Abschied

Lange habe ich sie nicht mehr gesehen, am 7. Januar 2017 ist sie ihrer Krankheit erlegen.

Begegnet ist sie mir als Kommunikationsbeauftragte einer Behindertendachorganisation. Ihr Lebenswille und ihr Humor waren ansteckend. Schon damals hat sie sich für Mensachen mit ihrer Erkrankung politisch eingesetzt, innovativ, frech und überzeugend. Sie verstand es, die Massern zu mobilisieren, sie machte auf ein bekanntes, ungeliebtes Thema überzeugend aufmerksam.

Gleichzeitig stellte sie ihre Fähigkeiten in den Dienst von Menschen mit Behinderungen, krempelte die Ärmel hoch und unsere Begegnungen waren stets interessant und unterhaltend, nie war Aufgeben ihr Thema.

Meine Lebenssituation war anfänglich viel eingeschränkter als ihre, ich war tief unten auf der Leiter, ich war im IV-Verfahren angekommen, welches sich über qualvolle Jahre hinzog, mit den logischen gesundheitlichen Folgen für mich. Sie, ein Jahrzehnt jünger als ich, war im ersten Arbeitsmarkt berufstätig. Meine Ideen und Anliegen unterstützte sie, sie versicherte mir glaubhaft, dass ich trotz fehlender Orthographie und ohne die Fähigkeit, die Kommaregeln korrekt anzuwenden, mich schriftlich äussern konnte und meine Fehler von einer Fachperson mit Leichtigkeit zu eliminieren seien.

Wenn ich für die Zeitschrift ihrer Organisation schrieb, kamen meine Texte rot eingefärbt zurück, was sie mit einem Lachen wegwischte. Selten stritten wir uns um Inhalte und ich lernte einige journalistische Regeln. Viel habe ich ihr zu verdanken, sie führte mich gekonnt zu meinen Stärken und ermunterte mich, meiner Wahrnehmung, die sie stets als  Bereicherung menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten empfand, treu zu bleiben und sie gekonnter auszudrücken.

Ihre Krankheit führte sie an den Punkt, den ich Jahre zuvor durchschritten hatte, IV-Verfahren. Im letzten Jahr waren ihre Krankheitstage aufgebraucht, sie verlor ihre Arbeitsstelle, für ihr Arbeitsteam muss das eine qualvolle Erfahrung und Belastung gewesen sein. an irgendeinem Punkt ging es gesundheitlich rasant abwärts.

Hin- und hergerissen zwischen dem Dank für die Erlösung, die ihr früher Tod bedeutet und dem Verlust, sie als Person und Fachfrau jetzt vermissen zu müssen, bewegen sich meine Gefühle.

Es bleibt die Dankbarkeit für die gemeinsamen Begegnung, für die Bereicherung, die sie für uns beide bedeuten und für mich den Auftrag, weiterhin den Weg, den sie mir bereitet hat, zu beschreiten. In Dankbarkeit und Erinnerung an dich,

Wie Ort

 

 

 

 

 

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Jahresrückblick

Was hat dieses Jahr gebracht, konnte ich meine Lebensjahr verbessern? Die Antwort lauter: „Ja, definitiv.“ Ich habe den Ruf nie aufzugeben. Diese Fähigkeit wurde mir in die Wiege gelegt und habe ich, Behinderung sei Dank, ein Leben lang eingeübt. Resulat: Ich bin ausserordentlich gut darin.

Das hat sich im vergangenen Jahr so ausgewirkt, dass ich eine zentrale ärztliche Fachperson in meinem Leben nach acht Jahren Zusammenarbeit fristlos entlassen habe, mir der Konsequenzen dieser Entscheidung woll bewusst war. Ich weiss, dass medizinisches Fachpersonal, NeurologInnen ausgeschlossen, keine Ahnung hat, was eine Hirnverletzungen praktisch für Konsequenzen hat. Geduld gehört da zu meinen Stärken, als Patientin bilde ich meine medizinischen Fachkräfte aus und der Geldfluss geht von mir via Krankenkasse an sie, eine elendigliche Ungerechtigkeit, die ich nicht ändern kann.

Als meine Psychiaterin nach acht Jahren ein klassisches neurologisches Symptom psychiatrisch verstand und mir damit eine weitere medizinische Fehlbehandlung bevorstand, habe ich die Reissleine gezogen.

Konsequenz: Sämtliche Medikamente aus dem Behandlungsbereich wurden auf Null zurückgefahren. Neurologisch komme ich medikamentenlos nicht zurecht, das kommt stets mit einigen Monaten Verzögerung an den Tag. So auch in diesem Jahr. Ende August erlebte ich wiedermal einen Nullpunkt, Symptom: schwere Depression. Ich wollte wieder einmal sterben und habe einmal mehr überlebt. Die neue neuropsychiatrische Fachperson schaute mich im Wartzimmer sitzend an, in jämmerlichem Zustand, die neuen Medikamente wurden besprochen und langsam heraufgefahren. Eines vertrage ich, das andere, wie sich wiederum schmerzvoll zeigte, nicht. Mit diesem einen Medikament habe ich eine Lebensqualität mit einer Leichtigkeit wie schon lange nicht mehr. Manchmal frage ich mich, ob mir Hirnzellen nachgewachsen sind, was medizinisch nicht möglich ist.

