Gegenbeispiel gleichentags

Der andere Fall, eines Buschauffeurs, der Kinder, die er chauffiert hat und andere sexuell missbrauchte, ist online verfügbar.

Auffällig ist hier, dass der Arbeitgeber des Chauffeurs wusste, dass das Problem besteht. Der Chauffeur wurde trotzdem für SchülerInnentransporte eingesetzt. Es ist für einen Laien unverständlich, dass ein Arbeitgeber nicht die Konsequenzen aus seinem Wissen zieht. An und für sich ist es grosszügig, dass ein Mensch-mit-Vergangenheit eine zweite oder dritte Chance bekommt. Er kann allerdings Erwachsene transportieren und ist von Kindern und erst recht behinderten Kindern fern zu halten.

Wenn nun Leben des Chauffeurs aus den Fugen gerät, er muss für fünf Jahre ins Gefängnis, dann ist das die Konsequenz seines Verhaltens. Die Spielregeln und Gesetze unseres Staates sind bekannt.

In wenigen Jahren wird sich das Problem wieder stellen. Wie lebt ein Mensch mit dieser sexuellen Neigung als verantwortungsbewusster Mensch in unserer Gesellschaft. Vielleicht kann er sich behinderte Menschen zum Vorbild nehmen. Die können ihre Sexualität oft nicht ausleben, weil kein(e) PartnerIn vorhanden ist. Kalt Duschen ist angesagt und keine Straftaten. Aus der Perspektive eines behinderten Menschen ist vieles, was andere tun, unverständlich.

„Luzern muss Lehrer entschädigen“

So ein Titel in der Papierausgabe des Bundes vom 31. 1. 2013.

Der Lehrer war im Jahr 2004 verdächtigt worden, SchülerInnen seiner Kleinklasse missbraucht zu haben. Ein sechsjähriges Martyrium folgte. Am Schluss blieb von all den Anklagen nichts übrig, der Lehrer wurde freigesprochen. 2004 war er 38 Jahre alt. Zwei Jahre später muss er sich einer Herzoperation unterziehen und lebt jetzt von einer IV-Rente. Das Gericht behauptet nun, die Herzoperation habe nichts mit der Anklage zu tun und hat die Entschädigungsforderung von über 800`000.- Franken auf 190`000.- plus 50`000.- Franken reduziert.

Ich stelle mir einige Fragen und mich beschäftigen Gedanken zu dem Zeitungsartikel. Hat ein nun etwa 47 jähriger Mann nach dieser Vorgeschichte noch eine Chance? Mich würde es nicht wundern, wenn er in seinem ursprünglichen Berufsalltag nie mehr Fuss fassen kann. Wenn er SchülerInnen sieht, kann ihm seine Geschichte in den Sinn kommen und durch das Trauma ist er nicht mehr fähig zu unterrichten. Vielleicht ist das Trauma umfassender, weil auch erwachsene Menschen ihn zu Unrecht beschuldigt haben. Wie soll er erwachsenen Menschen trauen? Hatte er in seiner schweren Zeit Freunde oder Familie, die zu ihm hielten oder wollte „mit-so-einem“ keiner mehr etwas zu tun haben? Was an Beziehungsnetz bleibt übrig, wenn ein Mann/eine Frau mit der Anklage „sexueller Missbrauch von KleinklassenschülerInnen“ konfrontiert wird?

Ein Vorwurf ist besonders erwähnt: Dem Lehrer wurde vorgeworfen im Klassenzimmer einschlägige Bilder heruntergeladen und den SchülerInnen gezeigt zu haben. Technisch ein Ding der Unmöglichkeit, weil es keinen Internetzugang gab. Da spätestens wäre Vorsicht geboten gewesen. Aber es ist wohl eher andersrum. Dank dem, dass es technisch unmöglich war, konnte dieser Vorwurf am Schluss nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Ein(e) SchülerIn macht keine Falschaussage

Mich würde interessieren, warum fast alle SchülerInnen der Klasse ursprünglich zur Anklage beitrugen. Von zwölf SchülerInnen sagten elf aus, dass der Lehrer sie missbraucht habe. Ein(e) SchülerIn liess sich nicht in den Lügensumpf ziehen. Das finde ich bemerkenswert, wie ein Kind/Teenager mit seinen Eltern sich von der Verunsicherung nicht mitreissen lässt, die geherrscht haben muss und keine Falschaussage am Mittagstisch oder im Kinderzimmer zusammengetragen werden. Wie entstehen Falschaussagen? Legen die Erwachsenen den Kindern Worte in den Mund oder entspringen diese Falschaussagen der Phantasie der Kinder?

Ich finde die eine Ausnahme umso bemerkenswerter, als dass es für SchülerInnen wichtig ist, dass sie in der Klasse sozial integriert sind, das wird als soziale Fähigkeit gewertet. So ganz glaube ich natürlich nicht, dass es erstrebenswert ist, mit der Masse mitzulaufen. Natürlich ist es einfacher. In dem Fall hier aber war es das einzig Richtige. Wer von Anfang an die Wahrheit sagte und aussagte, blieb bis zum Schluss glaubwürdig. Alle andern, hier die Mehrheit, mussten ihre Aussagen zurücknehmen, mit oder ohne Einsicht.

Fallzahlen?

