Behinderung gegen Behinderung

Wenn ich NT wäre, würde mich erstaunen zu lernen, dass es verschiedene Klassen von Hirnverletzungen gibt: Mindestens zwei, die erster Klasse, das sind die Menschen, die auf ein Leben ohne Hirnverletzung zurückblicken können. Es gab eine Zeit davor, in der sie ihre vollen Hirnfähigkeiten hatten, vor dem Unfall, der Hirnblutung oder was es immer war.

Dann gibt es nach der Vorstellung einiger von ihnen die Menschen zweiter Klasse, das sind z. B. wir CPs mit Geburtsgebrechen, wir kleinen, durch und durch doofen, speichelnden SpastikerInnen, mit durchaus chronischen Schmerzen aber nicht mit diesen anderen Schmerzen, die direkt durch eine Hirnverletzung entstehen können, manchmal nach Jahren verschwinden und medikamentös behandelt werden müssen, weil schlicht unerträglich schmerzhaft.

Unser Kletterkurs von fragile ist in Teile zerfallen, da setzt sich jung zusammen, versus die beiden Alten. Das ist eine übergreifende Abspaltung, weil die Alten nicht um ihre Meinung gefragt aus einem „normal“ Hirnverletzten und einer CP bestehen. Dank unserer Altersweisheit schaffen wir beiden es auszukommen, obwohl wir hirnverletzungsmässig Gegensätze sein sollen.

Dann spielt eine Person ihre Hirnverletzung gegen die unsere aus, sie fühlt sich definitiv besser und benimmt sich in meinen Augen überheblich. Die Überheblichkeit von BernburgerInnen habe ich v.a. eine Kindheit lang und bis heute ertragen und ich finde Überheblichkeit nur eins, grässlich.

Ich schätze, dass es in unserem Kurs im Ganzen drei CPs gibt, zwei junge Männer und mich. Ein Mann kann leider kaum sprechen: Wenn die Lähmung und die Spastizität in den Sprechorganen liegt, dann ist bald einmal Ende der Gesprächigkeit. Dieses mechanische Nicht-Sprechen-können hat nichts mit der vorhandenen Intelligenz zu tun. Aber, der Aufwand in Kontakt zu kommen, ist natürlich grösser. Sicher muss frau Sätze vorschlagen, damit Mann mit Kopfschütteln, bzw. -nicken bestätigen oder verneinen kann, was zu sagen ist. Mir scheinen seine Augen sehr aussagekräftig und ich stelle mir vor, dass Menschen mit engem Kontakt zu ihm in seinen Augen lesen können, was gemeint ist. Der Alltag besteht aus x Repetitionen, immer gleichen Abläufen. Mit etwas Gespür, weiss frau wohl rasch, was ein stummer Mensch möchte.

Der Zweite ist immer in Bewegung, was natürlich gerade mit einer Hirnverletzung nicht einfach auszuhalten ist, aber nur weil sich seine Hirnverletzung so manifestiert, ist er kein Mensch zweiter Klasse. Sämtliche Defizite Hirnverletzter sind für sämtliche Mitmenschen mühsam zu ertragen, weil stereotyp gleich, es sind nur winzige Veränderungen erreichbar, wenn ein Hirnschaden so gross ist, wie er nun mal ist. Die vielzitierte Plastizität der Gehirne ist klar vorhanden und bei einem Vorfall kann durch rasches medizinisches Eingreifen oft sehr viel gerettet werden, in die Reversibilität überführt werden, aber längst nicht alles.

Es gibt ganz fiese Leistungsmassstäbe: Ich z.B. fahre Auto, was wenige Menschen mit Hirnverletzung können. Ich habe mit zwei Hirnverletzungen einen Hochschulabschluss gemacht und 16 Jahre darauf gearbeitet. Trotz Hirnverletzung bin ich IQ-mässig hochbegabt. Tja, die Hierarchie muss auch unter Hirnverletzten stimmen und ich lasse mich nicht von Hirnverletzten angeblich erster Klasse, die definitiv leistungsschwächer sind als ich, unterordnen.

Also zurück zum zweiten CP Mann: Er hat auch Spastizität in den Sprechorganen. Hat auch hier nichts mit seiner Intelligenz zu tun: Lesen kann er, er hat ein Smart- bzw. I-phone, guckt dort Zug- und Busanschlüsse in atemberaubender Geschwindigkeit nach und kann mit GA durch die ganze Schweiz reisen. Seit einem Jahr lernt er Englisch, ob für eine geplante Reise oder einfach so, habe ich noch nicht verstanden.

