Nachtgedanken

Fortsetzung des Artikels „Hast du Kinder?“

Nachtgedanken

Wie so oft lag sie nachts wach. Sie hatte ein Buch gelesen und der Inhalt beschäftigte sie, steuerte den Gang ihrer nächtlichen Gedanken. Das Buch handelte von einer alten Frau, die sich erfolgreich für ihre Freiheit einsetzt. Von da waren ihre Gedanken zu ihrer Grossmutter gewandert, einer Frau, die aus heutiger Sicht Altersdepressionen hatte. Sie klagte ununterbrochen. Keiner konnte verstehen warum. Hinter ihrem Rücken machte sich sogar der Arzt über seine Patientin lustig. Gestorben war sie an einem unerkannten, akuten, behandelbaren Beschwerden. Ein unnötiger Tod: Keiner hatte im Spital die Schilderung ihrer Beschwerden ernst genommen. Darauf hatte sie an ihren Vater gedacht. Viele Gedanken waren ihr vertraut. Einer traf sie wie ein Blitz. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Es war ihr immer klar, dass sie viele Eigenschaften ihres Vaters geerbt hatte. Bei einigen hoffte sie, dass es nicht so sei. Er hatte sich in gewissen Situationen nicht durchgesetzt, während in anderen seine Fähigkeiten geachtet und anerkannt waren.

In dieser Nacht, in dem Augenblick hatte sie ein Puzzelstück ihres Lebens gefunden oder vielmehr das Scharnier der immer gleichen Tür, die ihr in ihrem Leben des öftern ins Gesicht geschlagen wurde. Ein Puzzelstück ist ein kleiner Teil, eines Bildes in einem Leben. Ein Scharnier kann zu unterschiedlichsten Lebensperioden die gleiche Tür bewegen:

Sie hatte daran gedacht, wie ihre Mutter als junge Frau, ihren Vater dazu gedrängt hatte, gegenüber Freunden den Kontakt aufzukünden. Eines Tages hatte sie sich als Tochter auf dieser schwarzen Liste befunden und entsprechend wurde dem Vater und ihr der gegenseitige Umgang von der Mutter verboten. Daran hatte sich der Vater bis zu seinem Tod gehalten und ihr blieb nichts anderes übrig, als diesen Umstand zu akzeptieren. Es war ihr klar gewesen, dass ihr Kind, das den Umgang mit ihr aufgekündigt hatte und ihr damit beide Kinder entfremdete, das grossmütterliche Verhalten wiederholte. Was in dieser Nacht für sie neu war, war die Einsicht, dass ihr eigenes Schicksal parallel zu dem ihres Vaters lief. In ihrem Leben wiederholte sich, was ihr Vater erlebt hatte.

Bis zu der Nacht hatte sie immer gedacht, dass sie etwas falsch gemacht hätte mit ihren Kindern, dass ihr ein Fehler unterlaufen wäre, den sie übersehen hätte. Ihr Vater hatte nichts falsch gemacht. Ihre Mutter hatte unmissverständlich gefordert, dass Leute aus dem Leben gekippt wurden und auf der schwarzen Liste landeten. Ihre Mutter kannte weder Erbarmen noch Grenzen. Sie ging bis zum Ende.

Dieser Gedanke ist wichtig, dachte sie. Den darf ich nicht mehr vergessen. Er hilft mir, Frieden mit meinem Leben zu schliessen. Ewig will ich nicht unter dem leiden müssen, was mir meine Mutter, meine Kinder und andere Menschen antun.

Dünne Linie

Der Psychiater lehnte sich vor und schaute ihr tief in die Augen: „Sind Sie suizid gefährdet?“ Sie schaute ebenso vielsagend zurück und hauchte: „Nein.“

Intelligenz hatte noch nie zu ihren Problemen gehört. Es mangelte ihr nicht daran. Sie hatte genau einmal in einer Psychiatrieklinik um Hilfe gebeten, weil suizidale Gedanken sie bedrängten. Was sie darauf erlebte, hatte sie bis zum heutigen Tag davor bewahrt, je wieder so eine Dummheit zu begehen. Sie fragte sich, ob die behandelnden ÄrztInnen nicht genau wussten, dass sie belogen wurden oder ob sie allen Ernstes glaubten, gefährdete PatientInnen würden sich outen, insbesondere, wenn sie psychiatrieerfahren waren. Psychiatrieerfahren, so lautete der Name für die armen Teufel, die mehrmals vergeblich versuchten in irgendeinem Alltag Fuss zu fassen und mit dem zurande zu kommen, das zufälligerweise ihr Leben war. Einige gingen in die gleiche Klinik zurück. Sie war an mehreren Orten gewesen und konnte Vergleiche ziehen.

