Trauerzeit

Seit dem hier beschriebenen Trauerfall im Januar war ich in Trauer, völlig antreibslos,  handlungsinaktiv, blockert, gelangweilt, auf meinem Stühlchen sitzend, 11 kg abgenommen… kurz es war eine grässliche Zeit.

Logisch bin ich in ärztlicher Behandlung, ebenso logisch, dass das behandelnde Team nach bestem Wissen und Gewissen mich behandelt hat, allein es entsteht der Eindruck, dass bei solch langen Leidenszeiten, die Behandlungsmethoden langsam ausgeschöpft sind, bei einer Krebsdiagnose würde man irgendwann sagen „austherapiert“.

Dieses Wissen, dass noch ca. 7 Medikamente übrigbleiben und wenn mein hirnverletzter Kopf auf keines dieser verbleibenden Medis so anspricht, dass ich nicht immer diese Schwankungen zw. handlungsaktiv – handlungspassiv habe, dass ich dann chemisch austherapiert bin, das fühlt sich nicht besonders gut an und löst bei mir natürlich Ängste und einen Trauerprozess aus. Letzterer wurde von einer Laiin angestossen, was mich zurück in die handlungsaktive Phase katapultiert hat.

Das behandelnde Ärzteteam tabuisiert das Thema „Tod“ gekonnt. Meiner Hausärztin nehme ich das nicht übel, nach meinem Wissensstand ist sie bekennende Christin. Da Religion in unserem Gespräch eigentlich keine Rolle spielt, ist das für mich okay, ändert allerdings nichts daran, dass ich mit jmd. über meine Trauer sprechen können sollte.
Für alle die Menschen, die hier mitlesen, aber nicht in der CH wohnen, in der CH gibt es zwei Sterbehilfeorganisationen, die einen Suizid legal begleiten dürfen, wenn die entsprechenden, gesetzlichen Bedingungen erfüllt sind. Ich gehe davon aus, dass wenn ein Mensch austherapiert ist, dass das als Bedingung reicht.

Ein erstes persönliches Gespräch mit Exit ist angemeldet, Mitglied bei der Organisation bin ich etwa 1 1/2 Jahre. Vorher habe ich immer gedacht, die Anmeldung kannst du später machen, aber vor 1 1/2 Jashren habe ich erkannt, wie eingeschränkt meine Lebensqualität über lange Zeiträume ist: Im Jahr 2015 hatte ich sechs Kippvorfälle von handlungsaktiv zu handlungsinaktiv und zurück. Also jeden Monat ging  es mir gesundheitlich anders. Einen gut, den nächsten schlecht, den übernächsten wieder gut etc.

Die Kippvorgänge verschlingen sehr viel Kraft. Für mich fühlt es sich an, wie wenn der Stoffwechsel innerhalb von wenigen Stunden völlig umgestellt wird und ich bin dieser Umstellung ausgeliefert. Natürlich ist es schön, „wenn es mir wieder gut geht.“ Aber Achtung: Sofort muss ich mich selbst ausbremsen und meinen körperlichen Wiederaufbau ganz langsam und mit viel Fingerspitzengefühl vorantreiben und nicht übertreiben!

Ich kenne kaum eine Phase meines Lebens, die nicht anspruchsvoll ist, in der ich mich NICHT auf diese oder die gegenteilige Art am Riemen reissen muss. Freizeit davon ist, wenn ich musizieren kann oder in gutem gesundheitlichem Zustand in der Kletterhalle unterwegs bin, mit meiner Skilehrerin skifahre oder in einem meiner Wohnwagen wohl bin.

Ansonsten bin ich beschäftigt, meine noch vorhandene Gesundheit zu pflegen mit und ohne Erfolg und NEIN IV-RentnerInnen haben kein geruhsames Freizeitleben und Dauerferien. Sie sind andauernd damit beschäftigt, den volkswirtschaftlichen Schaden, den sie verursachen und DAS reibt mann und frau ihnen ständig und genüsslichst unter die Nase, zu minimieren.

So, das ist aufmüpfig und kritisch, mir ist gerade danach! Ich wünsche meinen LeserInnnen ein schönes Wochenende.

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Jahresrückblick

Was hat dieses Jahr gebracht, konnte ich meine Lebensjahr verbessern? Die Antwort lauter: „Ja, definitiv.“ Ich habe den Ruf nie aufzugeben. Diese Fähigkeit wurde mir in die Wiege gelegt und habe ich, Behinderung sei Dank, ein Leben lang eingeübt. Resulat: Ich bin ausserordentlich gut darin.

Das hat sich im vergangenen Jahr so ausgewirkt, dass ich eine zentrale ärztliche Fachperson in meinem Leben nach acht Jahren Zusammenarbeit fristlos entlassen habe, mir der Konsequenzen dieser Entscheidung woll bewusst war. Ich weiss, dass medizinisches Fachpersonal, NeurologInnen ausgeschlossen, keine Ahnung hat, was eine Hirnverletzungen praktisch für Konsequenzen hat. Geduld gehört da zu meinen Stärken, als Patientin bilde ich meine medizinischen Fachkräfte aus und der Geldfluss geht von mir via Krankenkasse an sie, eine elendigliche Ungerechtigkeit, die ich nicht ändern kann.

