Bodehannes Franz

Wem bist du, werde ich gefragt. Meine Antwort lautet unwiderruflich mir selbst. Ich beziehe mich auf keinen Vater, auf keine Mutter, ich bin in einem Alter, in dem ich mir eine solche Frage nicht mehr bieten lasse. Das ist der eine Aspekt und der andere: Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts und sollten allmählich lernen, dass Menschen mehr sind als eine Zusammensetzung der Eigenschaften des Zuchtstalls aus dem sie zufällig stammen.

Regelmässig fällt mein ziviler Ungehorsam auf. Ich verwundere mich, wie wenig es braucht, um in der Schweiz, die so stolz auf ihre Redefreiheit ist, auszuscheren und seine Redefreiheit dazu zu benutzen nach seinen Überzeugungen zu leben:

Bin ich verantwortlich für die Taten oder Untaten meiner Vorväter oder -mütter? Bin ich verantwortlich für meine Taten und Untaten oder bin ich nicht viel eher auf Verständnis angewiesen, weil vieles, was andere hinkriegen für mich nicht zu erreichen ist: Ich habe jahrzehntelang täglich Gelassenheit trainiert. Ich war nicht zu faul, ich habe sicher eine gute Methode gewählt und trotzdem ist der Erfolg bescheiden: So bringt mich auch die Frage nach meiner Herkunft regelmässig auf die Palme:

Ich sehe mich dort oben bildlich hocken mit einer Kokusnuss in der Hand. Dann denke ich, dass es nichts anderes gibt als zu akzeptieren, dass ich so schnell und so rasch auf die Palme flitze. Um sich meine Palme vorzustellen, muss man wissen, dass sie am Ende von waldig bewachsenem Gebiet steht, dem ich meinen Rücken zudrehe. Vor meinem Baum liegt ein kurzer Sandstrand und dann das Meer. Müsste ich einen Ort nennen, würde ich sagen, es ist eine dieser Korallenriffinseln, die nur knapp aus dem Meer ragen. Was mich verwundert ist, dass ich blitzartig mit blossen Füssen den Stamm hochklettern kann, um dann die Baumkrone zwischen meine Schenkel zu klemmen und mich mit einer Kokusnuss zu bewaffnen. Was mich nicht verwundert ist, dass es sich bei meinem Baum um eine Palme handelt: Keine Äste stören meinen raschen Aufstieg. Verstecken muss ich mich nicht, aber Sicherheit brauche ich in dem Moment und keine Sekunde später. Kein Wunder ist, dass ich im Bild aus der Unordnung des waldigen Geländes auf meine, allein dastehende Palme eile. Das ist genau der Ort, an dem ich mich im realen Leben ansiedle: Wenn der Wald bildlich für Menschen steht, das Durcheinander, das entsteht, wenn Menschen sich bewegen, z. B. nach einem Anlass alle aufstehen, um nach Hause zu gehen.

Es gibt viele, alltägliche Situationen, die einen Menschen mit einer Wahrnehmungsstörung überfordern: Einen Überfluss an Reizen muss er mit einer Spitzenleistung kompensieren oder wenn er diese Leistung nicht abrufen kann, verhält er sich sozial unangepasst. Ein solches unangepasstes Verhalten wird gesellschaftlich saktioniert.

Mit diesem Wissen bekommt meine Palme nochmals eine tiefere Bedeutung: Mein Zufluchtsort in meiner Phantasie ist bestens organisiert. Die Reize sind wohldosiert. Es handelt sich immer um die gleiche Palme. Nie verändert sich ihr Aussehen oder die Landschaft in der sie steht. Die Vorstellung, mir Ärger um Palmeslänge vom Leib halten zu können, gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um ruhig zu werden. Ein Ritual um von der Palme zu steigen, sehe ich nicht vor mir. Selten stelle ich mir vor, wieich langsam Fuss um Fuss runtersteige.

Vielleicht reicht der wohlige Seufzer, der mir entwischt, wenn ich mich sicher fühle, um in den Alltag zurückzukehren. Manchmal braucht es Tage, bis ein Ärger nicht weiter in meinem Kopf nachhallt. Meistens bedeutet es ein gutes Stück Arbeit, meinen Kopf wieder in den Ausgangszustand zurück zu versetzen. Diese Arbeit bindet Energie, die ich gern anderweitig verwenden würde. Das ärgert mich und wiederum brauche ich Energie, wenn ich mir gut zurede, damit ich mich nicht ärgere.

Nur Worte

Manchmal denke ich, dass das Leben liebevoll über meine ehernen Prinzipien lächelt: Wenige Tage nachdem ich  zuletzt nach meiner Herkunft gefragt wurde, fragte mich ein anderer Mensch danach. Ich bleibe langmütig und friedlich, gebe auf jede scharf gestellte Frage gutmütig Antwort. Nichts bringt mich aus der Ruhe.

  • Ist die Gesprächssituation eine andere?
  • Bin ich weniger müde, weil dieses Gespräch viel früher am Tag stattfindet?
  • Was ist anders und macht den entscheidenden Unterschied?

Ein Beobachter dieses zweiten Gesprächs ist über seinen Verlauf erstaunt. Er kennt das Prinzip nicht, nach dem Franz gefragt wird, ob er der Sohn von Hannes ist, der im Boden wohnt, damit Franz in das richtige „Schublädli“ gesteckt werden kann.

Ich nehme für mich nach diesen beiden Erfahrungen den Eindruck mit, dass ich nicht so schlimm bin, wie ich befürchte. Hin und wieder könnte der Fehler nicht bei mir, sondern bei meinem Gegenüber liegen. Das Leben scheint über mich zu lächeln und ich lächle zurück. Soviel Humor darf sein und diesen Humor habe ich.