Einmal, hatte sie auf diese Frage mit „ja“ geantwortet. Sie hatte auf ein Notprogramm gehofft, das ihren Schmerz lindern würde. Statt dessen wurde sie ins Isolationszimmer verlegt, durfte die Station, die nun abgeschlossen wurde, nicht mehr verlassen und es war ihr verboten an ihren wenigen Therapien teilzunehmen. Das war ihr eine Lehre gewesen. Seither wusste sie, dass sie lieber den Mund hielt und Suizidgedanken nicht verschrie.

Mit ihrem Wohlergehen hatte diese Frage nichts zu tun: Wenn sie sie positiv beantwortete, begann sich die Gesellschaft gegen sie zu schützen: Es ging um LokführerInnen, die keine vom Zug zerschnittene Gestalt auf den Gleisen brauchen konnten, um Leichenberger, deren Arbeit ohne ihren Tod genug Anforderungen bot. Wie wenn ein zu Tode verzweifelter Mensch anderen Menschen hätte Leid zufügen wollen. Es ging ihr immer darum, Schmerz, unaushaltbaren Schmerz zu mindern, Unerträgliches tragbar zu machen. Aber in der unerträglichsten Situation spuckte die Gesellschaft sie aus und überliess sie ihren unerträglichen Gedanken. – Wie sinnvoll ist eine solche Behandlung in einer Psychiatrieklinik?

 

Der Wasserkocher

„Kennst du die Geschichte vom Wasserkocher?“, frage ich. Mein Gegenüber verneint und ich beginne zu erzählen:

„In den Jahren, als ich finanziell am Boden lag und auf eine „Zwischenfinanzierung“* der Sozialhilfe angewiesen war, hatte ich eine für mich zuständige Person. Ich gebe ihr den Namen „Gut“. Gut war also zuständig für die Sozialfälle in meiner Gemeinde. Die komplizierten Fälle wurden an eine andere Stelle weitergereicht. Gut war zuständig für die einfachen Fälle. Zu denen gehörte ich. Ich brauchte Geld, ich hatte brav gewartet, bis mein Vermögen nur noch 4.000.- Franken betrug und dann kam ich. Rasch, bei 4000.- kann keiner lang warten, wurde ein Budget erstellt:

  • Existenzminimum
  • Wohnung – ausnahmsweise dürfen sie in ihrer zu teuren Wohnung bleiben
  • Krankenkasse – ausnahmsweise stufen wir ihre Krankenversicherung nicht zurück
  • Gesundheitsausgaben – in ihrem Fall sind wir ausnahmsweise grosszügig

Gut kam sich sehr gut vor. Sie hatte keine Ausbildung für Sozialarbeit, war zu einer Zeit der Not eingesprungen und hatte das Amt übernommen. Was ihr an Fachwissen fehlte, machte sie mit Gefühlen wett. Ich, auf der anderen Seite des Tisches wusste genau, dass ich nur eins konnte: „Gring abe und seckle“, was in dem Fall hiess, Gut ein gutes Gefühl zu vermitteln, damit sie mich möglichst in Ruhe liess, mir, wenn es unumgänglich war, Extrageld bewilligte, was sie in bescheidenem Rahmen auch tat.

Als Kind hatte ich mit Eifer und jahrelangen Mühen Skifahren gelernt. Eine Sportart, die ich gern betreibe und nun, in die Jahre gekommen, noch ausüben will, solange ich kann. Ich fahre leidlich gut und bin mit meiner Skilehrerin unterwegs.