Als meine Psychiaterin nach acht Jahren ein klassisches neurologisches Symptom psychiatrisch verstand und mir damit eine weitere medizinische Fehlbehandlung bevorstand, habe ich die Reissleine gezogen.

Konsequenz: Sämtliche Medikamente aus dem Behandlungsbereich wurden auf Null zurückgefahren. Neurologisch komme ich medikamentenlos nicht zurecht, das kommt stets mit einigen Monaten Verzögerung an den Tag. So auch in diesem Jahr. Ende August erlebte ich wiedermal einen Nullpunkt, Symptom: schwere Depression. Ich wollte wieder einmal sterben und habe einmal mehr überlebt. Die neue neuropsychiatrische Fachperson schaute mich im Wartzimmer sitzend an, in jämmerlichem Zustand, die neuen Medikamente wurden besprochen und langsam heraufgefahren. Eines vertrage ich, das andere, wie sich wiederum schmerzvoll zeigte, nicht. Mit diesem einen Medikament habe ich eine Lebensqualität mit einer Leichtigkeit wie schon lange nicht mehr. Manchmal frage ich mich, ob mir Hirnzellen nachgewachsen sind, was medizinisch nicht möglich ist.

Rückblickend war der Behandlungswechsel mehr als überfällig und ich bin froh, habe ich ihn mit allen Konsequenzen vorgenommen. Zuversichtlich blicke ich in meine Zukunft und fasse kurzfristige und langfristige Pläne. 25mg der richtigen Chemie und mein Gehirn kriegt die Substanz, die andere Gehirne selbst produzieren können. Ich bevorzuge somatische medizin, weil sie von meinen Gegebenheiten, Hirnverletzungen ausgeht, sie in ihre Überlegungen einbezieht und nicht von mir verlangt, Leistungen zu erbringen wie wenn ich keine Hirnverletzung hätte.

Ich fühle mich rundum ernst genommen. medinen Anteil, mit meiner Behinderung zurecht zu kommen, habe ich ein Leben lang voll erbracht. Mehr will und kann ich nicht.

 

 

 

Andere Gesundheit

Über 11 Jahre übe ich mit der Hilfe von Fachleuten, meistens den Falschen,  mir etwas Lebensqualität zu verschaffen. Ein riesiges Problem von mir ist, dass mir der Antrieb irgendwann verloren ging,  ich auf meinem Stühlchen nur noch rumsitze und sichtlich Mühe habe, mein Leben so zu akzeptieren, wie es ist: Stinklangweilig, die Wohnung nicht aufgeräumt noch die Gestelle ab und zu gründlich geputzt, alle Hobbies im Tiefschlaf, der Schrebergarten kaum beachtet, kam schliesslich aus eine besseren Lebensphase.

Bevor ich dan kleinsten Finger anheben kann,  muss ich vom Aufwand her das Matterhorn übersteigen und dann könnte ich mit meinen Lebensplänen beginnen, bin aber total übermüdet.

Also, dieses Frühjahr entliess ich nach acht Jahren meine Psychiaterin fristlos.

Ich wandte mich mit einem Hilfeschrei an das REHAB Basel. Der Hilfeschrei wurde gehört und ernst genommen. Fachperson: NEUROPSYCIATER. Die neuen Glückspilllen sollen auf meine Hirnverletzung abgestimmt sein. Und oh Wunder, die beiden ersten Pillen, die Mann verordenet zeigen Wirkung, die eine definitiv zu stark. Also bin ich kurzum an der Feinjustiererei, von der einen Pille eine täglich bei der andern einmal wöchentlich .

Nur den Schlaf habe ich noch nicht voll auf die Reihe gekriegt, mein altes Schlafmedi allerdings drastich reduziert. Mit der Gesundheit, hier meine Wahrnung: Leben ich komme! 🙂

 

Ereignisreich

Es ist immer daselbe. Während der kranken Tage bleibt alles liegen, die Spitex ersetzt beim besten Willen keine Hausfrau, im Schrebergärtchen verdorren die wunderschönen Himbeeren am Stil und die Ernte  der Gemüsebeete ist mehr als überreif.

Nur die Ernte kann nicht eingebracht werden, die Krankheit hat alles zum Erliegen gebracht. Der Kopf dagegen, der arbeitet pausenlos, sucht nach einem möglichen Ausweg, weiss sich nicht zu helfen, lässt keine Ruhe, hegt und pflegt graue Schleier oder Schlimmeres.

Ist diese Krankheitsphase wieder einmal glücklich überstanden, wird jede Lebenszuckung minutiös und freudig aufgezeichnet, die nach langer Durststrecke wieder positiven Gedanken die unendlich vielen Pläne, der Drang nachzuholen, was wochenlang nicht möglich war, muss ganz gezielt gedämpft werden. Stückchen für Stückchen wird das Leben zurückerobert, Pausen sind sehr wichtig, damit der Bogen nicht gleich überspannt wird, die Untugend Geduld ist angesagt. Un-tugend deshalb, weil die Geduld den meisten Menschen nicht in die Wiege gelegt wird,  sondern erarbeitet und erlitten werden muss.