Wieviele Kinder und Jugendliche werden sich noch einen Spass daraus machen, LehrerInnen, Eltern oder andere Bezugspersonen mit Vorwürfen zu konfrontieren, die keinen Grund  haben. Wann endlich wird unsere Gesetzgebung die Verantwortung übernehmen und für das Recht einstehen. Was nützt ein Gericht, das Recht spricht, wenn durch die Anklage das leben eines Menschen verpfuscht wird? Es geht nicht an, dass ein 38 jähriger Lehrer um seinen Beruf betrogen wird, seine Gesundheit geschädigt wird und er den Rest seines Lebens als IV-Rentner verbringen muss.

Ihm und allen andern seiner LeidenskollegInnen und damit meine ich nicht nur fälschlicherweise angeschuldigten LehrerInnen sondern alle Erwachsenen, die zu Unrecht von Kindern und Jugendlichen mit Falschaussagen bei Gerichten oder Behörden angeschwärzt werden, ihm und allen diesen Erwachsenen steht ein Leben in Würde zu. In einem Rechtsstaat muss ein Vorwurf sorgfältig geprüft werden, aber eine allumfassende Vorverurteilung entspricht nicht unserem Rechtsverständnis. Im Zweifelsfall für den Angeklagten lautet es noch immer. Gesellschaftlich geht das bei gewissen Anklagen vergessen.

Gesellschaftlich hat ein solches Verhalten von Eltern, Schulbehörden, LehrkollegInnen einfache Konsequenzen: Da der Schutz der Erwachsenen nicht gewährleistet ist, wird sich manch fähige(r) LehrerIn fragen, ob er/sie nicht lieber beruflich umsattelt, weil er/sie stets mit einem Fuss im Gefängniss steckt. Das gilt ebenso für andere Berufsgattungen und natürlich Eltern, die in der gleichen Falle stecken. Langfristig muss sich hier etwas ändern. Wenn die Hysterie noch weiter zunimmt, mit der betreuende Erwachsene behandelt werden, schadet sich unsere Gesellschaft selbst.

Kinofilm „Jagten“

Der Bund hat in seinem E-Paper und Papierausgabe eine Beschreibung des Films „Jagten“. Online ist zuoberst bei den Filmen ein Bild zu sehen.

Thema: Eine Sechsjährige verwechselt Realität mit Wunschdenken. Weil sie sich zurückgesetzt fühlt, macht sie Andeutungen, dass ein Mann, der beste Freund ihres Vaters, sie missbraucht habe. Darauf wird der Mann zum Gejagten. Laut Bund versteht er es nicht, sich zu wehren. Die unbedachte Bemerkung des Kindes bringt eine Lawine ins Rollen.

Ich habe den Film nicht gesehen. Zu dem Thema brauche ich keinen Film, die Realität ist mir dramatisch genug. Dennoch finde ich es bemerkenswert, dass ein Psychiater den Filmregisseur auf das Thema hingewiesen hat, dass nicht immer die armen Kinder die Opfer sind.

Wenn die Kritik im Bund stimmt, dann scheint der Regisseur Probleme zu haben, sich in die Situation des verfolgten Erwachsenen hineinzufühlen, während er bei seinem ersten Film den Inzest in einer Familie mit aller Dramatik inszeniert haben soll.

Vorausgesetzt, dass das so stimmt, was ich mir gut vorstellen kann, heisst das für meine Schreibarbeiten:

In der Kunst, im Film ist das Thema angekommen, dass Kinder auch nur Menschen sind und Fehler machen. Sie haben ihre eigenen Gefühle und sind manchmal wütend, fühlen sich zurückgesetzt, wollen mehr Beachtung oder was auch immer. Das Thema ist angekommen, aber der Erwachsene wird im Bund als Waschlappen bezeichnet. Es wäre ein interessanter Gedankengang, sich für einen solchen Fall eine fruchtbare Verteidigungsstrategie auszudenken.

Mir fehlt bisher ein Beispiel aus der Realität, in der sich ein erwachsener Mensch erfolgreich wehren konnte, ohne dass sein Leben auseinandergebrochen wäre.

Offensichtlich ist es selbst für einen Filmregisseur nicht die richtige Zeit, um sich voll hinter einen fälschlicherweise verdächtigten Erwachsenen zu stellen. So heikel ist das Thema, so klar die Täter- und Opferrollen: armes Kind, böser Erwachsener.

Aber immerhin ein zögerlicher Anfang ist gesetzt. Unsere Welt wird nicht gerechter, wenn Erwachsene schlecht behandelt werden und Kinder alles behaupten können. Gerechter und fairer wird unsere Welt, wenn im Zweifelsfall alle Seiten, ohne Vorurteile und Vorverurteilung, angehört werden und sich die zuständigen Stellen ein möglichst klares Bild verschaffen. In einem Rechtsstaat, wie der Schweiz, sollte im zweifelsfalle für den Angeklagten entschieden werden.

Damit mich alle richtig verstehen: Ich plädiere hier nicht für Erwachsene, die Kinder missbrauchen. Ich setze mich ein gegen den Generalverdacht, unter den alle Erwachsenen geraten, nur weil einige sich fehlbar verhalten. Ich bin für Fairness allen gegenüber. Ich bin dafür, dass wir unsere Gesellschaft so organisieren, dass mit solchen Vorwürfen ganz sorgsam umgegangen wird.

Kinderschutzmassnahme zum wievielten?