Rückblickend war der Behandlungswechsel mehr als überfällig und ich bin froh, habe ich ihn mit allen Konsequenzen vorgenommen. Zuversichtlich blicke ich in meine Zukunft und fasse kurzfristige und langfristige Pläne. 25mg der richtigen Chemie und mein Gehirn kriegt die Substanz, die andere Gehirne selbst produzieren können. Ich bevorzuge somatische medizin, weil sie von meinen Gegebenheiten, Hirnverletzungen ausgeht, sie in ihre Überlegungen einbezieht und nicht von mir verlangt, Leistungen zu erbringen wie wenn ich keine Hirnverletzung hätte.

Ich fühle mich rundum ernst genommen. medinen Anteil, mit meiner Behinderung zurecht zu kommen, habe ich ein Leben lang voll erbracht. Mehr will und kann ich nicht.

 

 

 

Schreckhaft

Wenn ich von den Vorteilen berichte, die meine Wahrnehmung mit sich bringt, dann möchte ich ehrlicherweise die Nachteile nicht vergessen. Die Schreckhaftigkeit ist momentan zuerst zu erwähnen. Sprich mich niemals, NIEMALS von hinten an. Ich erschrecke, das immer und in einem unerträglichen Ausmass.

Es ist mir völlig egal, dass es durchaus üblich ist, Menschen ohne SICHTKONTAKT anzusprechen. Dieses gängige Verhalten taugt für mich nicht. Wenn ich erschrecke, dann zieht dieses Erschrecken mir sehr viel Energie ab. Im einfachen Fall muss ich meine Tätigkeit für Sekunden, Minuten einstellen, bis ich mich gesammelt habe. Meine Ressourcen sind so knapp, dass ich mir diesen „Luxus“ nicht leisten kann.

Eine klassische Situation, in der ich als Mensch mit einer Behinderung, mein Problem so kommunizieren muss, dass Menschen ohne Behinderung eine faire Chance bekommen, nicht in dieses Fettnäpfchen zu treten. Die Krux an der Angelegenheit ist das „Vorher“. Um einen langen Lernprozess abzukürzen, hier mein vorläufiges Resultat: Ich habe viele Stücke meiner Garderobe mit „meinem“ Signet bedrucken lassen oder bügle dieses Signet, glänzende selbstreflektierende Silberfolie auf. – Die letzte Bestellung in einem Druckfachgeschäft hat zu einem ruinierten, neuen Wintermantel geführt und noch weiteren beschädigten Textilien. Ich berücksichtige bei meinen Einkäufen gern das lokale Gewerbe, aber so nicht.

Internet, Google, CH-Anbieter, einen neuen Wintermantel auf eigene Rechnung kaufen…..das Übliche halt.

Mein Signet, auch das im Internet zu finden stellt ein „Pssst…. Zeichen“ dar. Jeder Erwachsene braucht diese Geste, ausgestreckter Zeigefinger vor die Lippen, begleitet mit dem Laut „psst…..“ und in hiesigen Breitengraden lernt das Kind, möglichst still zu sein.

Interessanterweise kennen ALLE dieses Zeichen, sind aber auf Anhieb überfordert, wenn es auf dem Rücken eines Kleidungsstückes aufgedruckt ist. Die übliche Reaktion: „Ah ja….“ und auf dem baue ich auf. Wenn ich mich in den wöchentlichen Runden bewege, die ich in meinem Alltag ziehe, verknüpft sich mein Signet mit einem Lerneffekt. Wenn die Menschen es sehen „ah, ja….“ bitte nicht ansprechen. Stressabbau auf beiden betroffenen Seiten. Sehr oft ist es Menschen, die mich kennen und eigentlich um mein Problem wissen, ungemein peinlich, wenn sie in dieses Fettnäpfchen treten. Das will ich ihnen und mir ersparen.

 

 

Darf ich bitten….

In einem der ersten Kommentare zu meiner erneuten Bloggerei, wir die Frage gestellt, was der Unterschied sei, zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen.

Zuvorderst und zuerst sind wir alles Menschen und zeigen menschliche Verhaltensweisen.  Kaum je wiehern Menschen mit Behinderungen wie ein Esel. (=Witz: Pferde wiehern und ein Esel macht J-A. Also ein Ding der Unmöglichkeit, dass ein Esel wiehert.)

Das frage ich mich innerlich, wenn mich jemand darauf aufmerksam macht, dass ich mich nicht gross unterscheide, ob ich wie ein Esel wiehern solle, damit mein Anderssein greifbarer würde oder zumindest hörbar.

Praktisches Beispiel: Ich wollte schon lange tanzen gehen, Standard Tanzausbildung für Amateure habe ich bis zum Level Goldstar. Im Winter Muskeltraining zu finden, vor dem Klettern in der Kletterhalle, war ein stehender Versuch verschiedenste sportlicher Betätigungen. Tanzen mit dem Bewegen im Idealfall von allen vier Extremitäten gilt als neurologisch wertvoll.