So also auch heute, seit einer Woche ca. befinde ich mich in der von mir genannten „Rekonvaleszenzphase, das bedeutet, dass ichmich von meinem Stühlchen  erhebe, auf dem ich nun wochenlang still und dumm gesessen bin, strecke meinen Rücken gerade, atme tief ein und erledige mein Programm. so da wäre nur für heute:

  • Diese Webseite bearbeitet, nicht ganz fertig, aber deutlich vorangetrieben.
  • Da wo ich bis gestern gebloggt habe, mitgelesen und eine beunruhigende Beobachtung gemacht. – Nach mehrjähriger  Blogerfahrung weiss ich, wann  sich die graue Wolken über meinem Bloggerinnenhaupt zusammenziehen. Heute wurde ich in einer Intensität beachtet, die sehr ausser der Reihe tanzt und ganz klar dem innigen Wunsch von mancher Frau entspricht für sich selbst und ich als Aussenseiterin weiss nur allzu gut aus einschlägiger Erfahrung, dass ich gleich Schläge kriege, weil sich die Kunde, dass ich(!) ein „wertvoller“ Mensch sei, nicht in der Schnelle verbreiten lässt.
  • Ein Telefon erledigt und meine Reklamation eingebracht, ein Unterfangen, das für mich sehr schwierig ist. Mir scheint, dass ich verstanden wurde und meine Worte wohlwollend aufgenommen wurde. Ob dem so ist, wird die Zukunft zeigen. Die Themen sind mir sehr wichtig und liegen mir am Herzen. Das Gelingen ist ausserhalb meiner Einflussmöglichkeiten und das gleich in mehrerer Hinsicht.
  • Erste Transportmöglichkeiten ausgelotet, wie die entfernte Dachreling des Wohnwagens allenfalls ans Trockene transportiert werden könnte.
  • Eine Einladung gemailt und die zurückgekommene Gegeneinladung gleich beantwortet.
  • Eine virtuelle Freundschaft beerdigt, keine Ahnung was ich jetzt wieder falsch gemacht haben soll, was den Ausbruch solchen Ausmasses als normal erscheinen lässt. Mich virtuell mit einer anderen Freundin ausgetauscht, zwecks Verarbeitung der zu vielen Eindrücke heute. Dieser Freundin an der Stelle ein grosses Dankeschön.
  • Date
  • Arztbesuch
  • Nachtessen mit erhaltenem, handverlesenem Tee genossen, ein sehr schöner Arbeitsausklang

Entsprechend bin ich müde und will nur noch eines,  meine Ruhe! Und den morgigen Tag muss ich um einiges langsamer angehen und hoffentlich hält sich das Unvorhergesehene mehr in Grenzen. Mittags werde ich vermutlich bekocht.

Medikamentmässig bewege ich mich auf Neuland,  da von einem neuen Arzt, erstmalig einem Neuropsychiater verschrieben und auf Anhieb erwünschte Wirkung zeigend, bin ich grundsätzlich positiv eingestellt. Allerdings scheine ich, vermutlich Hirnverletzung sei Dank, atypisch zu reagieren, statt wie geplant und beabsichtigt einen verbesserten Schlaf zu erhalten, ist der  gleich schlecht geblieben. Einschlafen kann ich und nach vier bis fünf Stunden erwache ich und wenig später stehe ich auf. Dieser Rhythmus führt mit meiner CP unweigerlich zu einem körperlichen Zusammenbruch und dann sitze ich wieder auf meinem Stühlchen und starre ins Leere. Ein Notfallszenario muss angekurbelt werden, gleich morgen muss ich den Facharzt anrufen.

Kinderschutzmassnahme zum wievielten?

Im heutigen Bund ist die Geschichte einer jungen Mutter erzählt, der im Wochenbett eröffnet wird, dass ihr die Obhut über ihr neugeborenes Kind entzogen werden wird. Die Geschichte ereignet sich in Thun.

Seit den 1. Januar 3013 sollte doch im Erwachsenen- und Kindschutzrecht alles viel besser und professioneller sein. Der Artikel im Bund belehrt uns eines bessern: Die gleichen Behördenmitglieder sitzen in den Gremien wie vor dem 1. Januar dieses Jahres. Wenn da neu Fachleute hinzukommen, ist doch davon auszugehen, dass bisherige Behördenmitglieder ihre bereits gefällten Entscheide mit Engagement verteidigen werden. So auch in dem Artikel:

Die Eltern in diesem Fall sind im Scheinwerferlicht. Seit 2010 ist das Leben der Kindsmutter in schriftlichen Gutachten, Protokollen und Briefen festgehalten. Wörtlich im Bund: „Trennung vom damaligen Partner, Diagnose einer postnatalen Depression, Gefährdungsmeldung durch die damalige Hebamme, Diagnose einer schizoaffektiven Störung.“

Die Hebamme, die der Mutter nach der Geburt des zweiten Kindes helfen soll, entpuppt sich als Gefährdungsmelderin. Eine postnatale Depression gehört behandelt und Depressionen gelte als gut behandelbar. Trennung von Partner und damit verbundene Schwierigkeiten gehören zum Alltag in der heutigen Gesellschaft. Während der Tod eines Partners als Grund zum Trauern anerkannt ist und Hilfe angeboten wird, ist es bei Trennungen viel schwieriger Verständnis zu finden. Ganz zu schweigen von der Last, die auf den Schultern einer alleinerziehenden Mutter liegt und dem Risiko in die Armut abzugleiten. Zum Begriff schizoaffektiven Störung hilft wikipedia weiter. Da lasse ich mich nicht darauf ein, zumal die Abgrenzung von der Depression unklar scheint.

