Clown, in Liebe, tschüss

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Bildcopyright: Rolf Knie

Mein Alterego, mein Clown, schon vor meiner Einschulung stets auf Abruf bereit, treu an meiner Seite, ist wie ich, in die Jahre gekommen.

Seine Schuhe sind ziemlich zerfleddert. Er hinkt damit wie ich. Ich habe ihm angeboten, Ersatz zu organisieren. Er will nicht, lieber läuft er barfuss von wegen Gleichgewicht, hat er mir zugeflüstert. Ich habe aufbegehrt, ich finde ein Barfussclown gehe gar nicht. Er hat verschmitzt gelächelt, ich gehe in Pension, du brauchst mich nicht mehr an deiner Seite.

Ich habe geschrien. gezettert, ohne meinen Clown fühle ich mich nackt.

Er hat mich lächelnd eingeladen, meine letzten Monate Revue passieren zu lassen, all die Menschen, die scheinbar aus dem Nichts, so oder anders in mein Leben getreten sind, anzuschauen. Du bist gross und stark geworden, hat sein rotweiss geschminkter Mund genuschelt. Trotz der bald einmal fehlenden Schuhe, hält er an seinem Berufsstand eisern fest: Ein Clown ist immer geschminkt. – Meine Mauern hat er mir anvertraut, an uns beide sind die Menschen nie näher gekommen, als meine Mauern erlaubten. Dankbar habe ich seinen Blick erwidert, den einzigen Mann in meinem Leben mit braunen Augen, dankbar weil er mich so lange stets und treu beschützt hat.

Hast du mir den Floh ins Ohr gesetzt, eine Traumatherapie zu machen, frage ich ihn. Er lächelt verschmitzt und von einem Ohr zum andern. Stundenlang habe ich als Kind versucht, sein Lächeln, von einem Ohr zum andern nachzuahmen. An meinen Lippen habe ich gezerrt und gezupft, versucht, sie in die Breite wachsen zu lassen. Null Chance.

Vor wenigen Tagen wurde mir bewusst, dass mein Clown im endgültigen Ruhestand ist. Ich habe eine Handvoll Menschen etwa 20 Min. zum Dauerlachen gebracht. Ich habe gespürt, dass ich das war und nicht mehr er für mich.

Mein hocherehrter, von mir heiss geliebter Clown, ich verstehe dich, ich vermisse dich, ich danke dir unbeschreiblich unendlich, dass du mich aus jedem Sumpf gezerrt hast, so dass wir heute noch ein Paar bilden können, du im wohlverdienten Ruhestand und ich übernehme per sofort unsere Beschützerinnenrolle, du hast mich lange Jahre gelehrt, wie das professionell gemacht wird.

 

Weiterführende Literatur: David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wieviele?

Spuren im Sand, Weisheitsgeschichte, Pointe: Wenn nur eine Fussspur im Sand zu sehen ist, hat Gott einen geplagten Menschen auf seinen Armen getragen.