Als meine Gesundheit auf dem Stand war, dass ich in die Skiferien konnte, informierte ich Gut, dass ich beabsichtige in die Skiferien zu fahren. – Man weiss, was über SozialhilfebezügerInnen gesagt und geschrieben wird, die es wagen, sich ein bisschen Lebensfreude zu gönnen. Sofort werden sie in der Luft zerrissen. Skiferien heisst für mich Hotel und Skilehrerin, ist ein teurer Spass. Den hatte ich mir am Mund abgespart, an Kleidern und täglichem Bedarf. Ich benötigte von Gut kein Extrageld, wollte einfach keine „Lämpen“, falls mich in dem Skiort jemand aus der Gemeinde sähe oder noch schlimmer ein Mitglied meiner Behörde.

„Nehmen Sie den Wasserkocher mit“, ermahnte mich Gut, „man muss nicht jeden Kaffee im Hotelrestaurant trinken.“ Natürlich folgte ich dieser Anweisung und wagte nur jeden zweiten Abend auswärts essen zu gehen, begnügte mich mit einem heissen Getränk oder einer Bouillon und Sandwiches. Damit war meine Einsamkeit bis in meine Ferien vorgedrungen, was medizinisch gesehen der perfekte Blödsinn ist. In dem Jahr begann meine Skilehrerin, mich zu sich zum Essen einzuladen.

Der „Wasserkocher“ wurde zum geflügelten Wort für behördliche Schikane und dummes Sparen, nebst der Tatsache, dass selbst ein Sozialhilfebezüger von Gesetzes wegen selbst entscheiden kann, wie er sein Geld einteilt. Aber das wusste Gut wohl nicht, weil sie nicht vom Fach ist. Heute ist Gut zum Glück all meiner NachfolgerInnen beim Sozialamt pensioniert und durch eine kompetente Fachperson ersetzt, die mit viel Verständnis zuhört und die Würde eines Menschen nicht antastet.  Ich muss nicht mehr auf die Gemeinde, weil meine Versicherungen bezahlen. Finanzielle Unabhängigkeit ist grossartig. Bald fahre ich in meine Skiferien. Ohne Wasserkocher. Nie wieder mit Wasserkocher.“

* Die für mich zuständige Person, Gut, betonte immer, dass ich nach Antritt meines Erbes, meine Schulden bei der Gemeinde würde begleichen müssen. Nie in Betracht zog sie, dass mir als versicherter Person Versicherungsleistungen zustehen, obwohl ich sie unzählige Male höflich darauf aufmerksam machte.

Umgestellt

Ich betrete das Zimmer und bin allein. Ich stehe da und kann es nicht fassen. Das Zimmer ist umgestellt, die zwei Stühle stehen nicht mehr im Abstand von drei bis vier Metern parallel zum Fenster. Überraschend allein, kann ich mir die Zeit nehmen, um mir zu überlegen, wo ich mich hinsetzen will: Lieber mit dem Rücken zum Fenster oder mit dem Rücken zur Tür? – Ich schaue gern aus dem Fenster, dann muss ich in Kauf nehmen, dass ich nicht sehe, wenn jemand von hinten, durch die Tür kommt, was bisher noch nie vorgekommen ist. So sitzend hätte ich die Wand links von mir. Sitze ich mit dem Rücken zum Fenster fühle ich mich vermutlich im Raum eingesperrt, weil ich keine Aussicht mehr habe. Na ja, eigentlich ist dieser Raum gedacht, um Einsicht zu gewinnen, schliesslich handelt es sich um das Behandlungszimmer meiner Psychiaterin, und nicht, um die Aussicht zu geniessen.

Ich entscheide mich, für den Stuhl, der Richtung Fenster steht. Auf den Blick zu den Postkarten, mit den Seerosen werde ich verzichten müssen, ausser, sie werden umgehängt. Wo mir die abgebildeten Seerosen Worte schenkten, wenn ich nach einem genauen Begriff suchte, um meine Gedanken zu sammeln und zu äussern. Von all den Karten habe ich mir meistens eine angeschaut, mit einer einziggen grossen Blüte auf einem Seerosenblatt. Rosa und grün. Um den tieferen Sinn habe ich mich nicht gekümmert. – Viele Behandlungszimmer von PsychiaterInnen ähneln sich: Postkarten stehen irgendwo rum, in die die PatientInnen alles hineinlesen können, manchmal hat es vereinzelte Bücher mit tiefschürfender Weisheit, bevorzugt aus fremden Kulturen. – Bis auf den heutigen Tag habe ich nicht begriffen, warum ein buddhistischer Spuch besser wirkt als einer, eines – oh Schreck –  europäischen, christlichen Wüstenvaters.