Im heutigen Bund ist die Geschichte einer jungen Mutter erzählt, der im Wochenbett eröffnet wird, dass ihr die Obhut über ihr neugeborenes Kind entzogen werden wird. Die Geschichte ereignet sich in Thun.

Seit den 1. Januar 3013 sollte doch im Erwachsenen- und Kindschutzrecht alles viel besser und professioneller sein. Der Artikel im Bund belehrt uns eines bessern: Die gleichen Behördenmitglieder sitzen in den Gremien wie vor dem 1. Januar dieses Jahres. Wenn da neu Fachleute hinzukommen, ist doch davon auszugehen, dass bisherige Behördenmitglieder ihre bereits gefällten Entscheide mit Engagement verteidigen werden. So auch in dem Artikel:

Die Eltern in diesem Fall sind im Scheinwerferlicht. Seit 2010 ist das Leben der Kindsmutter in schriftlichen Gutachten, Protokollen und Briefen festgehalten. Wörtlich im Bund: „Trennung vom damaligen Partner, Diagnose einer postnatalen Depression, Gefährdungsmeldung durch die damalige Hebamme, Diagnose einer schizoaffektiven Störung.“

Die Hebamme, die der Mutter nach der Geburt des zweiten Kindes helfen soll, entpuppt sich als Gefährdungsmelderin. Eine postnatale Depression gehört behandelt und Depressionen gelte als gut behandelbar. Trennung von Partner und damit verbundene Schwierigkeiten gehören zum Alltag in der heutigen Gesellschaft. Während der Tod eines Partners als Grund zum Trauern anerkannt ist und Hilfe angeboten wird, ist es bei Trennungen viel schwieriger Verständnis zu finden. Ganz zu schweigen von der Last, die auf den Schultern einer alleinerziehenden Mutter liegt und dem Risiko in die Armut abzugleiten. Zum Begriff schizoaffektiven Störung hilft wikipedia weiter. Da lasse ich mich nicht darauf ein, zumal die Abgrenzung von der Depression unklar scheint.

Im Bundartikel wird später erwähnt, dass die Frau ein Medikament einnimmt. Damit ist klar, dass sie sich ihren Problemen stellt und in Behandlung ist.

Kinderfeindlicher Kinderschutz

Selbst wenn ein Mensch gesund ist und dauernd unter Beobachtung steht, ist das anstrengend und eine Herausforderung. Wie erst, wenn ein Mensch eigentlich Unterstützung und Hilfe bräuchte und statt dessen ins Scheinwerferlicht gestellt wird und die geringste Unbesonnenheit oder Schwäche gegen ihn verwendet wird. Wie soll eine Mutter ihren Alltag meistern, wenn sie ständig im Hinterkopf denken muss: Wenn das Geringste passiert, werden mir meine Kinder weggenommen oder in dem Fall wieder weggenommen. Ein Rechtsstaat, der so auftritt ist familien- und v.a. kinderfeindlich, obwohl er von sich das Gegenteil behauptet.

Die beiden älteren Halbgeschwister des Säuglings, wurden fremdplaziert, als das Jüngere von ihnen wegen einem Sturz im Inselspital behandelt wird. Was soll die Mutter machen, wenn eines Ihrer Kinder medizinische Hilfe braucht? – Dieser Generalverdacht, unter den Eltern gestellt werden, ist heute allgegenwärtig. Sollen sich Kinder gesund entwickeln können, wenn sie von der Mama ins Spital gebracht werden und dann von der Mama wegmüssen und in einer Familie plaziert werden (freikirchlich), die die Werte der Mutter nicht lebt und nicht praktiziert. Kinder in eine freikirchliche Familie zu geben, kann per se zu einer Störung ihrer Persönlichkeit führen, weil die ganze Frage der Schuld – Jesus ist für dich gestorben; du bist ein Sünder –  kleine Kinder in der Regel überfordert. – Erinnern wir uns daran, dass es bei Kinderschutzmassnahmen immer um das Wohl der Kinder gehen sollte. Was immer dieser schwammige Begriff heissen soll.

Einsicht der Behörden gesucht

  1. Es gild dabei zwei Grenzen zu beachten: Eltern können ungerecht behandelt werden und Kinder können ungerecht behandelt werden.
  2. Eltern können Unrecht tun oder versagen und Kinder können wissentlich oder unwissentlich Unrecht in Gang bringen, so dass ihre Eltern von den Behörden vorgeführt werden.

Gemeinsam ist den Geschichten, bei denen Eltern Unrecht erleiden, dass sie sozial schwach sind. Dieser Umstand kann jederzeit aus der Schublade hervorgeholt werden, er ist aktenkundig und als Regel gilt: Einmal schwach, immer schwach, ausser ein Mensch kann sich durch veränderte, äussere Umstände endlich wehren.

Im Bundartikel wird erwähnt, dass es in den letzten Jahren immer mehr Kinderschutzmassnahmen gibt, also Kinder ihren Eltern weggenommen werden. Nach Erklärungen werde noch gerungen.

Ich bin ganz klar der Meinung, dass hier, heute Eltern Unrecht geschieht, weil Behörden irgendetwas machen, um etwas gemacht zu haben. In einigen Jahrzehnten werden die heutigen Fälle aufgearbeitet werden müssen, wie heute die Fälle bis anfangs 80er Jahre aufgearbeitet werden.

Dass vereinzelt Kinder vor Schlägen, Missbrauch und psychischen Schäden bewahrt werden, glaube ich gern. Aber ich gehe davon aus, dass das eher die Ausnahme ist.