Beide werden ausgebildet im Sichern von KlettererInnen. Das ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit, die über Leben und Tod entscheiden kann, nebst dem, dass mit eingeschränkter Beweglichkeit die Bewegungen individuell angepasst werden müssen. Wir sichern mit Grigri. Das ist ein sehr sicheres Gerät, allerdings finde ich das Abseilen nicht einfach, weil die Bewegung am Hebel, der die Blockierung löst, ganz klein sein müssen, damit das Abseiltempo stimmt. Je nach Durchmesser des Seils unterscheidet sich das Seildurchrutschtempo zudem. Die festinstallierten Topropes haben einen dickereren Durchmesser als die Seile, die für den Vorstieg benutzt werden.

Ob die beiden je voll selbständig werden im Sichern, weiss ich nicht, aber sie werden gelehrt und können ihre maximale Freiheit auskosten und das finde ich bei einer Behinderung wichtig, dass wir auf passender Augenhöhe ernst genommen werden und selbst entscheiden können, was wir lernen wollen und gucken können, wie weit wir uns in unserer Lernfähigkeit richtig einschätzen. In meiner Behinderung will ich nicht künstlich noch behinderter gemacht werden durch gut gemeinte aber völlig unkorrekte Bevormundung.

Gestern hatte ich die Gelegenheit zu beobachten, wie diese Person, die sich als erstklassige Hirnverletzte fühlt, völlig ausser Rand und Band sichert: Ihre gesamte Körperhaltung war beim Abseilen total verspannt.  Insbesondere peinlich sah aus, dass sie sehr breitbeinig dastand, die Hüftknochen gegen hinten kippte und den Beckenboden gegen vorne streckte. Klar ist sie korrekt gekleidet, trotzdem hätte ich sie als Kursleitung wegen dieser Haltung korrigiert, damit sie nicht sexuell aufreizend wirken muss. Das war schlimm anzuschauen und kaum auszuhalten, weil sie sich ungewollt exponierte. – Sie stand an der Wand, was ich verstehe, weil ich es auch so mache, ihre Front gegen die Halle gerichtet, Rücken zur Kletterroute gewandt. Ich stehe mit meiner behinderten, linken  Seite zur Wand, um mangelnde Kraft an der Wand abstützen zu können. Sie stand mitten in einer  freien, toprope Kletterroute statt auf der Seite, die eh blockiert war durch weggespannte Seile. Ehrlich, wenn Menschen mit Behinderungen drei bis vier Kletterbahnen belegen müssen, um eine Kletterpartie zu sichern, dann sollen sie in die Kletterhalle gehen, wenn sie niemand anderen stören. Das sah gegenüber der Sicherungstätigkeit von uns angeblich Zweitklassigen überhaupt nicht erstklassig aus!

Es hat parallell zu unserem Kurs immer Kinderkurse, die auch auf die einfachen Kletterrouten angewiesen sind und da muss man die Anlage teilen. Auch im eigenen Kurs will ich klettern können und nicht warten müssen, bis andere ihre Behinderung ausgelebt haben.

Das habe ich dann unmissverständlich geäussert. Später hat sich dieselbe Person angeblich im Namen aller KursteilnehmerInnen für den Kurs bedankt. Dagegen habe ich mich auch abgegrenzt: Es gibt solche Verdankungen im normalen Leben, aber sicher nicht nach wenigen Unterrichtsstunden und der Kurs geht nach den Sommerferien für die, die wollen, weiter. Eine solche Verdankung gehört an den Schluss eines gemeinsamen Weges. So wie sie vorgebracht wird, finde ich sie sehr hirnverletzt und weil stereotyp wiederkehrend, peinlich. Und so hirnverletzt, dass ich den feinen Unterschied nicht realisieren würde, bin ich noch lange nicht. Auch von Menschen mit Behinderungen lasse ich mich nicht bevormunden und schon gar nicht vereinahmen. Ich entscheide, wer in meinem Namen sprechen darf und wer nicht.

Nachtrag: Völlig unnötig speziell zu erwähnen, dass ich bei der Kursleitung und FRAGILE suisse reklamiert habe. Wenn ich einen Kurs für mich nicht geeignet finde, obwohl er das nach menschlicher Vernunft sein sollte, dann reklamiere ich. Das ist total normal. Auch hier agiere ich total normal, autonom und überhaupt nicht behindert.