Im Bundartikel wird später erwähnt, dass die Frau ein Medikament einnimmt. Damit ist klar, dass sie sich ihren Problemen stellt und in Behandlung ist.

Kinderfeindlicher Kinderschutz

Selbst wenn ein Mensch gesund ist und dauernd unter Beobachtung steht, ist das anstrengend und eine Herausforderung. Wie erst, wenn ein Mensch eigentlich Unterstützung und Hilfe bräuchte und statt dessen ins Scheinwerferlicht gestellt wird und die geringste Unbesonnenheit oder Schwäche gegen ihn verwendet wird. Wie soll eine Mutter ihren Alltag meistern, wenn sie ständig im Hinterkopf denken muss: Wenn das Geringste passiert, werden mir meine Kinder weggenommen oder in dem Fall wieder weggenommen. Ein Rechtsstaat, der so auftritt ist familien- und v.a. kinderfeindlich, obwohl er von sich das Gegenteil behauptet.

Die beiden älteren Halbgeschwister des Säuglings, wurden fremdplaziert, als das Jüngere von ihnen wegen einem Sturz im Inselspital behandelt wird. Was soll die Mutter machen, wenn eines Ihrer Kinder medizinische Hilfe braucht? – Dieser Generalverdacht, unter den Eltern gestellt werden, ist heute allgegenwärtig. Sollen sich Kinder gesund entwickeln können, wenn sie von der Mama ins Spital gebracht werden und dann von der Mama wegmüssen und in einer Familie plaziert werden (freikirchlich), die die Werte der Mutter nicht lebt und nicht praktiziert. Kinder in eine freikirchliche Familie zu geben, kann per se zu einer Störung ihrer Persönlichkeit führen, weil die ganze Frage der Schuld – Jesus ist für dich gestorben; du bist ein Sünder –  kleine Kinder in der Regel überfordert. – Erinnern wir uns daran, dass es bei Kinderschutzmassnahmen immer um das Wohl der Kinder gehen sollte. Was immer dieser schwammige Begriff heissen soll.

Einsicht der Behörden gesucht

  1. Es gild dabei zwei Grenzen zu beachten: Eltern können ungerecht behandelt werden und Kinder können ungerecht behandelt werden.
  2. Eltern können Unrecht tun oder versagen und Kinder können wissentlich oder unwissentlich Unrecht in Gang bringen, so dass ihre Eltern von den Behörden vorgeführt werden.

Gemeinsam ist den Geschichten, bei denen Eltern Unrecht erleiden, dass sie sozial schwach sind. Dieser Umstand kann jederzeit aus der Schublade hervorgeholt werden, er ist aktenkundig und als Regel gilt: Einmal schwach, immer schwach, ausser ein Mensch kann sich durch veränderte, äussere Umstände endlich wehren.

Im Bundartikel wird erwähnt, dass es in den letzten Jahren immer mehr Kinderschutzmassnahmen gibt, also Kinder ihren Eltern weggenommen werden. Nach Erklärungen werde noch gerungen.

Ich bin ganz klar der Meinung, dass hier, heute Eltern Unrecht geschieht, weil Behörden irgendetwas machen, um etwas gemacht zu haben. In einigen Jahrzehnten werden die heutigen Fälle aufgearbeitet werden müssen, wie heute die Fälle bis anfangs 80er Jahre aufgearbeitet werden.

Dass vereinzelt Kinder vor Schlägen, Missbrauch und psychischen Schäden bewahrt werden, glaube ich gern. Aber ich gehe davon aus, dass das eher die Ausnahme ist.

Was bringt es den beiden älteren Halbgeschwistern, wenn sie, in dieser Reihenfolge, bei der Mutter, bei einer Pflegfamilie, bei der Mutter, beim leiblichen Vater und wie die Geschichte weitergeht, weiss noch keiner, aufwachsen? Mit etwas gesundem Menschenverstand sieht jeder sofort, dass diese Kinder keine Sicherheit haben können, weil sie herumgereicht werden, wenn etwas passiert. Vielleicht fühlen sie sich sogar schuldig, weil sie denken, es liege an ihnen, dass sie die Mutter verlassen müssen. Diese Wahrnehmung unterläuft oft Scheidungskindern.

Kinder sollten nicht in Familien aufwachsen müssen, in denen ihre Eltern vor unserem freiheitlichen Rechtsstaat Schweiz Angst haben müssen und sich nur noch ohnmächtig fühlen. Der Staat sollte nicht mächtig sondern helfend auftreten, dann wäre dem Leiden der Kinder und Eltern ein echtes Ende gesetzt. Oft wird von den Behörden eine Überanpassung verlangt.