Was bringt es den beiden älteren Halbgeschwistern, wenn sie, in dieser Reihenfolge, bei der Mutter, bei einer Pflegfamilie, bei der Mutter, beim leiblichen Vater und wie die Geschichte weitergeht, weiss noch keiner, aufwachsen? Mit etwas gesundem Menschenverstand sieht jeder sofort, dass diese Kinder keine Sicherheit haben können, weil sie herumgereicht werden, wenn etwas passiert. Vielleicht fühlen sie sich sogar schuldig, weil sie denken, es liege an ihnen, dass sie die Mutter verlassen müssen. Diese Wahrnehmung unterläuft oft Scheidungskindern.

Kinder sollten nicht in Familien aufwachsen müssen, in denen ihre Eltern vor unserem freiheitlichen Rechtsstaat Schweiz Angst haben müssen und sich nur noch ohnmächtig fühlen. Der Staat sollte nicht mächtig sondern helfend auftreten, dann wäre dem Leiden der Kinder und Eltern ein echtes Ende gesetzt. Oft wird von den Behörden eine Überanpassung verlangt.

Es kann nicht das Ziel einer Gesellschaft sein, dass alle ihre Mitglieder gleich sind. Wer gegen den Strom schwimmt, ist ein interessanterer Mensch und wer nur wer anders denkt, bringt grossartige Leistungen hervor.

Nachtgedanken

Fortsetzung des Artikels „Hast du Kinder?“

Nachtgedanken

Wie so oft lag sie nachts wach. Sie hatte ein Buch gelesen und der Inhalt beschäftigte sie, steuerte den Gang ihrer nächtlichen Gedanken. Das Buch handelte von einer alten Frau, die sich erfolgreich für ihre Freiheit einsetzt. Von da waren ihre Gedanken zu ihrer Grossmutter gewandert, einer Frau, die aus heutiger Sicht Altersdepressionen hatte. Sie klagte ununterbrochen. Keiner konnte verstehen warum. Hinter ihrem Rücken machte sich sogar der Arzt über seine Patientin lustig. Gestorben war sie an einem unerkannten, akuten, behandelbaren Beschwerden. Ein unnötiger Tod: Keiner hatte im Spital die Schilderung ihrer Beschwerden ernst genommen. Darauf hatte sie an ihren Vater gedacht. Viele Gedanken waren ihr vertraut. Einer traf sie wie ein Blitz. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Es war ihr immer klar, dass sie viele Eigenschaften ihres Vaters geerbt hatte. Bei einigen hoffte sie, dass es nicht so sei. Er hatte sich in gewissen Situationen nicht durchgesetzt, während in anderen seine Fähigkeiten geachtet und anerkannt waren.

In dieser Nacht, in dem Augenblick hatte sie ein Puzzelstück ihres Lebens gefunden oder vielmehr das Scharnier der immer gleichen Tür, die ihr in ihrem Leben des öftern ins Gesicht geschlagen wurde. Ein Puzzelstück ist ein kleiner Teil, eines Bildes in einem Leben. Ein Scharnier kann zu unterschiedlichsten Lebensperioden die gleiche Tür bewegen:

Sie hatte daran gedacht, wie ihre Mutter als junge Frau, ihren Vater dazu gedrängt hatte, gegenüber Freunden den Kontakt aufzukünden. Eines Tages hatte sie sich als Tochter auf dieser schwarzen Liste befunden und entsprechend wurde dem Vater und ihr der gegenseitige Umgang von der Mutter verboten. Daran hatte sich der Vater bis zu seinem Tod gehalten und ihr blieb nichts anderes übrig, als diesen Umstand zu akzeptieren. Es war ihr klar gewesen, dass ihr Kind, das den Umgang mit ihr aufgekündigt hatte und ihr damit beide Kinder entfremdete, das grossmütterliche Verhalten wiederholte. Was in dieser Nacht für sie neu war, war die Einsicht, dass ihr eigenes Schicksal parallel zu dem ihres Vaters lief. In ihrem Leben wiederholte sich, was ihr Vater erlebt hatte.

Bis zu der Nacht hatte sie immer gedacht, dass sie etwas falsch gemacht hätte mit ihren Kindern, dass ihr ein Fehler unterlaufen wäre, den sie übersehen hätte. Ihr Vater hatte nichts falsch gemacht. Ihre Mutter hatte unmissverständlich gefordert, dass Leute aus dem Leben gekippt wurden und auf der schwarzen Liste landeten. Ihre Mutter kannte weder Erbarmen noch Grenzen. Sie ging bis zum Ende.

Dieser Gedanke ist wichtig, dachte sie. Den darf ich nicht mehr vergessen. Er hilft mir, Frieden mit meinem Leben zu schliessen. Ewig will ich nicht unter dem leiden müssen, was mir meine Mutter, meine Kinder und andere Menschen antun.

Wie funktioniert (m)eine Behörde?

Wenn ich wüsste, wie sie funktionieren, könnte ich diese Menschen besser verstehen. Oft denke ich diesen Satz. Wenn ich nachvollziehen könnte, warum diese Menschen solche Entscheide fällen, wie in meinem Fall, wäre mein Schmerz, so hoffe ich, kleiner.

