Guter Rat teuer

Viele Menschen scheinen zu denken, dass Menschen wie ich ihre Probleme bündeln können, um sie einer Fachperson darzulegen und sich fachlich helfen zu lassen. So läuft es weder bei mir noch bei Traumatisierung in der CH.

Wer nicht mitgelesen hat: Im Alter von zwei Jahren wurde ich medizinisch behandelt, so dass ich unerträgliche Schmerzen erlitt. Das ist meine erste Traumatisierung. Die läuft natürlich völlig unentdeckt mit mir durch meine Lebenszeit. Klar, dass ich damals nie von mir gesagt hätte, dass ich traumatisiert sei. Mit zwanzig wusste ich glasklar, dass ich Nacherziehung brauche, wie ich es für mich nannte, dachte, dass ich das selbst erledigen könne. Mit 22 Jahren kam die erste offizielle Depression, ein klassisches Symptom von Traumatisierung. Die ging vorbei, dann war einige Jahre Ruhe etc. etc. bis zu dem Punkt als ich pro Jahr 2 bis 4 Depressionen bekam.

Ich erinnere mich genau, wie ich in einer Klinik der Physiotherapeutin gegenüber schüchtern formulierte, dass ich als Kind auf die Physio wie auf Folter reagiert hätte. Wie höflich, schüchtern und zurückhaltend war meine Formulierung. Sie stopfte mir meinen Mund für Jahre. Trotzdem blieb in meinem Bewusstsein, dass ich traumatisiert sei auf nicht anerkannte Art. Mir kamen andere Themen in den Sinn, bei denen das Leiden der Betroffenen unter den Tisch gekehrt wurde, jahrzehntelang, möglichst so lang bis die Betroffenen gestorben sind. Tote kosten nichts.

Immer hat sich meine Gesundheit verschlechtert. An irgendeinem Punkt war sie unaushaltbar und die klassische Reaktion der Mediziner war Repression.

Jetzt bin ich erste Schritte mit meinem Traumatologen gegangen. Ich bin in keiner Depression. Mein Alltag ist total unbefriedigend, ich schaue praktisch nur Trash-TV und alle meine Hobbymöglichkeiten stehen und liegen ungenutzt herum. Natürlich kann ich keine Wunder in wenigen Stunden erwarten. Ebenso natürlich ist es für mich schwierig weiter auszuhalten und abzuwarten, bis die Therapie mein Leben hoffentlich zusehends verbessern wird.

Schweigen oder schreiben, Dampf ablassen oder aushalten? Keine Ahnung was richtig ist. Die schlechten Energien der unverarbeiteten Traumatas rasen natürlich ständig in meinem Körper. Kommt mir oft so vor als hätte ich in meinem Oberkörper eine Spielzeugautorennbahn und die Autos rasen wie wild.

Klar ist, dass ich so clever sein muss mit meinen eigenen Resourcen, dass ich überlebe. Das muss frau sich auf der Zunge vergehen lassen: Ich bin 60 Jahre alt und lebe. Dazu gehört, dass ich das, was ich hier schreibe meistens drei-, viermal lese. Schreiben gilt in der Feld-, Wald-, Wiesenpsychiatrie als eine Möglichkeit der Verarbeitung. Keine Ahnung, ob Schreiben kleinere Probleme löst oder grosse etwas verkleinert. Zu wünschen wäre es.

5 Gedanken zu „Guter Rat teuer

  1. Liebe WieOrt,
    Eine ernste und sehr gesammelte, realistische Darstellung deiner Situation.
    Du hast einen guten Begleiter an deiner Seite, einen Traumatologen, zu dem du Vertrauen hast. Klasse.
    Aber GEHEN , Schritt für SCHRITT wirst du selbst müssen. Von ihm geführt. Hast du mal gefragt, worin dein Eigenanteil an der Verarbeitung besteht?
    Hast du abgeklärt, ob es sozusagen ein „Notfallköfferchen“ gibt, was du tun kannst, wenn die schlechten Energien ihr Rennen veranstalten?
    Rennst du mit oder hast du eine Möglichkeit, das rennen „abbiegen“ zu lassen, die Geschwindigkeit zu drosseln?
    Wenn du spürst, dass Schreiben dir gut tut, dann schreib. Du musst das wissen.
    Wenn du spürst, dass Schreiben ein Rennen startet und dann beschleunigt, dann entscheide dich.
    Ein bisschen „Versacken“ in Erdnussknabbern und Trashfilmen kann sehr wohltuend sein, sei nicht zu streng mit dir. Nicht alles auf einmal angehen. Energien auf das richten, was dich am meisten beansprucht.
    Wünsche dir jetzt ein Supertägli
    Filippa

  2. Guten Morgen, meine Liebe!

    „Schweigen oder schreiben, Dampf ablassen oder aushalten?“
    Das ist hier die Kernfrage. Ich weiß auch nur vom klassischen Ansatz der Psychotherapie, daß Schreiben eine Möglichkeit der Verarbeitung darstellt. Ob das aber für eine Traumatherapie auch gilt, habe ich keine Ahnung, genauso wenig wie Du es eben von Dir sagst.

    Das kann aber niemand anderer als Du beurteilen, denke ich – den Unterschied fühlst Du ja. Geht es Dir besser nach dem Schreiben? Ist es gar nicht anders, als wenn Du schweigst? Einen bewußt hergestellten traumafreien Raum aufzusuchen – gelingt das überhaupt, lassen sich die „herumrasenden Autos“ bewußt im abseits parken? Oder ist das bloß eine neuer Verdrängungsversuch, der schädlich wäre? Solche Gedanken gehen mir durch den Sinn.