Es kann nicht das Ziel einer Gesellschaft sein, dass alle ihre Mitglieder gleich sind. Wer gegen den Strom schwimmt, ist ein interessanterer Mensch und wer nur wer anders denkt, bringt grossartige Leistungen hervor.

Dünne Linie

Der Psychiater lehnte sich vor und schaute ihr tief in die Augen: „Sind Sie suizid gefährdet?“ Sie schaute ebenso vielsagend zurück und hauchte: „Nein.“

Intelligenz hatte noch nie zu ihren Problemen gehört. Es mangelte ihr nicht daran. Sie hatte genau einmal in einer Psychiatrieklinik um Hilfe gebeten, weil suizidale Gedanken sie bedrängten. Was sie darauf erlebte, hatte sie bis zum heutigen Tag davor bewahrt, je wieder so eine Dummheit zu begehen. Sie fragte sich, ob die behandelnden ÄrztInnen nicht genau wussten, dass sie belogen wurden oder ob sie allen Ernstes glaubten, gefährdete PatientInnen würden sich outen, insbesondere, wenn sie psychiatrieerfahren waren. Psychiatrieerfahren, so lautete der Name für die armen Teufel, die mehrmals vergeblich versuchten in irgendeinem Alltag Fuss zu fassen und mit dem zurande zu kommen, das zufälligerweise ihr Leben war. Einige gingen in die gleiche Klinik zurück. Sie war an mehreren Orten gewesen und konnte Vergleiche ziehen.

Einmal, hatte sie auf diese Frage mit „ja“ geantwortet. Sie hatte auf ein Notprogramm gehofft, das ihren Schmerz lindern würde. Statt dessen wurde sie ins Isolationszimmer verlegt, durfte die Station, die nun abgeschlossen wurde, nicht mehr verlassen und es war ihr verboten an ihren wenigen Therapien teilzunehmen. Das war ihr eine Lehre gewesen. Seither wusste sie, dass sie lieber den Mund hielt und Suizidgedanken nicht verschrie.

Mit ihrem Wohlergehen hatte diese Frage nichts zu tun: Wenn sie sie positiv beantwortete, begann sich die Gesellschaft gegen sie zu schützen: Es ging um LokführerInnen, die keine vom Zug zerschnittene Gestalt auf den Gleisen brauchen konnten, um Leichenberger, deren Arbeit ohne ihren Tod genug Anforderungen bot. Wie wenn ein zu Tode verzweifelter Mensch anderen Menschen hätte Leid zufügen wollen. Es ging ihr immer darum, Schmerz, unaushaltbaren Schmerz zu mindern, Unerträgliches tragbar zu machen. Aber in der unerträglichsten Situation spuckte die Gesellschaft sie aus und überliess sie ihren unerträglichen Gedanken. – Wie sinnvoll ist eine solche Behandlung in einer Psychiatrieklinik?

 

„Hast du Kinder?“

Von den behandelnden Ärzten war sie ermuntert worden, sich ein neues Beziehungsnetz aufzubauen. Nach Jahren der Krankheit, war nicht viel übrig geblieben, berufstätig war sie nicht und die finanzielle Lage desolat. Zudem hatte das Sozialamt sie verpflichtet, Freiwilligenarbeit zu leisten. – Später würde ihr Invaliditätsgrad 100% betragen, aber zu dem Zeitpunkt interessierte das noch niemanden.

Zu ihrer Zeit und in dem Land, in dem sie lebte, herrschte die Ansicht, dass wer Sozialhilfe bezieht, dafür etwas leisten muss. In ihrem Fall musste sie sich glücklicherweise für keine Stellen bewerben, weil das IV-Verfahren lief und all Ihre Bemühungen nach Integration fehlgeschlagen waren. Zugegeben, die angebotenen Arbeitsplätze waren allesamt ungeeignet. An einem hatte sie die Dosis der Benzodiazepine erhöhen müssen. Einfache oder einfachste Arbeiten waren ihrem Ausbildungsstand unangemessen und sie fühlte sich in schmutzigen Räumen mit vielen geschwächten, suchtkranken oder vom Schicksal gezeichneten Menschen nicht sehr wohl. Sie hätte Stabilität, Freundlichkeit und einen kleinen, übersichtlichen Rahmen gebraucht, um ihre Fähigkeiten, die sie durchaus noch besass, entfalten zu können. Aber sowas war in den Mühlen der IV nicht vorgesehen. Vielleicht war das so gewollt, weil behinderte Menschen das zu tun haben, was ihnen aufgetragen wird und nicht selbst denken sollen. Sie aber hatte immer selbst gedacht. Sie konnte sich seit Kindsbeinen an nichts anderes erinnern. Manchmal erschrak sie selbst über ihre Schnelligkeit, mit der sie Zusammenhänge erfasste und faule Strukturen durchschaute. Der zweite Arbeitsmarkt hatte, soweit sie ihn kennen gelernt hatte, Schlagseite.

