Ave filia dei

Ave habe ich in der Tat gesagt, als mir so langsam dämmerte, das filia dei, die Tochter Gottes, mir in Zukunft IV-Assistentin sein würde. Mangels klarer, rechtlicher Grundlage und weil sie mich verschupftes Kücken nicht alleine lassen wollte, ermutigte sie mich zu ihrem göttlichen Häuschen zu fliehen, rein zufällig, völlig unauffällig, in meinem Skoda kann ich bestens nächtigen.

So behielt ich meine Würde, konnte je situativ meine Hilfsbedürftigkeit anmelden oder abmelden, also im Fünfminutentakt wird abgerechnet, weil die Arbeitswege minimal kurz gehalten werden können und weil ich noch so viel, völlig selbständig, kann und bei ihr nur echte und wirkliche Assistenzarbeit verrechnet wird. Bspe?

Wir gehen zu dritt baden, sie, ihr Hund und ich. Ich kann mich selbst ins Badekleid stürzen, könnte wenigstens, wenn ich nicht zu fett wäre, was wir durch zwei neue, grössere Badeanzüge wettmachen. Beim Einkauf erledige ich meine Einkäufe und sie die Ihren= wertneutrale Zeit. Beim Baden ebenso: Ich helfe ihr, ihrem Hund das Schwimmen beizubringen, sie stellt mir ihre Luftmatratze zur Verfügung, zeigt mir die Technik raufzuhüpfen, schenkt mir ihr unvergleichliches Lächeln, um abzudrehen, ganz alleine ihre Kreise zu ziehen, schwimmenderweise. So, einander gegenseitig helfend, brauche ich nie 5 Std. pro Tag Hilfe, fühle mich ernst genommen, frei und erhalte meine Würde zurück: Ich bin behindert, aber nicht mehr, als dass ich bin.

Obwohl ich nachts weinte, sie mit mir stundenlang am Tisch sass, wird sie mein Portemonnaie nie so ausschütteln, wie es in Hamburg ausgepresst wurde: Ein Dreisternhotel? Wäre ihr eine grosse Ehre. Joh hinziehen? Mit Freuden würde sie nachfliegen und mich auf dem Campingplatz treffen. Ich könnte mir 10 Tage Zeit nehmen, um Joh nach Hamburg zu schleppen. Das werden wir irgendwann tun: Ich wollte in Hamburg eigentlich ins Musical „König der Löwen“ (vgl. Titel und Hauptperson meines Buches!) Jonathan hat das schon gesehen, wie er näschenrümpfend feststellte, worauf ich bewiesenermassen einging.

Genau da liegt die Krux: Wie weit komme ich den Wünschen meiner Angestellten entgegen, um dann diese Komedie zu erleben, die ich erlebt habe: Er wollte nie mehr auf eine Kürzestreise mit mir? Ich vermute, er muss zu Hause seinem Haustierchen evtl. Futter geben. Weder bin ich Zoodirektorin noch der liebe Gott, bzw. die liebe Göttin, noch sonstwas. Im übrigen empfehle ich Katzen als Haustiere und habe null Ahnung, warum sein Haustier delikater als meine Katze sein soll.

Sich übergeben kann viele Ursachen haben, Stress ebenso. „Du bist schuld“, haut bei mir überhaupt nicht: Ich bin NICHT schuld, dass meine Mutter magersüchtig ist und mich deshalb behindert geboren hat. Meine Geburt sei total normal verlaufen. Ab meine Erzeugerin in die Reihe all der Pontii Pilati, die mir schaden wollen, die mir ein Leben lang mit diesem Schuldspruch Schuld und Scham eingejagt hat, genau die uralte Masche, die Jonathan wie einen Tütenkasper hervorzauberte:

Die illustre AhnInnenreihe für ihn:

  • Meine Mutter
  • Meine Schwester
  • Spielkameraden
  • .
  • .
  • .
  • Jonathan

Das Leben ist Ansichtssache, die Arbeit ebenso und so erstmalig auf der Luftmatratze, plantschend auf dem Thunersee, verliere ich an einem WE ein kg Körpergewicht und ertrage meinen schmerzhaften Muskelkater, leicht hinkend desto tapferer, wie eine grosse Jagdtrophäe.

Es könnte sein, dass ich in Zukunft weniger Festtage alleine verbringen muss, bzw. will. Der Himmel öffnet sich und schliesst sich, ich vermute, der Chor der Engel übt noch ein bisschen, beim fünften und fünfundzwanzigsten Takt fiel das Trompetenputenenglein mit einem Höchstton auf.