Meine doch eher ungewöhnlich Lösung für meinen Wunsch: Ich rief meinen ehemaligen Tanzlehrer an und bat ihn eine Std. mit ihm tanzen zu können, natürlich bezahle ich ihn im Stundentarif „Privatunterricht“.

Es war ein stimmungsvoller Abend, Ruedi tanzt durchaus erotisch, sein Körper ist gespannt wie der Körper eines Profikletterers. Noch traue ich ihm nicht ganz zu, mein Gewicht in jeder Lage zu halten. Natürlich versuche ich die Körperspannung, die ich im Klettern gelernt habe, mitzunehmen und anzuwenden. Natürlich habe ich Ruedi angestrahlt, weil mir Bewgung und Tanzen Spass machen. – Ein anderer Tänzer hat mich vor meiner Tanzstunde sogar geholt. Das ist sehr ungwöhnlich. Vermutlich strahlte ich die Sicherheit aus, die mir die Vorfreude für mein Tanzabenteuer, ein Erstversuch in dieser Angelegenheit, gab.

ich mache es wieder, das Datum ist reserviert.

Einziger Wermutstropfen. Auf dem Rückwerg zu meinem Auto stolperte ich und habe mir ziemich weh getan, zum Glück nichts gebrochen oder Muskeln überdehnt. – In Zukunft nehme ich mein Silberstöckchen mit für diesen Rückweg im Dunkeln über unebenes Geläde, wie die Beäugung der Unfallstelle ergab.

Gefühle

Eigentlich ist mein Läppi noch nicht geflickt, frühstens morgen ist laut Quittung im besten Fall der Schaden behoben.

Gestern habe ich intensive Gefühle erlebt, sowohl Angenehme wie auch andere. Ich war bei meiner Lektorin im Geschäft zur Kaffeepause. Sie hat mein erstes Buch durchlektoriert, nach zwei gescheiterten Versuchen: Der erste Lektor, den ich im Rahmen einer Weiterbildung, bezahlt von AGILE.CH für fünf Stunden anstellen durfte, den konnte ich auf meine Finanzen zurückgeworfen, natürlich nicht halten, auch wenn er im Verhältnis zu seinem Fachwissen einen bescheidenen Stundenansatz mir in Rechnung gestellt hätte.

Die fünf Stunden waren ergiebig, ich habe ein Buchkonzept schriftlich mit drei Erzählbeispielen, die er lektoriert hatte, die in einem zweiten Durchgang, im Zusammenhang des ganzen Buches nochmals lektoriert wurden.

Eine Erzählung war besonders schwierig und wurde von Lektor Nummer 2 unter die Lupe genommen, was ihr sicherlich gut bekam und zeigte, dass sie nicht die erste der Geschichten im Buch sein würde, ein zwar, aber nicht der Auftakt. Allerdings war ich als Autorin mit dem Warten überfordert und ich maile keines meiner Bücher einem Menschen, mit dem ich nur Mailkontakt habe, der mir nicht einmal seine Adresse und Telefonnummer gibt.

Jungautorinnen lernen beim Schreibprozess viel, manchmal mehr, als ihnen lieb ist.

Und jetzt geht es darum,  einen Verlag zu finden, dachte ich. Fehlanzeige! Um zu wissen, was im Buch steht, bedarf ich des Inhalts dessen, was mein Chefneurologe schreiben wird. – Für mich ein wesentlicher Bestandteil meiner Erstlings. Ich darf nochmals vor den Spiegel rennen, mit den Wimpern klimpern und wenn ich dieses Vor- oder Nachwort habe, habe ich erst mein ganzes Manusskript zusammen.

Ich verzapple gleich und muss ruhig bleiben. So anspruchsvoll  ist mein Leben. Wer kann seine Gefühle im Griff halten? Ich kann Haltung bewahren, aber meine Gefühle, die bedrängen mich tüchtig.

 

 

 

Was ich zu fürchten gelernt habe

Es gibt Situationen, in denen es für mich am besten ist, mich so schnell als möglich zu entfernen. Diese Begebenheiten laufen immer gleich ab. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, werden Menschen, die mit mir zu tun haben, aggressiv. Als kleines Kind war ich diesen Erwachsenen ausgeliefert. Ein verletzender Satz lautete: „Wenn du keine(!) Gefühle hast, dann brauch wenigstens deine Intelligenz.“

Die Kindheit ist längst vorbei. Aber bis in die Gegenwart gibt es AggressorInnen. Beliebt ist, meine Behinderung als Anhaltspunkt zu nehmen. In einer psychiatrischen Klinik(!) hat man mich an zwei unterschiedlichen Tagen zum Sündenbock gestempelt, weil ich „an der falschen Stelle“ gelacht habe. Was ein Mensch ohne Hirnverletzung noch knapp unter Kontrolle halten kann, nämlich eine gestresste Situation ohne Ventil zu überstehen, schaffe ich nicht. Ich brauche ein Ventil und oft ist es Lachen. Es gibt auch das Häutchen abziehen an den Fingern und Fingernägel bzw. Kaugummi kauen oder sonst eine Beschäftigung, die Spannung abbaut.

