Völlig unreif aber total süss

Vor einiger Zeit war ich in Hamburg auf Reisen mit meinem IV-Assistenten. Seismograph ging mit Parabolantenne für drei Tage ins Ausland, ich habe hier einen ersten Reisebericht eingestellt. Gestern war eine Art Nachlese.

Ich empfinde mich als Seismographen: Irgendwo liege ich wie ein hochpräzises Messgerät im Berg und spüre Erderschütterungen stundenlang zum Voraus. Jonathan empfinde ich wie eine dieser Parabolantennen mit vielen Metern Durchmessern, er empfängt das leiseste Geräusch aus dem Weltall. Seismograph und Antenne leisten je auf ihrem Gebiet Höchstes, bloss sie sind nicht aufeinander getuned.

Das hat zu der völlig unreifen Stresssituation in Hamburg geführt, die menschlich total süss war und wir beide unser absolut Bestes gegeben haben, um danach, Ziel bis ins kleinste Detail erreicht, sehr befriedigt, aber total erschöpft uns je in unser Schneckenhaus zurückzuziehen.

Ich war total gestresst. Was vorbereitet werden konnte, war vorbereitet und zwar gut, ja sogar perfekt. Da war der Riesenrest und der ist seit ich das letzte Mal geflogen bin, sehr viel aufwändiger und hektischer geworden und in einer Unterkunft ausserhalb eines meiner Gefährtes, bin ich wie ein Käfer, strampelnd auf dem Rücken. Jonathan war sich dessen mehr als bewusst und entschied vermutlich etwas zu heldenhaft, das schaffe ich für zwei.

Im gebuchten Hotel kam keiner von uns zur Ruhe. Ich nicht, weil ich mit der Situation grundsätzlich überfordert bin, terminlich aber so eingeschränkt war, dass wir verworfen hatten, per Auto oder gar WoWa zu fahren. Evtl. war das mein Kapitalfehler. Jonathan kam aus seinen Gründen nicht zur Ruhe, was ich instinktiv spürte, aber kein Gegenmittel dagegen wusste. Logisch, wir schaukelten uns in unserer Anspannung gegenseitig hoch, versuchten es je heldenhalft voreinander zu verbergen, was hüben wie drüben ein Ding der Unmöglichkeit ist. Der Seismograph spürt die Erschütterung viel zu früh und die Parabolantenne hört den Laut, bevor er nur richtig entstanden ist.

Klar hätten wir unser Leiden je ansprechen sollen und ebenso klar haben wir je versucht, unsere Baustellen alleine zu managen, was uns im Grossen und Ganzen gesehen, je genial gelungen ist, aber der Preis war hoch, ja er war zu hoch. Ich muss noch lange darüber nachdenken, wie ich die vorhandene Anspannung hätte in die Alster werfen können mit dem altbekannten Schildchen: Fischen verboten. – Oft hilft es, Schwierigkeiten zu benennen und wenn sie auf dem Tisch liegen, werden sie ganz ohne Medizin kleiner. Nur, wer keine Medizin kennt, hat Angst, Schwierigkeiten auf den Tisch zu legen. Begreiflich, total unreif, aber so lockig, kindlich pausbäckig süss, zwei Putenengelchen von vier Jahren, meins spielt Trompete und Jonathans steht mit gezückten Pinseln vor einer Staffelei, wie üblich ist alles bunt um ihn und an ihm.

Was sind wir süss. In meinem Alter wäre eine Schnellreifung dringend angezeigt. Jonathan hat hoffentlich noch manches Jahrzehnt Zeit, fast vier davon sollte ich ihm zuvor sein. Für unsere nächsten Ausflüge backen wir kleinere Brötchen und mich nähme natürlich des Pudels Kern wunder:

  • Bin ich zu gestresst durch die Doppelung Flug und fremde Unterkunft?
  • Wo liegt die ungreifbare Grenze, was Jonathan und ich zusammen können und wo beginnt die Überforderung? Typisch für einen Menschen mit Behinderungen akzeptiere ich die Grenzen, will aber alle meine Möglichkeiten ausschöpfen können.
  • Was geht ab und wo wird es zur unheilvollen Spirale?
  • Wie organisiere ich Pausen? Nach dem Rückflug erst haben wir Atemübungen gemacht. Hätten wir viel früher gekonnt, gezielt Entspannungstechniken einsetzen. Das ist kein Hexenwerk, sondern durchaus machbar.
  • Alles ist machbar, wenn wir je wissen wie.
  • Stressmanagement ist wichtiger denn je und wird laufend durch die zunehmende Hektik wichtiger, mehr für Jonathan als für mich. Er entfaltet sich und strebt dem Kulminationspunkt in seinem Leben zu und ich rolle mich genüsslich, von Woche zu Woche gesünder, ganz langsam ein. Vorläufig auf ganzer Breite mit einer Katze, zwei Autos, zwei WoWas, einer Wohnung und einer grossen Reiselust.
  • Evtl. brauche ich eine Art Reiselotsen, der mit all der modernen Technik nicht vor Ort sein muss. Jonathans sämtliche Apps sind in der CH abrufbar. So wäre es evtl. machbar, die Kreise, die ich in fernen Städten ziehe, per Skype täglich mit Hilfe des IV-Assistenten zu planen, 30 Min. bis eine Std. pro Tag, sechsmal die Woche.  Im Unterschied zu den Jungen habe ich alle Zeit der Welt, kann ganz langsam und gemütlich. Das wäre genial: Mein nächster Jonathan stellt mir seine Apptauglichkeit für meine Ferien zur Verfügung, wir lernen beide komoot, die Stadtapp für Blinde und dann laufe ich wie ein ferngesteuerter Roboter durch alle dt. Städte, die mich interessieren könnten. Wenn ich irgendwo verloren gehe, sammelt er mich spätestens um 18.00 Uhr ein, ich bekomme was zu essen und finde den Rückweg zu meinem Bettchen. Nie will ich auf was verzichten, was ich erleben kann, wenn ich weiss wie ich es organisieren könnte.