Sie hatte sich noch nicht an ihre Einsamkeit gewöhnt. Ihre letzte lebhafte Erinnerung an ihr Kind war, dass dieses die Augen senkte. Dieses Niederschlagen der Augen hatte sie mitten ins Herz getroffen, obwohl sie sehr krank war. Das also war das Ende einer Kindheit, bloss auf Jahre wie ihr gutmeinende Menschen tröstend versicherten oder bis zum Ende ihres oder des Kindes Leben? Sie wusste es nicht, hatte Angst irgendetwas an diesem Schmerz zu bewegen, der zurückgeblieben war.

Zuerst zog es ihr, krank, wie sie war, den Boden unter den Füssen weg. Lange wäre sie lieber tot gewesen. Sie sprach kaum über ihr Muttersein. Sie sprach von allem andern, das sie in ihrem Leben gemacht hatte. Da war ihre Ausbildung, ihr Beruf, all die Jahre ihrer Berufstätigkeit, das Glück, dass sie in ihren Hobbies fand, das Leben, das sie im Schnellzugtempo gelebt hatte, weil sie spürte, dass der Boden unter ihren Füssen wackelte. Nie hätte sie sich vorgestellt, dass der Sturz so tief sein würde. Aber sie hatte gegen allen Widerstand das gemacht, was ihr wichtig war, damit sie später nichts bereuen müsste. Ihren Berufswunsch hatte sie gegen ihre Eltern durchgesetzt und war später froh darüber. Ohne genau diese Ausbildung wäre sie im Beruf unglücklich gewesen und wäre heute, wo sie auf Versicherungsleistungen angewiesen war, viel schlechter gestellt. Bei aller Sparsamkeit legte sie doch Wert auf gewisse Annehmlichkeiten.

Sie hatte früh geheiratet, sich später scheiden lassen und in einer zweiten Ehe nochmals das Glück versucht. Alles, was sie gelebt hatte, konnte ihr niemand nehmen. Aus späterer Sicht waren die Ehen nicht gut. Allerdings wusste sie genau, dass sie nichts besseres zustande gebracht hätte. Bis zum heutigen Tage hatte sie keinen Mann kennen gelernt, mit dem sie hätte alt werden wollen. Deshalb wohl war ihr der Friede mit ihrem Berufleben so wichtig. Wie alle Menschen schaute sie gern auf das zurück, was ihr gelungen war.

Was ihre Kindererziehung anbelangte, hatte sie kein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihren Kindern das gegeben, was sie konnte. Sie hatte sie mit den Werten behandelt, die ihr wichtig waren. Jetzt hatten sich die Kinder entschlossen, die Werte kennen zu lernen, die ihr widerstanden. Beide Kinder mussten selbst entscheiden, was sie wollten. Ihr als Mutter stand es nicht zu, sich hier einzumischen. Aber als sie viel zu früh alleine dastand, hatte sie langsam wieder Boden unter die Füsse bekommen. Sie hatte sich nach neuen Kontakten umgesehen. Sie hatte bei der Freiwilligenarbeit Menschen kennen gelernt. Nach einigen einschlägigen Erfahrungen hatte sie auf die Frage: „Hast du Kinder?“, mit einem flotten: „Nein“, geantwortet. Sie brauchte im Leben Schutz gerade in dieser schwierigen Situation und nicht Mütter oder Väter, die sie fassungslos und mitleidig anschauten und sie in die Schublade „Rabenmutter“ steckten. Was wussten diese Heile-Welt-Menschen schon von ihrem Leben, den Intrigen, die gegen sie gesponnen wurden und all den Ungereimtheiten, die sich zufälligerweise nur gerade in ihrem Einzelfall angesammelt hatten. Eines Tages, das wusste sie, würde sie sich wehren. Sie wusste es sicher und fest. Sie konnte warten, hatte Geduld und Ausdauer. Denn eines hatten all ihre Gegner übersehen: Sie konnte schreiben.

Der Schlaf ist meist gestört….

Hallo Welt. Es ist vier Uhr morgens und ich bin seit 1 1/2 Stunden wach, an Einschlafen ist nicht zu denken. Natürlich bemühe ich mich, ruhig zu bleiben, mich nicht aufzuregen und schon jetzt einen guten, kleinen Plan zu schmieden, wie ich am Nachmittag einen Kurzschlaf einplanen könnte, damit ich den ganzen, langen Tag, ohne ein Energieloch durchstehe und in der kommenden Nacht besser schlafe.

In solchen Phasen empfinde ich den Spielraum als eng, obwohl „nur“ Schlafprobleme nach so kurzer Zeit einer schweren, depressiven Episode, ein Privileg sind. Ich könnte mit ganz anderen Schwierigkeiten kämpfen, wie suizidale Gedanken, Antriebslosigkeit, unerträgliche Langweile bei gleichzeitiger Unfähigkeit mich selbst zu beschäftigen, alle Schattierungen von Angstzuständen, Kopfschmerzen, der Symptome sind viele.