Wenn ich in der selbstgerechten Art zum Sündenbock erkoren werde, brauche ich keine Pfarrerin, die mir die Bibel auslegt. Intuitiv verstehe ich die Worte Jesu: „Herr vergib ihnen, den sie wissen nicht, was sie tun.“ Man merke: Nicht behinderte Menschen dürfen voll aggressiv sein. Sogar sog. Fachleute dürfen sich behinderten Menschen gegenüber unprofessionell verhalten. Aber wehe, wenn der behinderte Mensch schlechte Laune hat, mies drauf ist und sich einen Sündenbock sucht. Das kommt ganz schlecht an und ist verboten. Frei nach dem Spruch: „Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Letzthin in einem Kurs hat mir die Kursleiterin gesagt, ich würde mich über alle erheben und „in letzter Instanz“ entscheiden, was richtig sei und was falsch. Sie brauchte das Wort „Inquisition“. Mein „Vergehen“: Es war ein Schreibkurs. In einer Geschichte eines anderen Kursteilnehmers hatte mich eine Nebenfigur dazu animiert, die Figur zu nehmen und zu ihr eine Geschichte zu erfinden. Wir hätten alle keine Literatur, wenn nicht ständig Themen aufgegriffen, neu gestaltet, anders geschrieben würden.

Für alle, die gern etwas zum Lachen haben: Der Witz ist, dass diese Nebenfigur in der Originalgeschichte sehr einsam war. Ich habe sie in meiner Geschichte in die Gesellschaft integriert. Inklusion nennt sich das. – Wenn das nicht einmal auf dem Papier erlaubt wäre, dann könnte die gesamte Behindertenbewegung, die über Inklusion nachdenkt und sie fordert, einpacken. Aber das tun wir nicht. Wir sind da und bleiben ein Teil dieser Gesellschaft, auch wenn einige Mit- oder Gegenmenschen sichtlich Mühe haben, damit umzugehen.

Bodehannes Franz

Wem bist du, werde ich gefragt. Meine Antwort lautet unwiderruflich mir selbst. Ich beziehe mich auf keinen Vater, auf keine Mutter, ich bin in einem Alter, in dem ich mir eine solche Frage nicht mehr bieten lasse. Das ist der eine Aspekt und der andere: Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts und sollten allmählich lernen, dass Menschen mehr sind als eine Zusammensetzung der Eigenschaften des Zuchtstalls aus dem sie zufällig stammen.

Regelmässig fällt mein ziviler Ungehorsam auf. Ich verwundere mich, wie wenig es braucht, um in der Schweiz, die so stolz auf ihre Redefreiheit ist, auszuscheren und seine Redefreiheit dazu zu benutzen nach seinen Überzeugungen zu leben:

Bin ich verantwortlich für die Taten oder Untaten meiner Vorväter oder -mütter? Bin ich verantwortlich für meine Taten und Untaten oder bin ich nicht viel eher auf Verständnis angewiesen, weil vieles, was andere hinkriegen für mich nicht zu erreichen ist: Ich habe jahrzehntelang täglich Gelassenheit trainiert. Ich war nicht zu faul, ich habe sicher eine gute Methode gewählt und trotzdem ist der Erfolg bescheiden: So bringt mich auch die Frage nach meiner Herkunft regelmässig auf die Palme:

Ich sehe mich dort oben bildlich hocken mit einer Kokusnuss in der Hand. Dann denke ich, dass es nichts anderes gibt als zu akzeptieren, dass ich so schnell und so rasch auf die Palme flitze. Um sich meine Palme vorzustellen, muss man wissen, dass sie am Ende von waldig bewachsenem Gebiet steht, dem ich meinen Rücken zudrehe. Vor meinem Baum liegt ein kurzer Sandstrand und dann das Meer. Müsste ich einen Ort nennen, würde ich sagen, es ist eine dieser Korallenriffinseln, die nur knapp aus dem Meer ragen. Was mich verwundert ist, dass ich blitzartig mit blossen Füssen den Stamm hochklettern kann, um dann die Baumkrone zwischen meine Schenkel zu klemmen und mich mit einer Kokusnuss zu bewaffnen. Was mich nicht verwundert ist, dass es sich bei meinem Baum um eine Palme handelt: Keine Äste stören meinen raschen Aufstieg. Verstecken muss ich mich nicht, aber Sicherheit brauche ich in dem Moment und keine Sekunde später. Kein Wunder ist, dass ich im Bild aus der Unordnung des waldigen Geländes auf meine, allein dastehende Palme eile. Das ist genau der Ort, an dem ich mich im realen Leben ansiedle: Wenn der Wald bildlich für Menschen steht, das Durcheinander, das entsteht, wenn Menschen sich bewegen, z. B. nach einem Anlass alle aufstehen, um nach Hause zu gehen.