Ich bin verwundert, dass die Erkenntnis, dass hier Unrecht am Werk war, meinen Schmerz nicht lindern konnte. Irgendwann war mir von Bekannten, Ärzten und Fachpersonen, die mein Leben begleiteten so oft gesagt worden, dass die Behörden falsch gehandelt hatten, dass kein Zweifel daran bestand. – Ein „Gratisjurist“ hatte sich eingesetzt. Er war, wie ich erst später realisierte, unfähig. Mein Neuer, Bezahlter hat in wenigen Wochen mehr erreicht als  der frühere in zwei Jahren. Er hatte „Mediation“ versucht, als längst Taten gefragt waren.

Trotz der eindeutigen Lage, wurden meine Gefühle nicht ruhiger, ich litt weiter. – Wie ungerecht ist dies: Ich erleide Unrecht und meine Seele leidet weiter, genau an diesem Unrecht. Ich kann froh sein, wenn es mich nicht aus der Bahn wirft, ich irgendwie den Alltag bewältige und hoffentlich irgendwann gelassener auf diese Zeit zurückblicken kann.

Natürlich ist klar, dass die Psyche Warnsignale abgeben soll, wenn sie überfahren wird und schmerzt. So signalisiert auch der Körper, wenn er verletzt wird. Nicht um uns zu ärgern oder mit unnötiger Arbeit einzudecken, sondern um uns die Gelegenheit zu geben, uns zu verarzten und den Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Bei meinen seelischen Sachen höre ich: Das ist schwierig.

Ach nein. Dass es schwierig ist, habe ich schon selbst herausgefunden. Wie im Märchen habe ich mich auf den Weg gemacht, die Zauberblume zu finden, die mich heilt und erlöst. Es entspricht nicht meiner Einstellung, mich in ein schweres Schicksal zu ergeben.

Wie also funktioniert diese Behörde? Ich kann davon ausgehen, auch wenn ich die Leute nicht kenne, dass viele, vielleicht alle rechtskonservativ denken. Einige haben einen Universitätsabschluss. Einer, den ich von früher kenne, ist trotz Uniabschluss nicht sehr intelligent. Er hat seine akademischen Ziele nicht erreicht, musste damals die Studienrichtung wechseln. Sowas ist mir nicht passiert: Die Eifersucht, dass ich als behinderte(s) Mensch ein Studium vollendet habe und in diesem Beruf gearbeitet habe, ist weiter verbreitet, als mir bewusst ist und spielt hier sicher mit. Behinderte gehören auf eine niedrige Stufe der Existenz und dürfen einem nicht überfllügeln. Sonst gibt es Haue. Da die Situation scheinbar so günstig war, kam ich unter die Räder. Wie heisst ein philosophischer Satz so schön: „Alles geht vorbei.“

Das haben die Mitglieder dieser Behörde nicht mitbedacht, dass es eine Zeit danach geben wird. Genau dieser Fall ist eingetreten: Ich lebe nicht abgeschoben in einem Heim, sondern selbstbestimmt in meiner Wohnung. Ich kann tun und lassen, was mir gefällt und ich suche täglich nach Möglichkeiten und Tricks, die mein Leben lebenswerter machen. menschen, die mich über die letzten Jahre beobachten, sagen, dasss ich darin unermüdlich und ziemlich erfolgreich sei. Mit den letzten Nuerungen, die ich vor etwa zwei Wochen eingeläutet habe, bin ich mit dieser Sichtweise allmählich einverstanden: Als Tagesstruktur Trompete spielen und schreiben. Kontakt mit ausgewählten Bekannte, die mich mögen und Fachpersonen, die mich lehren. Hin und wieder Ferien, die mich mit Vorfreude erfüllen und hernach mit begeistertem Rückblick. So stelle ich mir mein Leben im Moment vor.

Viel mehr weiss ich über „meine“ Behörde nicht. Es fragt sich, ob eine Behörde Akteneinsicht gewähren muss, wie z.B. ein Spital. Im Moment wäre mir das zuviel. Aber später einmal,  könnte es durchaus spannend sein. – Im Moment reicht es mir, diesen Behörde-Menschen fröhlich ins Gesicht zu lachen und mein Leben zu geniessen.Mein Leben zu geniessen, allen Umständen zu trotz, das betrachte ich als meine Lebensaufgabe.

Letzthin habe im im TV(runterscrollen zu „Heike Dorsch“) einen Satz aufgeschnappt: Einer jungen Frau, war ihr Lebenspartner, mit dem sie über die Hälfte des Lebens verbracht hatte, getötet worden. Sie gab klar zu Ausdruck, dass sie dem Mörder, der ihr bereits unfassbar viel Leid angetan hatte, nicht den Rest ihres Lebens schenken wolle.

So stelle ich mir mein Leben vor, als mir gehörend und als von mir zu gestalten.