    In der Meditation werden diese „herumrasenden Autos“ (unliebsame störende Gedanken) nicht verscheucht sondern mit hineingenommen in die Stille durch bewuße Konzentration auf das Atmen, auf diese Deine Körperfunktion. Dann rasen sie nicht mehr, dürfen wohl da sein, aber sie stehen währenddessen still. Das allein ist schon eine wichtige Veränderung.

    Du wirst bestimmt bei Eurer nächsten Sitzung Deinen Traumatherapeuten fragen. Es würde mich sehr interessieren, was er dazu sagt!

    In der Zwischenzeit – hoffentlich nicht mehr allzulange – wünsch ich Dir erfreuliche wohltuende Erlebnisse, vielleicht mit Jonathan, dieser Lichtgestalt!

    Herzliche Grüße
    Hannelore

    • Gerade stelle ich fest, daß ich meinen Kommentar gleichzeitig mit Filippa geschrieben habe, sie war bloß 5 Minuten schneller beim Absenden …
      Hallo Filippa, es ist fein, Deine Kommentare zu lesen!
      LG. Hannelore

  3. Hihihi…….. wie unterschiedlich sind eure Antworten und wie unterschiedlich ist meine Reaktion.
    Also die Methoden sind EMDR und PITT. Mein Anteil: Imagination angeleitet und zu hause selbständig. Das ist ziemlich schwierig, wenn die Gedanken rasen.

    Gegen Trauma gibt es nach meinem Wissensstand nur die Traumaverarbeitung und mein Therapeut empfiehlt zusätzlich Bewegung gegen die Depression. All die anderen Versuche laufen ins Leere: Medikamente und psychologische oder psychiatrische Gespräche, auch die Neurologie ist betroffen mit ihren Fehldiagnosen, weil nach der Neurologie meine Depressionen neurologisch sind. Also ich bin so tapfer und halte alle meine schlechten Energien meistens brav aus. Dass ich z. B. schnell gereizt bin, ist mir längst bekannt und oft bin ich still, meistens sogar. Dafür klopfe ich mir mal auf meine Schulter, weil das eine Riesenleistung ist, die kein Mensch schätzt ausser ich.

    Bei einer Therapeutin wurde mir empfohlen, mich immer nur ein bisschen zu erinnern, soweit dass ich mich nicht aufregen würde. Mit der Methode ist nicht ein einziges Trauma verarbeitet worden. In der Imagination schaue ich ein Trauma von ferne an und immer mit EMDR. Es gibt bestimmte Schritte dabei, einen genau organisierten Ablauf. Dieselbe Therapeutin damals empfahl mir zwei Bücher zum Thema. Leider konnte ich mich nicht selbst heilen.

    Wenn ich mich mitteile, beruhige ich mich, das ist eine alltägliche Methode. Vorhin war Jonathan da und ich habe ihm erzählt, wie ich Mühe habe ruhig zu bleiben oder ruhig zu werden. Während des Erzählens wurde ich spürbar ruhiger.

    Was die klassischen, positiven Aktivitäten anbelangt, denke ich, dass sie ein früheres Zusammenbrechen verhindert haben. Ich habe erst nach all dem Leiden erklärt, dass es nun genug sei. Braucht ziemlich viel Mut der gesamten Psychiatrie und Psychologie zu erklären, sie tauge nicht*. Ist ziemlich deftig zu spüren, dass frau Hilfe braucht, aber nicht das, was landläufig angeboten wird. Es macht mich traurig, dass mich auch die Neurologen veräppelt haben, weil ich ihnen immer traute und die Tests für mich so logische und nachvollziehbare Resultate brachten. Erst nachdem der neurologische Psychiater, nach Eigendarstellung eine grosse Kapazität, auch versagt hatte, suchte ich im Internet nach Traumatherapie.

    Ich denke, es wird Zeit brauchen, bis ich mit dem zeitlichen Ablauf klarkomme, dass ich erst seit wenigen Wochen Traumatherapie habe. Darauf gibt es keine Antwort, das ist klar. Trotzdem ist es ein Akzeptierenlernen. Das braucht seine Zeit.

    *Ich weiss, dass frau nicht verallgemeinern darf. Leider habe ich keine Ahnung, ob ich 35 Fachpersonen gesehen habe oder 3675. In meinem Leben sind es alle. – Man darf sich überlegen, was deren Rolle in meinem Leben war ausser ihr Geld zu verdienen. Jedenfalls mir wird schlecht, wenn ich daran denke.

  4. Hallo, liebes Grünmonsterchen,

    Wie geht es Dir? Seit 4 Tagen sehe ich keine Einträge mehr von Dir. Ist alles in Ordnung?

    Du hast geschrieben „Wenn ich mich mitteile, beruhige ich mich, das ist eine alltägliche Methode.“ Bist Du jetzt so ruhig, daß Du Dich nicht mitteilen mußt?

    Ich merke, wie es schon zu meinem Tag dazugehört, Deinen Blog zu lesen! Anders gesagt, Du gehörst schon zu meinem Tag und fehlst mir, wenn Du nicht erscheinst … Sowas, sind ja erst 4 Tage. Du darfst mich jetzt auslachen, Grünmonsterchen!

    Ich schicke Dir liebe Grüße!
    Eliane Blaumonsterchen,

    die derzeit in unsagbaren Schneemassen versinkt …Bin deshalb in die Stadt ausgewichen, mein Häuschen am Land trotzt jetzt ganz einsam Sturm und Schnee.

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