In meiner, persönlichen Grundeinstellung bin ich dankbar, dass viele, gesundheitliche Einschränkungen bereits wieder der Vergangenheit angehören. Trotzdem ist das Nicht-Durchschlafen-können lästig. Blog sei Dank kann ich mich frühmorgens still und ruhig beschäftigen, aber ich halte eine verkürzte Nachtruhe auf die Dauer körperlich nicht aus. Eine Möglichkeit ist, während des Tages zu schlafen. Diese Kunst will gelernt sein: Wenn ich tief schlafe, zwei bis drei Stunden, hat das Auswirkungen auf die folgende Nacht. Wenn ich, wie vom Arzt empfohlen, den Wecker auf ein bis 1 1/2 Stunden stelle, bin ich so nervös, dass ich nicht einschlafen kann.

Letzten Sonntag hat mir mein Körper gezeigt, dass er die Fähigkeit zum Leichtschlaf hätte und die darauf folgende Nacht liess keine Wünsche offen. Das kam so: Es war Regenwetter, ich beschäftigte mich zu meiner Zufriedenheit, aber irgendwann war ich müde. Ich schaute fern, wozu ich immer in einem Stuhl sitze. Während des Films schlief ich ein und erwachte vor dem Filmende wieder. Das war sicher die eine gute Voraussetzung.

Die andere ist der Trick vom Essen: Gewisse Medikamente regen den Appetit an. Meins auch. Das wissend, gebe ich von Anfang an Gegensteuer und esse kleine Portionen. In den ersten Wochen hatte ich keinen Hunger. Jetzt könnte ich essen bis zum Platzen. Da ich das nicht tue, habe ich ständig Hunger.  Vor Jahrzehnten habe ich durch Erfahrung gelernt, dass mein Körper für einen durchgehenden Schlaf genügend Kohlenhydrate braucht, sonst wache ich hungrig auf. Manchmal kann ich den Schlaf wieder finden, indem ich etwas esse. Am Sonntagabend muss ich zum Durchschlafen genug gegessen haben und fürs Halten des Gewichts hoffentlich nicht zu viel.
Natürlich könnte das Durchschlafproblem mit einem Medikament gelöst werden. Dazu habe ich momentan keine Lust: Mein Leben läuft was die Aussenreize betrifft, ruhig und geordnet ab, ich habe Tätigkeiten, die mir Spass machen, vielleicht brauche ich einfach noch etwas Zeit, bis das Durchschlafen sich wieder einpendelt, zumal ich eine Behandlung mit einem Benzodiazepin beendet habe. – Ich kriege manchmal das vom Leben, was ich mir wünsche, manchmal muss oder will ich gewisse Kompromisse  eingehen.

Als Medikamentengruppe kommen für Schlafprobleme Benzodiazepine in Frage, die schnell abhängig machen oder Antidepressiva in niedriger Dosierung. Die aus meiner Sicht vom Leben bevorzugteren Menschen schlafen bestens mit Hilfe von Orangenblütentee, einem Valverdepräparat, einer warmen Milch oder einem Einschlafritual. Leider gehöre ich nicht zu denen. Aber irgendwie werde ich meinen Weg finden.
Zum Schluss einige Worte, warum ich solche Dinge aufschreibe: Sie gehören dazu. In vielen Büchern über Depressonen stellen sich die selbst betroffenen AutorInnen so dar, als hätten sie die Schwierigkeiten ein für allemal überwunden. Das bringt mir nichts: Ich gehöre zum Fussvolk und nicht zu den Helden.

Dann gibt es die Fachexperten: In den Talkshows taucht in der Schweiz des öftern eine Fachperson auf, die auch Bücher geschrieben hat. Ich verlinke sie bewusst nicht, weil ihre Statements mir nicht helfen: Ich jedenfalls fühle mich nicht ernst genommen.

Um gleich bei den Talkshows zu bleiben: Es gibt auch Diskussionsthemen, die ich im Zusammenhang mit depressiven Menschen als unangemessen empfinde: Das Wort „Freitod“ suggeriert, dass ein Mensch frei war, eine Entscheidung zu treffen. Das Endstadium eines Krebses führt zum Tod, eine schwere Depression kann zum Tod führen, weil der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist. Bitte Leiden und nicht Freiheit. Während wir es beim Krebs akzeptieren, dass Körperzellen sich so verändern, dass Menschen daran sterben, akzeptieren wir als Gesellschaft nicht, dass Botenstoffe, körperliche Veränderungen, Gene, was auch immer die Hirnforschung herausfinden wird, zum Tod von Menschen führen kann. Damit zusammen hängt die Unfähigkeit vorauszusehen, welche Patienten an einer Depression sterben und welche knapp überleben.

Ebenso unangemessen finde ich die ethische, oft eher moralisierende Diskussion, was ein Mensch, der Suizid gemacht hat, seinen Hinterbliebenen antut. So können nur Menschen denken, die nicht wahrhaben wollen oder können, dass eine depressive Erkrankung zum Tod führen kann, wie z.B. eine Krebserkrankung. Während ein schwer kranker Krebspatient in einer Fernsehshow auftreten kann, können wir keinen Menschen befragen, der Suizid gemacht hat, warum, woher und wohin des Weges. Aber beide Seiten sollten eigentlich berichten können, sonst wird es eine einseitige Sache und als solche empfinde ich sie oft: Als Beispiel ein Link zu einer Clubsendung, in der Christine Meyer bereits in der Einleitung „Freitod“ und „Suizid“ als Begriffe gleichsetzt. Für mich ist diese Gleichsetzung unverständlich und befremdend.. Selbst wenn zwei, psychisch kranke Personen, mit der Hilfe einer Sterbehilforganisation, ihr Leben beendet haben.