Lebenslänglich

Er verlor sein Gesicht im Bruchteil einer Sekunde. Erstaunen, Scham, Entsetzen, Verwunderung und der verzweifelte Versuch Haltung zu bewahren flogen über sein Gesicht, wie Wolken am Himmel bei starkem Wind, wenn das Gewitter kurz bevorsteht. Ahnungslos hatte er sich mir vorstellen lassen: Er, die wichtigste Person dieses Anlasses, weil Präsident der Behörde. Ich umgekehrt hatte immer darauf gepocht, dass die Behörde mir gegenüber Unrecht begangen hatte, hatte mich aber nie darum bemüht sie persönlich  kennen zu lernen, solange ich wie ein Hund litt. Ich sehe bis heute nicht ein, warum Menschen über andere Menschen so weitreichende Entscheidungen treffen dürfen, ohne sie je gesehen zu haben. Das war nun sein Verhängnis. Er realisierte in dem Moment, dass er ein völlig untaugliches Bild von mir hatte, das monströse Gebilde fiel krachend in sich zusammen. Er hatte sich in seiner Phantasie ein Monster gebastelt,  einen Kinder verschlingenden Elternteil. Sich selbst hatte er in die glänzende Rüstung des edlen Ritters geworfen, der aufbrach, um das arme Kind vor diesem elterlichen Ungeheuer zu retten. Vielleicht hatte er zuviele Krimis gelesen oder Science Fiction. Und jetzt in dem Moment wurde ihm bewusst, dass Fachpersonen ihn in die Irre geführt hatten und er sich nun der Lächerlichkeit preisgab. – Gibt es etwas Schlimmeres als sein Gesicht vor dem Menschen zu verlieren, über den man sich selbstherrlich gestellt hat?

Ich grüsste ihn höflich, schüttelte ihm die Hand und spürte meine Macht: Ich war nicht mehr das Opfer, sondern war frei mich in der Gesellschaft zu bewegen. Jedes Mal, ging mir durch den Kopf, wenn ich ihm über den Weg laufe, wird er daran erinnert, dass er nicht nur mein Leben nachhaltig verändert hat. Er hat sich selbst auch lebenslänglich verurteilt, weil sein System auseinandergefallen ist. Zu seinem Unglück sind die gesellschaftlichen Strukturen so klein, dass ich ihm mehrmals im Jahr über den Weg laufen kann, wenn ich es wünsche. Sein Tod oder mein Tod werden dieses Spiel beenden.

Heute war es wieder soweit, nicht dass ich es gesucht hätte, aber offensichtlich trafen sich Mitglieder der Behörde zum Frühschoppen. Eine Runde Männer sass im Restaurant an einem Tisch. Er war dabei. – Manchmal im Leben sollten Menschen, die gerade an der Macht sind, genau bedenken, was sie tun: Ein ungerechter Entscheid kann zum Bumerang werden. Zu dumm, wenn es auch der realisiert, der die Entscheidung getroffen hat.

Vielleicht, wenn wir uns unter anderen Umständen getroffen hätten, hätten wir uns sogar vertragen. Aber die Verantwortung, dass er auf die Leute gehört hat, die er zu Rate zog, diese Verantwortung bleibt an ihm hängen. Es war sein freier Entscheid.

Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsempfinden

Das Nachtcafé von gestern behandelt die interessante Frage, wie es für betroffene Menschen, aber auch uns als Gesellschaft ist, wenn Gerichte Urteile sprechen, die für die KlägerInnen nicht nachvollziehbar, weil zu mild ausfallen.

Im Internet wird die Sendung demnächst zu sehen sein. Gerade jetzt, wo ich den Artikel schreibe, ist sie es noch nicht und ich kann mir den Rest nicht angucken,der für meine Tagesform zu spät ausgestrahlt wurde. Als Mensch mit einer Wahrnehmungsstörung, erinnere ich mich auch nicht an die Namen der Gäste oder des Moderators. Um, was ja ein Ziel dieses Blogs ist, meinen nicht behinderten FreundInnen zu zeigen, wie es dann im Alltag geht, pflege ich Menschen zu umschreiben, damit der/die GesprächspartnerIn weiss, von wem ich sprechen will:

Da ist dieser ältere, freundliche Moderator, der eine ruhige gelassene Atmosphäre herbeiführt. In der Regel spricht er mit einem Gast eine Weile und dann mit dem nächsten. Es gibt wenige Gespräche unter den Gästen, manchmal eine Zweitmeinung oder gegenteilige Auffassung. Die Sendung beginnt immer mit einer ersten Sequenz an der Bar. Was die GesprächspartnerInnen an der Bar von den Gästen in der Sesselrunde unterscheidet, habe ich nicht begriffen. – Mit solchen Verständnislücken lebe ich. Sie können sich bis zur Sinnverzerrung auswachsen, was mich unsicher und vorsichtig macht. – Bildergeschichten kann ich, wenn die Bilder durcheinander sind, nicht in die richtige Reihenfolge bringen. – Unnötig zu erwähnen, dass ich Bildergeschichten ziemlich doof finde.

Das Thema, dass Rechtsempfinden und Recht, ob jetzt in der Form eines Gerichtsurteils oder eines Gesetzesparagraphen auseinanderfallen können, dieses Thema interessiert mich brennend.

Zwei Geschichten der Sendung waren für mich klar: Der Mann an der Bar erzählte, wie sein Sohn zu Tode geprügelt wurde. Auch in der Schweiz werden jugendliche Täter milder bestraft als Erwachsene. Das Ziel ist, diese Täter auf den rechten Weg zu bringen und sie in die Gesellschaft so zu entlassen, dass sie Fuss fassen können und unauffällig den Rest ihres Lebens verbringen. Je nach Auffassung, wie dieses Grobziel zu erreichen sei, wird Recht gesprochen. Die Vorstellung, dass ein(e) TäterIn nur abgestraft werden soll, gilt als überholt. Allerdings ist Reue strafmildernd, weil das Ziel ein verändertes Verhalten ist, sprich der/die TäterIn nach der Entlassung aus dem Gefängnis ohne Rückfall leben soll.