Es gibt viele, alltägliche Situationen, die einen Menschen mit einer Wahrnehmungsstörung überfordern: Einen Überfluss an Reizen muss er mit einer Spitzenleistung kompensieren oder wenn er diese Leistung nicht abrufen kann, verhält er sich sozial unangepasst. Ein solches unangepasstes Verhalten wird gesellschaftlich saktioniert.

Mit diesem Wissen bekommt meine Palme nochmals eine tiefere Bedeutung: Mein Zufluchtsort in meiner Phantasie ist bestens organisiert. Die Reize sind wohldosiert. Es handelt sich immer um die gleiche Palme. Nie verändert sich ihr Aussehen oder die Landschaft in der sie steht. Die Vorstellung, mir Ärger um Palmeslänge vom Leib halten zu können, gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um ruhig zu werden. Ein Ritual um von der Palme zu steigen, sehe ich nicht vor mir. Selten stelle ich mir vor, wieich langsam Fuss um Fuss runtersteige.

Vielleicht reicht der wohlige Seufzer, der mir entwischt, wenn ich mich sicher fühle, um in den Alltag zurückzukehren. Manchmal braucht es Tage, bis ein Ärger nicht weiter in meinem Kopf nachhallt. Meistens bedeutet es ein gutes Stück Arbeit, meinen Kopf wieder in den Ausgangszustand zurück zu versetzen. Diese Arbeit bindet Energie, die ich gern anderweitig verwenden würde. Das ärgert mich und wiederum brauche ich Energie, wenn ich mir gut zurede, damit ich mich nicht ärgere.

Nur Worte

Manchmal denke ich, dass das Leben liebevoll über meine ehernen Prinzipien lächelt: Wenige Tage nachdem ich  zuletzt nach meiner Herkunft gefragt wurde, fragte mich ein anderer Mensch danach. Ich bleibe langmütig und friedlich, gebe auf jede scharf gestellte Frage gutmütig Antwort. Nichts bringt mich aus der Ruhe.

  • Ist die Gesprächssituation eine andere?
  • Bin ich weniger müde, weil dieses Gespräch viel früher am Tag stattfindet?
  • Was ist anders und macht den entscheidenden Unterschied?

Ein Beobachter dieses zweiten Gesprächs ist über seinen Verlauf erstaunt. Er kennt das Prinzip nicht, nach dem Franz gefragt wird, ob er der Sohn von Hannes ist, der im Boden wohnt, damit Franz in das richtige „Schublädli“ gesteckt werden kann.

Ich nehme für mich nach diesen beiden Erfahrungen den Eindruck mit, dass ich nicht so schlimm bin, wie ich befürchte. Hin und wieder könnte der Fehler nicht bei mir, sondern bei meinem Gegenüber liegen. Das Leben scheint über mich zu lächeln und ich lächle zurück. Soviel Humor darf sein und diesen Humor habe ich.

Umgestellt

Ich betrete das Zimmer und bin allein. Ich stehe da und kann es nicht fassen. Das Zimmer ist umgestellt, die zwei Stühle stehen nicht mehr im Abstand von drei bis vier Metern parallel zum Fenster. Überraschend allein, kann ich mir die Zeit nehmen, um mir zu überlegen, wo ich mich hinsetzen will: Lieber mit dem Rücken zum Fenster oder mit dem Rücken zur Tür? – Ich schaue gern aus dem Fenster, dann muss ich in Kauf nehmen, dass ich nicht sehe, wenn jemand von hinten, durch die Tür kommt, was bisher noch nie vorgekommen ist. So sitzend hätte ich die Wand links von mir. Sitze ich mit dem Rücken zum Fenster fühle ich mich vermutlich im Raum eingesperrt, weil ich keine Aussicht mehr habe. Na ja, eigentlich ist dieser Raum gedacht, um Einsicht zu gewinnen, schliesslich handelt es sich um das Behandlungszimmer meiner Psychiaterin, und nicht, um die Aussicht zu geniessen.

Ich entscheide mich, für den Stuhl, der Richtung Fenster steht. Auf den Blick zu den Postkarten, mit den Seerosen werde ich verzichten müssen, ausser, sie werden umgehängt. Wo mir die abgebildeten Seerosen Worte schenkten, wenn ich nach einem genauen Begriff suchte, um meine Gedanken zu sammeln und zu äussern. Von all den Karten habe ich mir meistens eine angeschaut, mit einer einziggen grossen Blüte auf einem Seerosenblatt. Rosa und grün. Um den tieferen Sinn habe ich mich nicht gekümmert. – Viele Behandlungszimmer von PsychiaterInnen ähneln sich: Postkarten stehen irgendwo rum, in die die PatientInnen alles hineinlesen können, manchmal hat es vereinzelte Bücher mit tiefschürfender Weisheit, bevorzugt aus fremden Kulturen. – Bis auf den heutigen Tag habe ich nicht begriffen, warum ein buddhistischer Spuch besser wirkt als einer, eines – oh Schreck –  europäischen, christlichen Wüstenvaters.

