Optisch und akustisch verschmutzt

Gerade komme ich von einer dreitägigen Flugreise zurück. Fazit: Flughafen Zürich ist ein gefühlter elendlanger Irrgarten, logisch optisch und akustisch total verschmutzt. – Um Ihnen besser zu dienen, machen sie alles selbst,  Personal haben wir kaum, dafür einen Schilderwall, der Sie interessieren sollte, denn schliesslich wollen Sie nicht irgendwohin, sondern nach Hamburg ins Musical.

Jonathan hatte alles gebucht, was per Internet gebucht werden konnte, weil ich mit den eintrudelnden Emails nicht zurande kam, leitete er sie auf sein I-phone um und ich hatte Ruhe, keinen Stress, was zu verpassen. Gepäck hatte er für mich vorsortiert, damit wir das Gepäckband meiden konnten.

Logo suchte er die Wege, die Zeiten von Tram über Zug zum Flug. Er war für die Orientierung zuständig, meine Aufgabe war nur, nachzulaufen, mitzulaufen, vorzulaufen je nach Sachlage.

Da sind die menschlichen Notwendigkeiten: 1. Rauchen, 2. Trinken, 3. Essen, 4. WC, sämtliche Ds haben null Ahnung, was ich damit meine. – Englisch halt….ggg!

Der Spiessrutenlauf beginnt im Bahnhof Bern, das Cafe, in dem wir eigentlich abgemacht haben, ist zur Stehkrüpfe mutiert, vorher habe ich schnell einen Goldfingerring an der Tramstation versenkt, könnte unglücklich machen, kann ich mir nicht leisten. Ich bin früh dran und warte wie ein Hündchen, schön brav sitz auf der runden Sitzbank des Treffpunkts gleich neben der Stehkrüpfe. Ich äuge nach Jonathan, total in die falsche Richtung und verpasse ihn prompt, warte brav, schön sitz. Zum Glück schaltet Jonathan und sammelt mich ein. Der Bahnhof Bern ist eng, viele Menschen laufen durcheinander, zwei warme Getränke, Perron 7. Im Zug irgendeinen Sitzplatz ergattern, später haben wir sogar zwei, Jonathan hat alles im Griff, mich und das Gepäck.

Flughafen raus, Rolltreppen, für mich Mittagessen, laufen, Band fahren, laufen, viele Einkaufsläden, flimmernde Bildschirme, Anzeigetafeln, Abfluggate, lange Schlange. Ich setze mich auf ein Rohr, wo Jonathan in der Schlange steht. Eine Airlinefrau zeigt uns, wo wir vortreten können, ich sitzen kann, mit anderen und Kindern kommen wir in den Genuss von Firstboarding. Krücke verstauen im Flugzeug, bei Rütteln soll die mir nicht um die Ohren fliegen, meine Technik ist noch nicht ausgereift. Flug, trockenes Sandwich, Getränk, Landung, Hamburg, nichts wie raus. Gemütliches Schmauchen an der Sonne, Freude, dass wir den ersten Schritt geschafft haben.

Schnelltransport S-Bahn, Bahnhof Altona wird zu unserer Drehscheibe. Ich schlage Taxi vor für den Rest der Strecke. Ärgerlicherweise bin ich ziemlich geschafft. Taxi klappt, das Hotel ist noch dröger als erwartet, was ich gezielt wollte, dort essen können, bietet es nicht, das Restaurant/Bistro ist geschlossen. Frühstück ab 6 Uhr morgens, ich atme auf, ich weiss, wieviel Kaffee ich zum Ankurbeln brauche.

Bierlaune, der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Jonathan weiss blitzschnell, in welche Richtung es sich zu laufen lohnt. Ab und zu kommt sein I-phone zum Einsatz, Kräfte schonen, Schmerzen im linken Bein, 1. Bier in den letzten Sonnenstrahlen, bequem sitzend auf der Aussenstuhlung einer Hipsterbeiz, wie wir lachend beschliessen. Abendessen, wie wärs Mexikanisch? Beide einverstanden, der Fussweg nicht weit. Kleines, gemütliches Restaurant, weil wir früh dran sind, bekommen wir den letzten Zweiertisch. Schwelgen, Apero mit Naschereien, später Gemüsefleischpfännchen mit mexikanischen Beilagen. Jonathan bleibt beim Bier, ich wechsle zum Margaritha.

Nächster Tag, als Höhepunkt ist der Musicalbesuch geplant. Was vorschieben und wenn ja, wieviele, Ruhezeiten? Jonathan kennt sich aus, er empfiehlt mit einem Touristenbus eine Stadtrundfahrt. Die ist gut und lustig kommentiert. Ich kriege einen Eindruck von einem Teil von Hamburg. Nach gut einer Stunde werde ich von all den Eindrücken müde, ich brauche eine Pause. Die machen wir beim Ratshaus an der Alster, Terasse, Wetter reicht um im Mantel draussen zu essen.

Wir schätzen und bequatschen Fussdistanzen. 1. Priorität ein Buchladen. Wir! diskutieren, welche Bücher zum Feminismus spannend sein könnten. Ein Leichtgewicht kaufen wir gleich ein. Schuhgeschäfte hätte es, aber mich hält nix. Wo Salamander angeschrieben steht, ist ein unübersichtliches Durcheinander und kaum Salamander drin. Welche Deppin hat zudem die Schuhgrösse 41, das gibt es gar nicht!

