habe, dass aber die Realität schlimmer sei. Wir sagen jetzt, dass meine Familie „en Eggen abhet“. Für mich ist es sehr wichtig und befreiend, dass ich nicht immer als schwarzes Schaf dastehe, wenn ich auf meine Familie angesprochen werde.

Die ältere Generation und meine Generation ist gefangen im bernburgerlichem Gehabe (bitte selbst googeln, es wird öfters mit einer Geheimloge verglichen, ist ein Riesedrill für die betroffenen Kinder, die in dem Umfeld aufwachsen. Eine kritische Würdigung ist im Link, ansonsten schwierig zu finden), was ich schon als Kind nicht einleuchtend fand, obwohl ich grundsätzlich überangepasst reagiere, damit ich nicht auf die Ohren bekomme. Bei fast jedem Kontakt passe ich mich den Wünschen meines Gegenübers automatisch an. Immer in der Hoffnung, dass ich keine verbalen Schläge abkriege.

Meine ältere Tochter hat leider einen egoistischeen Charakter, der es ihr unmöglich macht, mir die geringste Handreichung zu erledigen. Ohne dass sie es realisiert hat, habe ich versucht eine Aktenlage zu erarbeiten, damit ich sie total enterben kann, in der CH eine riesenhohe Hürde. Ein Punkt ist allerdings, wenn sich die Kinder nicht um hilfsbedürftige Eltern kümmern.

Mein zweites Kind ist invalid. Dieser wunderbare, hochbegabte Mensch, geboren 92, ist in der gleichen Mühle gelandet wie ich. Da erwarte ich Null Hilfe, weil der Überlebenskampf den Alltag bestimmt. Sie soll mein gesamtes Erbe erhalten.

Das ist meine Familie und ich gehöre als Kuckucksei dazu. Ich kann es mir rational nicht erklären, warum ich gegen bernburgerliches Gehabe immun war und bin. Für mich ist jeder Mensch ein wertvoller Mensch und ich bin z.B. auch mit HandwerkerInnen per Du. Ich habe es einfach nicht nötig mich als etwas mehrbesseres zu empfinden. (Heisst es mehrbesseres? Mundart: mehbesser)

2 Gedanken zu „Hausärztin

  1. Danke, liebes Grünsmonsterchen, für diesen hochinteressanten Beitrag!
    Ich habe den Link geöffnet über die Bernburger und viel für mich völlig Neues erfahren. Da Du ja auch dazugehörst, ob Du das willst oder nicht, kann ich Dich noch viel besser verstehen als bisher.

    „Für mich ist jeder Mensch ein wertvoller Mensch und ich bin z.B. auch mit HandwerkerInnen per Du. Ich habe es einfach nicht nötig mich als etwas mehrbesseres zu empfinden.“ Das ist eine wunderbare Haltung, die ich sehr schätze und mit Dir ohne Abstriche teile.

    Alles Liebe,
    Eliane

    P.S.: In der hochdeutschen Sprache heißt es einfach nur „Besseres“, die Steigerungsstufe auf „Mehrbesseres“ haben wir da nicht (habe im Duden nachgeschaut).

  2. Es ist eine ganz spezielle Geschichte und wer darin nicht aufgewachsen ist, kann es sich nicht vorstellen. Kommt immer zum Tragen in einer psychiatrischen bzw. psychologischen Anamnese. Ich erzähle, wie es ist und die Fachperson glaubt mir kein Wort. Seit diese Historikerin ihr Buch publiziert hat, kann ich sagen, dass jedeR es dort nachlesen kann. Ich spare meine Energie und den Ärger darüber, dass mir nicht geglaubt wird. Der Historikerin, der wird geglaubt.

    Umgekehrt erlebe ich Unmögliches mit meinem Nachnamen. Ich sage am Tel. oder wo auch immer, wie ich heisse und dann werden diese adeligen drei Buchstaben sehr oft weggelassen. Dann ist klar, welche Absichten das Gegenüber hat. Ist sogar im bugerlichen Altersheim vorgekommen. Da habe ich gemotzt. Wenn diese jungen Frauen in dieser Atmosphäre arbeiten wollen, dann haben sie sich den burgerlichen Anstandsregeln zu unterwerfen und nicht bloss anzupassen.
    Sonst schweige ich meistens, denke mir aber meine Sache. Natürlich ist es dann meistens Futterneid und klar, ich bin so reich und war nie auf der Sozialhilfe, was übrigens etliche Menschen schockiert, dass meine Famile, vermögend wie sie ist, mich auf der Zunft Almosen empfangen liess. Meine Mutter, die vom Gesetz her mir gegenüber unterhaltspflichtig ist, hat mir später einen gewissen Betrag überwiesen. Ich habe ihr extra nicht gesagt, wie hoch meine Schulden waren, weil ich schauen wollte, was sie für angemessen hielt. Hat meine Schulden nicht voll gedeckt und das nach den Richtlinien der SKOS, was wenig Geld pro Monat ist. Da dreht frau wirklich jeden Rappen um. Ich hatte es mir schon gedacht und habe mich nicht getäuscht. Reiche Menschen sind ein Universum für sich und haben ihre ganz bestimmten, für mich nicht nachvollziehbaren Spielregeln.

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