Ich setze mich und überlege, wieviel Energie ich nun in den Raum stecken muss, nur, weil das Mobiliar umgestellt ist. Das ist Teil meiner Wahrnehmungsstörung, dass ich in solchen Momenten nicht zu beziffernde Mengen Energie verliere, die mir logischerweise später am Tag für andere Aktivitäten nicht mehr zur Verfügung stehen. Abends sinke ich müde in mein Bett, obwohl ich nicht arbeiten muss, wenige Aktivitäten habe, gezielt Ruhepausen einschalte. Das Bedürfnis, die Beine hochzulegen, lässt mich um 20.00 Uhr Richtung Schlafzimmer verschwinden. Dann lese ich, bis mir die Augenlieder runterfallen.

Am nächsten Morgen, manchmal sehr früh, bin ich wach und beginnt die nächste Herausforderung. Auf dass heute keiner sein Zimmer umgestellt hat. Mir reicht die Aussicht wegen der schlechten Witterung mit ÖV in die Physiotherapie zu fahren und keine Ahnung zu haben, wo genau der Anschlussbus abfährt. Die Aufregung, nicht zu wissen, wie genau mein Weg verläuft, frisst ebenso Unmengen Energie. – Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, muss ich mir bei jeder Fahrt, auch „bekannten“ Wegen überlegen, wie die Route verläuft. Bei ähnlichen Wegen ist es durchaus möglich, dass ich mich verfahre und meine Routenwahl korrigieren muss. Mit dem Auto ist das kein Problem: Ein kleiner Umweg und schon bin ich wieder dahin unterwegs, wo ich hin wollte. Das ist einer der Gründe, warum ich gern mit dem Auto unterwegs bin, weil sich meine Fehler rasch korrigieren lassen und ich deshalb stressfrei unterwegs sein kann.

„Stressabbau“, ein Dauerthema für Menschen mit einer Hirnverletzung. Instinktiv berechne ich zuerst den Aufwand und den Ertrag einer Tätigkeit, bevor ich entscheide, in welcher Art ich eine Aufgabe anpacke.

Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsempfinden

Das Nachtcafé von gestern behandelt die interessante Frage, wie es für betroffene Menschen, aber auch uns als Gesellschaft ist, wenn Gerichte Urteile sprechen, die für die KlägerInnen nicht nachvollziehbar, weil zu mild ausfallen.

Im Internet wird die Sendung demnächst zu sehen sein. Gerade jetzt, wo ich den Artikel schreibe, ist sie es noch nicht und ich kann mir den Rest nicht angucken,der für meine Tagesform zu spät ausgestrahlt wurde. Als Mensch mit einer Wahrnehmungsstörung, erinnere ich mich auch nicht an die Namen der Gäste oder des Moderators. Um, was ja ein Ziel dieses Blogs ist, meinen nicht behinderten FreundInnen zu zeigen, wie es dann im Alltag geht, pflege ich Menschen zu umschreiben, damit der/die GesprächspartnerIn weiss, von wem ich sprechen will:

Da ist dieser ältere, freundliche Moderator, der eine ruhige gelassene Atmosphäre herbeiführt. In der Regel spricht er mit einem Gast eine Weile und dann mit dem nächsten. Es gibt wenige Gespräche unter den Gästen, manchmal eine Zweitmeinung oder gegenteilige Auffassung. Die Sendung beginnt immer mit einer ersten Sequenz an der Bar. Was die GesprächspartnerInnen an der Bar von den Gästen in der Sesselrunde unterscheidet, habe ich nicht begriffen. – Mit solchen Verständnislücken lebe ich. Sie können sich bis zur Sinnverzerrung auswachsen, was mich unsicher und vorsichtig macht. – Bildergeschichten kann ich, wenn die Bilder durcheinander sind, nicht in die richtige Reihenfolge bringen. – Unnötig zu erwähnen, dass ich Bildergeschichten ziemlich doof finde.

Das Thema, dass Rechtsempfinden und Recht, ob jetzt in der Form eines Gerichtsurteils oder eines Gesetzesparagraphen auseinanderfallen können, dieses Thema interessiert mich brennend.

Zwei Geschichten der Sendung waren für mich klar: Der Mann an der Bar erzählte, wie sein Sohn zu Tode geprügelt wurde. Auch in der Schweiz werden jugendliche Täter milder bestraft als Erwachsene. Das Ziel ist, diese Täter auf den rechten Weg zu bringen und sie in die Gesellschaft so zu entlassen, dass sie Fuss fassen können und unauffällig den Rest ihres Lebens verbringen. Je nach Auffassung, wie dieses Grobziel zu erreichen sei, wird Recht gesprochen. Die Vorstellung, dass ein(e) TäterIn nur abgestraft werden soll, gilt als überholt. Allerdings ist Reue strafmildernd, weil das Ziel ein verändertes Verhalten ist, sprich der/die TäterIn nach der Entlassung aus dem Gefängnis ohne Rückfall leben soll.

