Stockholm geh weg

Gestern ist mir Frau Stockholm begegnet und das war schmerzhaft. Das Stockholmsyndrom beinhaltet, dass sich ein Opfer mit dem bzw. der TäterIn teilweise identifiziert. In einer traumatischen Situation eine Möglichkeit um überleben zu können. Das war mir schon lange bekannt, auf mich anwenden konnte ich die Theorie nicht.

Vor einigen Monaten habe ich mit der Traumatherapie begonnen und war hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen. Natürlich denke ich unter der Woche ab und zu daran, welche belastenden Erlebnisse ich noch zu verarbeiten habe. Seit einigen Wochen kommt mir nichts mehr in den Sinn, ist da die grosse Leere. Dafür hat sich der Gedanke eingeschlichen, ich sei vielleicht besonders wehleidig. PsychiaterInnen und PsychologInnen hatten sich ab und zu so geäussert, insbesondere wenn es um meine Cerebrale Parese ging. Man sieht nichts, also ist nichts, ist wohl deren Motto.

Genau dieser Satz: Ich bin ein Weichei!, ist die Teilidentifizierung mit der Täterin.

Gestern sah ich die Situation vor mir, ich spürte die Last auf den Schultern meiner damals elf Jahren, die Bürde war zu schwer, es gab kein Ausweichen. Während der Verarbeitung war mir klar, dass diese Arbeit eine ganz wichtige ist, weil auf der Schiene so vieles falsch laufen kann und sie in letzter Konsequenz auf die Selbstzerstörung hinauslaufen muss.

Für meine Verhältnisse habe ich schon viel Vertrauen zu meinem Traumatherapeuten, dass ich so schwierige Themen anzusprechen wage. Das Leben hat mich eigentlich gelehrt, mich möglichst immer in der Situation zu befinden, dass ich mich sofort aus dem Staub machen kann.

Jetzt hoffe ich, dass diese Selbstblockade weitgehend gelöst ist. Jedenfalls fühle ich mich heute Morgen ein bisschen besser als in den vergangenen Wochen. Das wäre ein weiteres Ziel, aus den wiederkehrenden Depressionen herauszukommen. Der Traumatherapeut ermutigt mich von Mal zu Mal, dass sich eine Veränderung ergeben wird, die für mich positiv ist. Er verspricht nie vollständige Heilung, aber eine solche tiefgreifende Verbesserung, dass sich dafür die Arbeit lohnt.

Ein Gedanke zu „Stockholm geh weg

  1. Ich danke Dir für diesen Bericht, für Deine Offenheit. Es ist sehr beruhigend zu wissen, daß Dein Vertrauen zu Deinem Traumatherapeuten schon so gewachsen ist. Da wächst auch Hoffnung und Zuversicht.

    Sei ganz lieb gegrüßt!
    Eliane

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