Dann Pause, Pause, Pause, ich muss mich ausruhen, ob ich will oder nicht. Brav schlafe ich ein und erwache irgendwann von meinem Schnarchen, hurrah, ich bin bereit für den Höhepunkt. Umsichtige Zeit- und Transportplanung von Jonathan, alles klappt bestens, Musical Paramour vom Cirque du Soleil. Ich throne auf meinem Stühlchen und denke, 15 Jahre oder mehr habe ich darauf gewartet und gehofft, dass ich einmal in Hamburg ins Musical kann. Innerlich zapple ich nur noch. Was ich gesehen habe, hat meine Erwartungen weit übertroffen: Innovative Darbietung von Zirkuskünsten, technisch höchstversierte Film- und Projektionstechnik von einerseits Geschehen auf der Bühne und andererseits bekannten Plakaten. Eine Darstellung hat mich fasziniert: Kleine Zimmerchen, die aneinandergereiht einen Minifilmausschnitt darstellen und Figuren darin, die die einzelnen Filmbilder spielen, eins nach dem anderen, synchoron und doch anders, ein Miniausschnitt einer Filmrolle, live dargeboten.

Das Ende klatschen wir beide zweimal ab. Give me ten, lächelt Jonathan. Relativ früher Abend, Absacker natürlich am Bahnhof Altona. Total relaxed, den Höhepunkt geschafft zu haben, vergeht die Zeit im Fluge. Uff, spät, Taxi, Bett, schlafen. Wir haben für den nächsten Morgen einen Zeitplan besprochen, leider ist der in meinem Kopf verloren gegangen. Frohen Mutes greife ich zum Zimmertel., schliesslich hat mir Jonathan gründlich gezeigt wie und dass das geht. Ich rufe mein eigenes Zimmer an, besetzt. Mit wem quatscht Jonathan frühmorgens? Ungläubiges Kopfschütteln meinerseits. Nach dem dritten Versuch wechsle ich die Zimmernummer und warte. Jonathan antwortet nicht. Mein Kopf ist blitzschnell in gesundheitlichen Schreckensvisionen: Vom Blinddarm über Schlechtes gegessen bis zum Beinbruch auf dem Weg zur Raucherlounge taucht alles abwechselnd auf. Meine Panik kriege ich nicht in den Griff. Realitätscheck ist dringend. Ich falle ihm fast in die Arme, als er leicht verwuschelt seine Zimmertür öffnet: Duschzeit. Mit weitem Abstand der hübscheste und fröhlichste frisch geduschte Mensch. Runterfahren, er übernimmt das Zeitmanagement für uns beide, wird mich abholen. Ich geniesse meine Schminkzeit, irgendwann klopft es, er packt meinen Koffer, wir wollen in die Kunsthalle in eine Ausstellung, die ihm gefällt, die er ausgesucht hat, ich bin sehr neugierig einen kleinen Blick in seine Welt zu erhaschen.

Viele optische Eindrücke. Neugier meinerseits, wie er die Ausstellung anschaut, was er beobachtet, sein Zugang ist ein anderer als meiner. Ich bin erstaunt, wie „alt“ die KünstlerInnen sind. Mich beeindruckt die Umsetzung der Ideen in die passenden Objekte. Unterschiedlichste Techniken, 2- und 3-dimensional. Bei Jonathan läuft die innere Uhr mit, wir fliegen am Nachmittag zurück. Er gibt vor, wann wir wo sein müssen. Ich kann ihm vertrauen, was meinerseits nicht selbstverständlich ist. Nicht jedeR, der mir eine Aufgabe abnehmen will, ist im entferntesten fähig, manche machen ein grösseres und umständlicheres Chaos als ich, fühlen sich aber als nicht behindert haushoch überlegen. Jonathan kann es wirklich, was er mir als Dienstleistung anbietet. Höchstmögliche Ruhe meinerseits in ultimativen Stresssituationen ist meine Antwort. Der Flughafenfilm wird zurückgespult, der Flieger hat auch diesmal Verspätung. Meine Leistungsfähigkeit sackt ab. Ich könnte nur noch quengeln und schreien, völlig unzumutbar sozial. Selbstbeherrschungsprogramm anklicken, Jonathan sorgt für alles. Ich sehe nur noch hübsch aus und quassle zu viel.

Mir wird klar, dass mein Nachtessen im Zug von Zürich Flughafen nach Bern stattfinden wird, Quizfrage, Taxi oder ÖV bis nach hause. Wir landen in Bern vor dem Lift der Welle und ich kann von dort alleine aufs Tram. Aufschwellender Stolz meinerseits, ich kann ALLEINE auf ÖV. Nichts wie los, gehen, solange die Energie noch reicht, ich traue mir nicht über den Weg, nur keine Szene, keinen Skandal, keine Waldau.

Billettautomat will mein Münz nicht, keinen Fünfliber, keinen Zweifränkler, einfach nichts. Die Kreditkarte zücken, ist keine Option mehr. Meldung beim Tramführer Apparat kaputt. Was ich nicht erwarte, ich sollte Geld zücken und der Tramführer wird mir das Ticket an der nächsten Station holen. Verblüffung meinerseits, Tramchauffeur unfreundlich, ich in den Bewegungen knapp rasch genug. Wohnungstüre zu, grosses Aufatmen, so gross, dass ich einen gemütlichen und ruhigen Abend bis nach 23 Uhr verbringe. Ich hatte mich im Bett liegend erwartet. Jonathan hat mir so grossartig geholfen, dass ich meine Reise ruhig, still vergnügt ausklingen lassen kann. Mein Leben ist berechenbar und völlig anders. Klammheimlich schleiche ich den Anweisungen meines Körpers hinterher. Wenn ich ihm höflich diene, lässt er erstaunliche Aktionen zu. Die machen die Vergnüglichkeit meines Lebens aus.

DANKE JONATHAN, danke, danke, danke!