Dass ein Vater, der seinen Sohn auf diese Art verloren hat, befremdet ist, liegt auf der Hand. Vielleicht musste sich dieser Vater vorher nie damit befassen, wie ungerecht in dem Fall deutsches Recht ist – hiesiges ist keinen Deut besser – und hatte immer gedacht, dass Opfer der Rechtssprechung selbst schuld seien. Das ist eine gängige Abwehrhaltung unserer Gesellschaft: Wenn einer kommt und sagt, dass ein Urteil oder eine Rechtssprechung ungerecht sei, dann denken die ZuhörerInnen laut oder leise: „Wo Rauch ist, ist auch Feuer.“ Damit ihr Weltbild intakt bleibt, setzen sie voraus, dass, wer recht hat, sich auch Recht verschaffen kann. Erst wenn diese ZuhörerInnen selbst betroffen sind, realisieren sie schmerzhaft, dass dazwischen eine grosse Lücke klafft, in die manch einer gefallen ist.

Der zweite Fall, der klar ist: Eine Frau erzählte, wie ihr kleiner Sohn überfahren wurde und starb. Sie forderte, dass der Autofahrer viel strenger bestraft würde. Das geht leider nicht, weil viele von uns Auto fahren. Jeder bemüht sich ehrlich keine Fehler zu machen. Dass ein kleinster Fehler tragische Folgen haben kann, ist eine bedrohliche Tatsache. Diese Mutter könnte sich und dem Unfallverursacher einen Gefallen tun, wenn sie sich wegen ihrem verständlichen Schmerz in professionelle Hände begeben würde. So wie sie erzählt ist der Unfallverursachen mit ihren Wünschen an sein Verhalten überfordert. – Ein schrecklicher Kreislauf von Forderungen – Abwehr ist da im Gang, der in ihrer Forderung nach mehr Gerechtigkeit gipfelt, was soviel heisst, dass der Unfallverursacher weggesperrt gehört. Emotional ist diese Reaktion durchaus verständlich. In der Rechtssprechung sollten Emotionen möglichst aussen vor bleiben.

Dann kommt der Rechtsfall, der mir unter dem Titel Wohl des Kindes unverständlich ist: Ein Mann erzählte, dass er 11 Jahre lang glaubte, einen Sohn gezeugt zu haben, um dann in einer nächsten Beziehung herauszufinden, dass er zu 99.99% seit Kindheit zeugungsunfähig sei. Ein Vaterschaftstest zeigt, dass sein „Sohn“ nicht sein leiblicher Sohn sein kann, trotzdem muss er für ihn Unterhalt bezahlen. Er ist mit seinem „Fall“ bereits durch verschiedene Instanzen gegangen. Kein Erfolg. Er findet es begreiflicherweise ungerecht, dass er Unterhalt für ein Kind zahlen muss, dass nicht seins ist. – Da kommt eines meiner Lieblingsunwörter ins Spiel: Wohl des Kindes.

Die Mutter konnte objektiv als einzige Person wissen, wer der Vater dieses Kindes ist. Aus irgendwelchen Gründen hat sie einen Zahlvater gesucht und zumindest für einige Jahre gefunden. Vielleicht war die Beziehung zum Zahlvater zu der Zeit, als das Kind gezeugt wurde, die wesentliche im Leben der Mutter. Wie auch immer zum Zeitpunkt der Zeugung, Geburt und in den ersten Jahren zweifelte der Zahlvater nicht an seiner leiblichen Vaterschaft. Nach gesundem Menschenverstand ist es klar, dass er seine Meinung ändert, wenn er erfährt, dass er zeugungsunfähig ist. Offensichtlich reagiert er nicht so, dass er froh ist, wenigstens diese Vaterschaft zu haben, auch wenn er nicht der leibliche Vater ist, sondern stellt seine Zahlpflicht in Frage. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Beziehung Vater – Kuckuckskind vom Streit Mutter – Zahlvater unberührt bleibt. Ich finde, ein Vater in der Situation sollte mit dem Kuckuckskind gemeinsam eine faire Chance bekomme, ihre Beziehung neu zu definieren und anzupassen. Einerseits sind da etliche gemeinsame Jahre und andererseits ist die unschöne Erwachsenenebene. Ich denke nicht, dass es zum Wohl des Kindes ist, wenn ein nicht leiblicher Vater zu Zahlungen verdonnert wird, nachdem die Geschichte aufgeflogen ist.
Ob später in der Sendung noch etwas zu dem Themenbereich gesagt wurde, weiss ich nicht, weil ich vorher zu Bett gegangen bin und genau weiss, dass ich sie mir im Internet anschauen kann, wenn sie aufgeschaltet ist.

Erklärungsnot

Ich muss da weg. So geht das nicht. Ich habe meine Chance gehabt und offensichtlich verpasst. Erfahrungsgemäss kann ich an dem Punkt nichts mehr flicken. Der Aufwand ist zu gross, der Ausgang zu ungewiss. Jede Lektion dieses Unterrichts bezahle ich mit Geld, das mir bis vor einem Jahr fehlte. Die schlechte oder gute Angewohnheit genau hinzuschauen, wie mein Geld investiert wird, kann ich noch(?) nicht ablegen. Konkret denkt mein Hirn in diesem Fall: „Ist eine Minute des Unterrichts 2 Franken wert?“ – Wer jahrelang auf sein Geld warten und deshalb extrem achten musste, kann nicht von einem Tag auf den andern umschalten.

