Die Eidechse und ihr Schwanz

Im vorderen Post von mir angekündigte Erzählung aus meinem Kinderbuch: Lioness lernt kämpfen. Das Copyright gehört ausschliesslich mir!

Ich bin das kleine Mädchen Lioness und Frau Gut ist erfunden. Ich habe für ein Kinderbuch meine Kindheit schöner gemacht, als sie war. Ziel dieses Buches ist es, beide Seiten, mich und NTs ernst zu nehmen in ihren jeweiligen Bedürfnissen und hoffentlich Brücken zu bauen, wie eine Verständigung denn möglich wäre, unter den gegebenen, schwierigen Voraussetzungen. Noch NT-konformer kann ich nicht werden. Das Maximum meiner Kompensationsleistung ist längst erreicht. Mit fortschreitendem Alter wird meine Kompensationsleistung laufend bescheidener und kleiner, der Zenit ist längst überschritten.

Es ist Mittwochnachmittag. Lioness ist auf den Kastanienbaum geklettert. Er ist ein sicherer Ort. Der erste Ast befindet sich weit oben am Stamm. Erwachsene gehen deshalb unachtsam darunter vorbei und vermuten nicht, dass ein Kind in seiner Krone sitzen könnte. Die grossen Kastanienblätter lassen ein Kind verschwinden. Der Baum steht zu nahe am Haus und hat sich nicht ausladend entwickeln können. Selbst wenn jemand darunter stehen bleibt und hinaufschaut, muss er sich anstrengen, um den Fluchtort zu entdecken.

Lioness versteht nicht, warum es beim Mittagessen Ärger gegeben hat. Sie schwatze zu viel, wurde ihr in ärgerlichem Tonfall vorgeworfen. Eine Nachbarin habe erzählt, dass Lioness sage, in ihrem Kopf stimme etwas nicht, darum hinke sie. „Was sollen die Leute denken, wenn du solchen Mist erzählst?“

Lioness begreift die Aufregung nicht. Was sie erzählt hat, stimmt. Bei ihrer Geburt hatte sie zu wenig Luft oder Sauerstoff, wie die Erwachsenen sagen. Deshalb fehlen in ihrem Kopf Befehle für Bewegungen. Interessant findet Lioness, dass ihre rechte Kopfseite fehlerhaft sein soll. Es verwundert sie insgeheim, weil für sie die rechte Körperhälfte die starke, die brauchbare, die verlässliche ist. Auch das Gesicht gibt das Geheimnis nicht preis. Lioness kann sich nicht vorstellen, dass in ihrer linken Körperhälfte etwas besser funktioniert als in ihrer rechten. Die Worte versteht sie, sie entwickelt dafür aber kein Gefühl, dass ihre linke Kopfhälfte gesunde Signale aussendet, ihre rechte Kopfhälfte aber lückenhaft ist.

Was sollen die Leute denken“, ereifert sich die Familie am Esstisch. Alle scheinen der gleichen Meinung zu sein. Das fällt Lioness öfters auf. Ihre Eltern und Frank denken gleich. Lioness denkt anders. Es ist ihr egal, was die Nachbarin über sie denkt. Nach ihrer Erfahrung können Menschen mit dem Wort „Behinderung“ nicht umgehen. Sie wollen nur hören, dass Lioness den Fuss verstaucht hat und sich bald wieder gesund bewegt. Dass ihr linker Arm nicht in Ordnung ist, fällt keinem auf, der es nicht weiss.

Im Übrigen ist es eine ausweglose Verwirrung, wenn jemand sie fragt, was mit ihrem Fuss los sei. Verstaucht ist er nicht. Wenn sie zu viel sagt, dann spürt sie, wie die Leute in ein Loch fallen. Lioness stellt es sich als endlos langes Rohr vor, in das die Leute kopfüber stürzen, und je mehr Worte gewechselt werden, desto tiefer fallen sie. Lioness kann ihre Behinderung als Behinderung stehen lassen. Sie hat keine Mühe damit. Sie findet es lustig, wenn die Leute versuchen, etwas Aufmunterndes zu sagen oder zu finden. Menschen, die unerwartet hören, dass dieses quirlige Mädchen behindert ist, wollen diese Tatsachen unbedingt wegschieben. Sie können sie nicht stehen lassen.

