Hausarzt Der Burgerspittel im Puls

Puls ist im SRF eine Gesundheitssendung. Gerade lief die Wiederholung der Sendung vom 15. April. Ein Thema Schlafmittel u. a. im Altersheim. Natürlich kommen die Benzos oder benzoähnlichen Tabletten an die Reihe. Ich gucke mir die verschiedenen Verpackungen an und habe davon fünf oder mehr verschiedene Medikamente verschrieben bekommen. Renner im PZM: Valium, bzw. flüssig Psychopax. Wenn ich Ruhe wollte, hatte ich genügend davon in meiner Medikamentenliste auf Anfrage.

Seit ca. 14 Jahren ist Immovane mein Hauptschlafmittel, es gehört zur Gruppe der benzoähnlichen, also süchtig machenden. Pro Jahr unterwarf ich mich drei bis vier Entzügen, damit ich immer mit Kleinstmengen fahren konnte: leichte Schlaflosigkeit 1/2 Tablette, normal 1 Tablette, extremer Notfall etwas mehr. Ich kenne meine Körperreaktion auf dieses Medikament nach all den Jahren auswendig, ich weiss, dass ich es bis in die Morgenstunden einnehmen kann, um sicher 4 Std. Schlaf zu ergattern und Immovane arbeitet sich rasch aus meinem Körper, es gefährdet nie meine Fahrtauglichkeit.

Im Der Burgerspittel weigerte sich der Heimarzt aus unerklärlichen Gründen spontan, mir mein Schlafmittel abzugeben. Seiner Meinung nach sollte ich auf ein mir unbekanntes Neuroleptikum umsteigen. Auch leichte Neuroleptika haben mir schon Schwierigkeiten gemacht: Abilify vertrage ich überhaupt nicht. Ich hatte Null Lust in der angespannten Situatin im Der Burgerspittel, chemische Experimente durchzuführen. Der Hausarzt sprach mit der Pflege über mich und kaum mit mir, was ihn in meinen Augen disqualifizierte.

Genau dieser Arzt war also im SRF im sog. Expertenchat. Nun, solange niemand kontrolliert, ob er zum Experten taugt für Altersschlafmedizin, ist die Welt wunderschön. im Altersheim hatte er u. a. den Ruf, knapp Totenscheine ausfüllen zu können. Das würde ich unterschreiben: Jeder darf meinen Totenschein ausfüllen. Wenn ich tot bin, ist es mir nämlich egal, wer das macht.

Was ich zu fürchten gelernt habe

Es gibt Situationen, in denen es für mich am besten ist, mich so schnell als möglich zu entfernen. Diese Begebenheiten laufen immer gleich ab. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, werden Menschen, die mit mir zu tun haben, aggressiv. Als kleines Kind war ich diesen Erwachsenen ausgeliefert. Ein verletzender Satz lautete: „Wenn du keine(!) Gefühle hast, dann brauch wenigstens deine Intelligenz.“

Die Kindheit ist längst vorbei. Aber bis in die Gegenwart gibt es AggressorInnen. Beliebt ist, meine Behinderung als Anhaltspunkt zu nehmen. In einer psychiatrischen Klinik(!) hat man mich an zwei unterschiedlichen Tagen zum Sündenbock gestempelt, weil ich „an der falschen Stelle“ gelacht habe. Was ein Mensch ohne Hirnverletzung noch knapp unter Kontrolle halten kann, nämlich eine gestresste Situation ohne Ventil zu überstehen, schaffe ich nicht. Ich brauche ein Ventil und oft ist es Lachen. Es gibt auch das Häutchen abziehen an den Fingern und Fingernägel bzw. Kaugummi kauen oder sonst eine Beschäftigung, die Spannung abbaut.

Wenn ich in der selbstgerechten Art zum Sündenbock erkoren werde, brauche ich keine Pfarrerin, die mir die Bibel auslegt. Intuitiv verstehe ich die Worte Jesu: „Herr vergib ihnen, den sie wissen nicht, was sie tun.“ Man merke: Nicht behinderte Menschen dürfen voll aggressiv sein. Sogar sog. Fachleute dürfen sich behinderten Menschen gegenüber unprofessionell verhalten. Aber wehe, wenn der behinderte Mensch schlechte Laune hat, mies drauf ist und sich einen Sündenbock sucht. Das kommt ganz schlecht an und ist verboten. Frei nach dem Spruch: „Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Letzthin in einem Kurs hat mir die Kursleiterin gesagt, ich würde mich über alle erheben und „in letzter Instanz“ entscheiden, was richtig sei und was falsch. Sie brauchte das Wort „Inquisition“. Mein „Vergehen“: Es war ein Schreibkurs. In einer Geschichte eines anderen Kursteilnehmers hatte mich eine Nebenfigur dazu animiert, die Figur zu nehmen und zu ihr eine Geschichte zu erfinden. Wir hätten alle keine Literatur, wenn nicht ständig Themen aufgegriffen, neu gestaltet, anders geschrieben würden.

Für alle, die gern etwas zum Lachen haben: Der Witz ist, dass diese Nebenfigur in der Originalgeschichte sehr einsam war. Ich habe sie in meiner Geschichte in die Gesellschaft integriert. Inklusion nennt sich das. – Wenn das nicht einmal auf dem Papier erlaubt wäre, dann könnte die gesamte Behindertenbewegung, die über Inklusion nachdenkt und sie fordert, einpacken. Aber das tun wir nicht. Wir sind da und bleiben ein Teil dieser Gesellschaft, auch wenn einige Mit- oder Gegenmenschen sichtlich Mühe haben, damit umzugehen.