Warum kann ich meine Fragen und Bedürfnisse nicht einfach und klar formulieren, damit sie ankommen und ich zufrieden mein neues Musikinstrument lerne? Nach jeder Lektion habe ich das Gefühl, ich sollte mich verständlicher ausdrücken, ich sollte während der Lektion mehr auf meinem Instrument spielen, damit klarer wird, was mir schwerfällt. Ich ertappe mich dabei, dass ich im Unterricht verstumme. Plötzlich sind alle meine Fragen weg, ich erinnere mich nicht an sie, sie haben sich in Luft aufgelöst. Auch wenn die Übungsstunden zuhause einfach sind, in der Unterrichtsstunde aber wenig gelingt, bin ich frustriert.

Liegt das daran, dass ich erwachsen und ungeduldig bin, wie die Lehrperson meint. – Ich glaube es nicht: Meistens bei anderen Sachen verstehe ich ein Detail falsch und verschleudere deshalb meine kostbare Energie. Ich muss und will mir genau überlegen, wofür ich meine begrenzten Ressourcen einsetze. Das mache ich ein Leben lang so und das hat sich bewährt. Oft erhalte ich als Rückmeldung, dass ich rasch sei. Wenn ich nicht so schnell wäre, hätte ich in dieser Gesellschaft viel kürzer Bestand gehabt. Hohe Konzentration und Schnelligkeit sind meine persönlichen Geheimwaffen. Damit sind nicht behinderte Menschen oft überfordert, weil sie viel langsamer als ich sind und sich das nicht vorstellen können: Es passt nicht in ihr Bild „Wie-Behinderte-sein -müssen“.

Beim Musikunterricht kann ich die Noten nicht auseinanderhalten. Ich wirble die Griffe durcheinander. Ich frage die Lehrperson danach. Es sei ein gängiges Problem bekomme ich zu hören. Ich denke, wenn das eine normale Entwicklung ist, dann gibt es sicher viele gute Ideen, wie ich mit dieser Unordnung in meinem Kopf umgehe. Aber irgendwie kommt nichts, was zumindest ich begreife. Vielleicht habe ich die Frage falsch gestellt, vielleicht bin ich schon verstummt, weil ich mich schuldig fühle, ungeduldig zu sein. Also gehe ich ins Internet und drucke mir Tonleitern aus. Meine Überlegung ist, dass ich die Töne zu Leitern ordne, sie in meinem Kopf aufreihe, mit den richtigen Vorzeichen am Anfang der Zeile in Verbindung bringe und endlich meinen Fingern besser richtige Befehle erteilen kann. Für die Ohren ist die Orientierung so auch einfacher.

Es ist keine Lösung festzustellen, dass ein Durcheinander vorhanden ist und weil es vielen so geht, bin ich damit zufrieden? Wer, wenn nicht ich, bringt mein Durcheinander in Ordnung? Von der Lehrperson hätte ich Tipps erwartet. Sie schien eher verwundert, dass ich die Chromatische Tonleiter mit meinen Schwierigkeiten in Verbindung bringe und nicht darauf warte, dass sich das Problem von selbst bzw. durch Üben löst.

Ich höre mich während des Unterrichts zu oft sagen, dass ich dies oder jenes behinderungsbedingt nicht kann. Das macht definitiv kein Spass, auf seine Defizite reduziert zu werden. Umgekehrt bekomme ich fast vorwurfsvoll zu hören, dass ich zu rasch zuviel kann. Ist das ein Wunder, dass ich Fortschritte mache, wenn ich nicht arbeite und mir mehrmals täglich Zeit zum Üben nehmen kann? Kein Output bei dem Input wäre definitiv entmutigend.

Ich habe getan, was zu tun war: In der letzten Stunde habe ich mich von meinem Musikunterricht auf unbekannte Zeit zurückgezogen und parallel dazu eine neue Lehrkraft gesucht. Jetzt will ich ihr nicht all das um die Ohren hauen, was ich bisher vermisst habe. Ich denke, dass ich ihr sage, ich würde gern nur mit mir verglichen werden und nicht mit andern. Wie weit ich komme, kann heute niemand sagen. Also finde ich es wichtig, dass meine Technik und meine Bewegungen stimmen.

Gestern bin ich im Internet auf einen Artikel gestossen, der sich um die Aufklärung und Das Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen handelt. Ich finde diesen Artikel lesenswert, auch wenn er nichts in dem Sinn mit der Wahrnehmung zu tun hat, wie es zuerst scheint.

Zu dumm, gehöre ich zu der Minderheit, die nie und nimmer mit der Mehrheit tauschen möchte, die sich nichts anderes vorstellen kann, als dass unsereins in ihren Schuhen stecken möchte. Welch ein köstlicher Irrtum!