Lioness findet es nicht schlimm, dass sie so ist, wie sie ist. Im Gegenteil, sie findet es normal. Und wenn sie zuschaut und zuhört, was andere Kinder oder Erwachsene sagen, möchte sie nicht tauschen. Insgeheim denkt sie, dass sie dann andere Gedanken und Gefühle haben müsste. Ein schrecklicher und erschreckender Gedanke. Um keinen Preis möchte Lioness mit irgendjemandem tauschen. Wenn sie sich umschaut, hat jeder Mensch, den sie kennt, einen Nachteil, den sie nicht in Kauf nehmen wollte: Einer ist zu dumm, ein anderer zu dünn und hat eine zu grosse Nase, dieser hat keine Beharrlichkeit, jener ist zu faul. Lioness ist Lioness, und das ist gut so. Aber das verstehen nicht behinderte Menschen nicht. Manchmal fragt sich Lioness, ob sie keinen Spiegel haben und nicht sehen können, dass ihr Leben um keine Haaresbreite besser ist als ihr eigenes.

Wie immer, wenn sie von ihrer Familie zur Rechenschaft gezogen wird, bleibt Lioness schweigsam. Die vielen Erklärungen und Erläuterungen, warum man so etwas nicht tut, prallen an ihr ab. Sie weiss, dass Widerstand zwecklos ist. Am schnellsten ist die Angelegenheit ausgestanden, wenn sie schweigt. Es ist so, dass sie kein Geheimnis für sich behalten kann. Sie erzählt alles jedem. Sie ist quirlig und schwatzhaft, und jeder meint, er kenne sie.

Lioness in ihrer Baumkrone lächelt vergnügt. Mich kennt keiner. Sie erinnert sich, wie sie in einem warmen Land auf einer Steinmauer Eidechsen beobachtet haben. Gut versteckt sind diese kleinen, flinken Tiere, kaum zu unterscheiden von der Farbe der Mauer, auf der sie herumflitzen. Am meisten hat Lioness die Erzählung zu diesen Tieren gefallen, dass sie in Gefahr den Schwanz abwerfen können, der dann noch zucke und den Angreifer ablenke, während sich die Eidechse schleunigst aus dem Staub mache. Ich verhalte mich wie die Eidechse, denkt Lioness. Ich werfe meinen Schwanz ab, indem ich viel erzähle. Und während sich meine Feinde mit diesem Schwanz, nämlich meinen vielen Worten, abmühen und mir lange Reden halten, bin ich mit meinem Innersten längst über alle Berge davon.

Wozu sollte ich so denken wie der Rest meiner Familie? Einiges von dem, was für sie wichtig ist, ist mir egal. Was mir wichtig ist, weiss nur ich.

Weil Lioness viel schwatzt, was ihr hilft, die Spannung in ihrem ständig verspannten Körper abzubauen, hinterlässt sie einen riesigen Eidechsenschwanz zur allgemeinen Ablenkung. Sie als Person unterscheidet sich von ihren Worten. Ruhig ist sie nur, wenn sie in einem Spiel oder Buch versunken ist. Fürs Leben gern bastelt sie und vergisst darüber die Zeit. Sonst ist sie dauernd in Bewegung und plappert ununterbrochen daher. Weil sie viel denkt, wird sie von den Erwachsenen „altklug“ genannt. Lioness spürt, dass dieses Wort nicht freundlich gemeint ist.

So hat sie sich in die Krone des Kastanienbaumes zurückgezogen und denkt und träumt vor sich hin. Sie ist auf der Höhe von Frau Guts Wohnung. Wenn die Zeit des Mittagsschlafs vorbei ist, denkt Lioness, kommt Frau Gut vielleicht auf ihren Balkon und sonnt sich, wie oft an einem schönen Tag. Immer hat sie ein Buch dabei, in dem sie gerade liest, und Lioness darf die Bücher bewundern. Sie liebt die ganz alten mit allerlei farbigen Zeichnungen von Blumen. Solch ein Buch ist eine Kostbarkeit und eine gute Beschäftigung für einen Regentag.

Die Balkontüre öffnet sich, und Lioness schaut, was passiert. Wie erwartet, kommt Frau Gut mit einem Buch und setzt sich in die Sonne. Lioness lächelt.