Dass ein Vater, der seinen Sohn auf diese Art verloren hat, befremdet ist, liegt auf der Hand. Vielleicht musste sich dieser Vater vorher nie damit befassen, wie ungerecht in dem Fall deutsches Recht ist – hiesiges ist keinen Deut besser – und hatte immer gedacht, dass Opfer der Rechtssprechung selbst schuld seien. Das ist eine gängige Abwehrhaltung unserer Gesellschaft: Wenn einer kommt und sagt, dass ein Urteil oder eine Rechtssprechung ungerecht sei, dann denken die ZuhörerInnen laut oder leise: „Wo Rauch ist, ist auch Feuer.“ Damit ihr Weltbild intakt bleibt, setzen sie voraus, dass, wer recht hat, sich auch Recht verschaffen kann. Erst wenn diese ZuhörerInnen selbst betroffen sind, realisieren sie schmerzhaft, dass dazwischen eine grosse Lücke klafft, in die manch einer gefallen ist.

Der zweite Fall, der klar ist: Eine Frau erzählte, wie ihr kleiner Sohn überfahren wurde und starb. Sie forderte, dass der Autofahrer viel strenger bestraft würde. Das geht leider nicht, weil viele von uns Auto fahren. Jeder bemüht sich ehrlich keine Fehler zu machen. Dass ein kleinster Fehler tragische Folgen haben kann, ist eine bedrohliche Tatsache. Diese Mutter könnte sich und dem Unfallverursacher einen Gefallen tun, wenn sie sich wegen ihrem verständlichen Schmerz in professionelle Hände begeben würde. So wie sie erzählt ist der Unfallverursachen mit ihren Wünschen an sein Verhalten überfordert. – Ein schrecklicher Kreislauf von Forderungen – Abwehr ist da im Gang, der in ihrer Forderung nach mehr Gerechtigkeit gipfelt, was soviel heisst, dass der Unfallverursacher weggesperrt gehört. Emotional ist diese Reaktion durchaus verständlich. In der Rechtssprechung sollten Emotionen möglichst aussen vor bleiben.

Dann kommt der Rechtsfall, der mir unter dem Titel Wohl des Kindes unverständlich ist: Ein Mann erzählte, dass er 11 Jahre lang glaubte, einen Sohn gezeugt zu haben, um dann in einer nächsten Beziehung herauszufinden, dass er zu 99.99% seit Kindheit zeugungsunfähig sei. Ein Vaterschaftstest zeigt, dass sein „Sohn“ nicht sein leiblicher Sohn sein kann, trotzdem muss er für ihn Unterhalt bezahlen. Er ist mit seinem „Fall“ bereits durch verschiedene Instanzen gegangen. Kein Erfolg. Er findet es begreiflicherweise ungerecht, dass er Unterhalt für ein Kind zahlen muss, dass nicht seins ist. – Da kommt eines meiner Lieblingsunwörter ins Spiel: Wohl des Kindes.

Die Mutter konnte objektiv als einzige Person wissen, wer der Vater dieses Kindes ist. Aus irgendwelchen Gründen hat sie einen Zahlvater gesucht und zumindest für einige Jahre gefunden. Vielleicht war die Beziehung zum Zahlvater zu der Zeit, als das Kind gezeugt wurde, die wesentliche im Leben der Mutter. Wie auch immer zum Zeitpunkt der Zeugung, Geburt und in den ersten Jahren zweifelte der Zahlvater nicht an seiner leiblichen Vaterschaft. Nach gesundem Menschenverstand ist es klar, dass er seine Meinung ändert, wenn er erfährt, dass er zeugungsunfähig ist. Offensichtlich reagiert er nicht so, dass er froh ist, wenigstens diese Vaterschaft zu haben, auch wenn er nicht der leibliche Vater ist, sondern stellt seine Zahlpflicht in Frage. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Beziehung Vater – Kuckuckskind vom Streit Mutter – Zahlvater unberührt bleibt. Ich finde, ein Vater in der Situation sollte mit dem Kuckuckskind gemeinsam eine faire Chance bekomme, ihre Beziehung neu zu definieren und anzupassen. Einerseits sind da etliche gemeinsame Jahre und andererseits ist die unschöne Erwachsenenebene. Ich denke nicht, dass es zum Wohl des Kindes ist, wenn ein nicht leiblicher Vater zu Zahlungen verdonnert wird, nachdem die Geschichte aufgeflogen ist.
Ob später in der Sendung noch etwas zu dem Themenbereich gesagt wurde, weiss ich nicht, weil ich vorher zu Bett gegangen bin und genau weiss, dass ich sie mir im Internet anschauen kann, wenn sie aufgeschaltet ist.

„Hast du Kinder?“

Von den behandelnden Ärzten war sie ermuntert worden, sich ein neues Beziehungsnetz aufzubauen. Nach Jahren der Krankheit, war nicht viel übrig geblieben, berufstätig war sie nicht und die finanzielle Lage desolat. Zudem hatte das Sozialamt sie verpflichtet, Freiwilligenarbeit zu leisten. – Später würde ihr Invaliditätsgrad 100% betragen, aber zu dem Zeitpunkt interessierte das noch niemanden.