Jetzt bin ich etwas vom Thema abgeschweift. Das kommt vor.

Depression und Nachbarn

Ende August diesen Jahres fiel ich in eine Depression. In meinen Fall fühlt sich das so an, wie wenn ich oben an einem Felsen rausspringe und im freien Fall abstürze. Wer sich unter meinen LeserInnen zu den ortskundigen SchweizerInnen zählt, kennt vielleicht das Basejumpergebiet im Lauterbrunnental (Link: etwas runterscrollen und links findet sich ein Bild des Felsens). Im Gegensatz zum Basejumpen ist eine Depression nicht der ultimative Kick, sondern die ultimative Antriebslosigkeit. Nach wenigen Tagen des Niedergangs bin ich nicht mehr fähig aufzustehen, sondern bleibe den ganzen Tag im Bett liegen. Da liege ich dann und die Zeit zieht vorüber. Ich spüre klar und deutlich, wie der Stoffwechsel meines Körpers umgestellt wird, habe keinen Hunger mehr, versuche wenigstens etwas zu trinken, finde alles entsetzlich langweilig, in besseren Phasen der Bettlägrigkeit kann ich wenigstens lesen.

Seit wenigen Jahren fühle ich mich wohl bei einer Psychiaterin, die mir nach meinem letzten Klinikaufenthalt im Jahr 2008 empfohlen wurde. Damals hatte man mir endlich das Medikament verschrieben, das mir hilft: Nichts von Serotonin und Dopamin und wie diese antidepressiven Wirkstoffe alle heissen, sondern Valproatsäure, was eher ein Wirkstoff gegen bipolare Störungen oder Epilepsi ist. Lithium wäre auch in Frage gekommen,  ist aber in der Einnahme schwieriger.

Also habe ich meiner Psychiaterin gemailt, dass ich abgestürtzt bin. Ich bekam umgehend einen Notfalltermin und die Anfangsdosis und Steigerung des Medikaments wurde besprochen. Ich sah nicht über den Berg und das war in den letzten Tagen des Augusts. Ich musste alle Termine absagen und lag etwa 10 Tage im Bett, während ich Flüssigkeit trank, darauf achtete, mein Medikament regelmässig einzunehmen und auch die praktische Hilfe langsam ins Rollen kam. Allerdings so kurz vor den Herbstferien eine Herausforderung: An einem Tag sollte am Morgen jemand kommen. Der Termin wurde abgesagt. In Vorbereitung auf die kommende Hilfe, hatte ich mich aus dem Bett gequält. Als die Hilfe ausblieb, kroch ich zurück in mein Bett und ward für Stunden nicht mehr gesehen.

Wer im Bett liegt, dessen Muskeln schwinden rasch, was bei der Genesung ein zusätzliches Problem darstellt. Irgendwann stellte mir meine Hausärztin die Aufgabe, einmal pro Tag in die nächstgelegene Ortschaft zu fahren und etwas zu essen. Praktisch sah das so aus: Ich lag im Bett und verschob den Termin zum Aufstehen im Zwiegespräch mit mir selbst über den ganzen Morgen. Vielleicht schaffte ich es knapp um 11 Uhr aufzustehen und aus der Wohnung förmlich zu rennen, damit ich nicht wieder zurück ins Bett kroch. Einmal wurde es Nachmittag um vier Uhr. Nicht über sich selbst bestimmen können, finde ich grausam. Ich wusste, dass ich das damit verbundene Gefühl nicht lange aushalten würde.

Eine Familie in unserem Mietshaus realisierte, wie es mir ging. Die Mutter begann jeden Tag zur Mittagszeit bei mir zu klingeln und zu fragen, ob ich nicht Lust hätte, „zuechedsitze“. Gesellschaft, keine Fahrten mehr in die Stadt, Menschen, die es interessierte, wie es mir erging und die bereit waren, mich in dem Zustand auszuhalten, was Besseres konnte mir nicht passieren. Soweit es meine Kräfte zuliessen, versuchte ich mich erkenntlich zu zeigen, in dem ich den Abwasch erledigte und später sogar einmal kochte. Jetzt sind Schulferien und ich koche in meiner Wohnung wieder selbst. Zuerst kochte mir die Psychiatrie Spitex. Dann begann ich mit einfachsten Dingen wie Beutelsuppe in der Pfanne oder Teigwaren mit Aromat.

Eineinhalb Monat nachdem ich in eine Depression fiel, bin ich auf dem Weg der Genesung. Ohne das richige Medikament leide ich Jahre. Wenn sich das Medikament, mein Ärzteam, meine Nachbarn und mein Wille verbünden, bin ich in so kurzer Zeit aus dem Gröbsten raus. Wer hätte das nach meiner Vorgeschichte gedacht?