Zu ihrer Zeit und in dem Land, in dem sie lebte, herrschte die Ansicht, dass wer Sozialhilfe bezieht, dafür etwas leisten muss. In ihrem Fall musste sie sich glücklicherweise für keine Stellen bewerben, weil das IV-Verfahren lief und all Ihre Bemühungen nach Integration fehlgeschlagen waren. Zugegeben, die angebotenen Arbeitsplätze waren allesamt ungeeignet. An einem hatte sie die Dosis der Benzodiazepine erhöhen müssen. Einfache oder einfachste Arbeiten waren ihrem Ausbildungsstand unangemessen und sie fühlte sich in schmutzigen Räumen mit vielen geschwächten, suchtkranken oder vom Schicksal gezeichneten Menschen nicht sehr wohl. Sie hätte Stabilität, Freundlichkeit und einen kleinen, übersichtlichen Rahmen gebraucht, um ihre Fähigkeiten, die sie durchaus noch besass, entfalten zu können. Aber sowas war in den Mühlen der IV nicht vorgesehen. Vielleicht war das so gewollt, weil behinderte Menschen das zu tun haben, was ihnen aufgetragen wird und nicht selbst denken sollen. Sie aber hatte immer selbst gedacht. Sie konnte sich seit Kindsbeinen an nichts anderes erinnern. Manchmal erschrak sie selbst über ihre Schnelligkeit, mit der sie Zusammenhänge erfasste und faule Strukturen durchschaute. Der zweite Arbeitsmarkt hatte, soweit sie ihn kennen gelernt hatte, Schlagseite.

Sie hatte sich noch nicht an ihre Einsamkeit gewöhnt. Ihre letzte lebhafte Erinnerung an ihr Kind war, dass dieses die Augen senkte. Dieses Niederschlagen der Augen hatte sie mitten ins Herz getroffen, obwohl sie sehr krank war. Das also war das Ende einer Kindheit, bloss auf Jahre wie ihr gutmeinende Menschen tröstend versicherten oder bis zum Ende ihres oder des Kindes Leben? Sie wusste es nicht, hatte Angst irgendetwas an diesem Schmerz zu bewegen, der zurückgeblieben war.

Zuerst zog es ihr, krank, wie sie war, den Boden unter den Füssen weg. Lange wäre sie lieber tot gewesen. Sie sprach kaum über ihr Muttersein. Sie sprach von allem andern, das sie in ihrem Leben gemacht hatte. Da war ihre Ausbildung, ihr Beruf, all die Jahre ihrer Berufstätigkeit, das Glück, dass sie in ihren Hobbies fand, das Leben, das sie im Schnellzugtempo gelebt hatte, weil sie spürte, dass der Boden unter ihren Füssen wackelte. Nie hätte sie sich vorgestellt, dass der Sturz so tief sein würde. Aber sie hatte gegen allen Widerstand das gemacht, was ihr wichtig war, damit sie später nichts bereuen müsste. Ihren Berufswunsch hatte sie gegen ihre Eltern durchgesetzt und war später froh darüber. Ohne genau diese Ausbildung wäre sie im Beruf unglücklich gewesen und wäre heute, wo sie auf Versicherungsleistungen angewiesen war, viel schlechter gestellt. Bei aller Sparsamkeit legte sie doch Wert auf gewisse Annehmlichkeiten.

Sie hatte früh geheiratet, sich später scheiden lassen und in einer zweiten Ehe nochmals das Glück versucht. Alles, was sie gelebt hatte, konnte ihr niemand nehmen. Aus späterer Sicht waren die Ehen nicht gut. Allerdings wusste sie genau, dass sie nichts besseres zustande gebracht hätte. Bis zum heutigen Tage hatte sie keinen Mann kennen gelernt, mit dem sie hätte alt werden wollen. Deshalb wohl war ihr der Friede mit ihrem Berufleben so wichtig. Wie alle Menschen schaute sie gern auf das zurück, was ihr gelungen war.

Was ihre Kindererziehung anbelangte, hatte sie kein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihren Kindern das gegeben, was sie konnte. Sie hatte sie mit den Werten behandelt, die ihr wichtig waren. Jetzt hatten sich die Kinder entschlossen, die Werte kennen zu lernen, die ihr widerstanden. Beide Kinder mussten selbst entscheiden, was sie wollten. Ihr als Mutter stand es nicht zu, sich hier einzumischen. Aber als sie viel zu früh alleine dastand, hatte sie langsam wieder Boden unter die Füsse bekommen. Sie hatte sich nach neuen Kontakten umgesehen. Sie hatte bei der Freiwilligenarbeit Menschen kennen gelernt. Nach einigen einschlägigen Erfahrungen hatte sie auf die Frage: „Hast du Kinder?“, mit einem flotten: „Nein“, geantwortet. Sie brauchte im Leben Schutz gerade in dieser schwierigen Situation und nicht Mütter oder Väter, die sie fassungslos und mitleidig anschauten und sie in die Schublade „Rabenmutter“ steckten. Was wussten diese Heile-Welt-Menschen schon von ihrem Leben, den Intrigen, die gegen sie gesponnen wurden und all den Ungereimtheiten, die sich zufälligerweise nur gerade in ihrem Einzelfall angesammelt hatten. Eines Tages, das wusste sie, würde sie sich wehren. Sie wusste es sicher und fest. Sie konnte warten, hatte Geduld und Ausdauer. Denn eines hatten all ihre Gegner übersehen: Sie konnte schreiben.