Ich setze mich und überlege, wieviel Energie ich nun in den Raum stecken muss, nur, weil das Mobiliar umgestellt ist. Das ist Teil meiner Wahrnehmungsstörung, dass ich in solchen Momenten nicht zu beziffernde Mengen Energie verliere, die mir logischerweise später am Tag für andere Aktivitäten nicht mehr zur Verfügung stehen. Abends sinke ich müde in mein Bett, obwohl ich nicht arbeiten muss, wenige Aktivitäten habe, gezielt Ruhepausen einschalte. Das Bedürfnis, die Beine hochzulegen, lässt mich um 20.00 Uhr Richtung Schlafzimmer verschwinden. Dann lese ich, bis mir die Augenlieder runterfallen.

Am nächsten Morgen, manchmal sehr früh, bin ich wach und beginnt die nächste Herausforderung. Auf dass heute keiner sein Zimmer umgestellt hat. Mir reicht die Aussicht wegen der schlechten Witterung mit ÖV in die Physiotherapie zu fahren und keine Ahnung zu haben, wo genau der Anschlussbus abfährt. Die Aufregung, nicht zu wissen, wie genau mein Weg verläuft, frisst ebenso Unmengen Energie. – Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, muss ich mir bei jeder Fahrt, auch „bekannten“ Wegen überlegen, wie die Route verläuft. Bei ähnlichen Wegen ist es durchaus möglich, dass ich mich verfahre und meine Routenwahl korrigieren muss. Mit dem Auto ist das kein Problem: Ein kleiner Umweg und schon bin ich wieder dahin unterwegs, wo ich hin wollte. Das ist einer der Gründe, warum ich gern mit dem Auto unterwegs bin, weil sich meine Fehler rasch korrigieren lassen und ich deshalb stressfrei unterwegs sein kann.

„Stressabbau“, ein Dauerthema für Menschen mit einer Hirnverletzung. Instinktiv berechne ich zuerst den Aufwand und den Ertrag einer Tätigkeit, bevor ich entscheide, in welcher Art ich eine Aufgabe anpacke.

Weggesperrt

Im Buch „Weggesperrt“ beschreibt der Beobachter, wie bis 1981 Menschen in Gefängnisse gebracht wurden, die keine Straftat begangen hatten: Die Vormundschaftsbehörden konnten verfügen, dass insbesondere Aussenseiter und ledige Mütter, denen sogar die Neugeborenen weggenommen wurden, auf unbestimmte Zeit in Administrativhaft gesetzt wurden. Bis 1981. Danach wurde alles gut? Ich lese das Buch.

Ich habe von diesem Buch gehört und ich verzweifle daran: Auch nach 1981 ist die Vormundschaftsbehörde in der Schweiz aus Laien zusammengesetzt. Auch nach 1981 hat sie Vollmachten, die erstaunen. Und sind Fachpersonen in jedem Fall besser? Es macht sicher einen Unterschied, ob ein Mensch in ein Gefängnis muss oder mit dem „fürsorglichen Freiheitsentzug“ auf eine geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik kommt. Einen FFE verordnen Fachleute. Ich bezweifle laut, dass sie wissen, was sie tun. In einer psychiatrischen Klinik, deren Abläufe ich kenne, verordnet der hauseigene Arzt einen FFE, was laut Gesetz nicht rechtens ist. Klar, dann muss innert der gesetzlichen Frist der zuständige Regierungsstatthalter erscheinen. Man stelle sich die Tischrunde vor, die sich ergibt: Ein Patient, der nicht gut tut und mit Medikamenten ruhig gestellt ist, behandelnde Fachleute und der Regierungsstatthalter. Vielleicht auf der Seite des Patienten Familienangehörige, wenn er nicht auch dort längst die Rolle des schwarzen Schafes spielt. – Klar ist dieser Ablauf formaljuristisch besser, als der bis ins Jahr 1981. Aber die Fachpersonen, die kennen sich und der Patient, über den entschieden wird, ist ausgeliefert. Dieses Machtgefälle ist geblieben. Erfahrungsgemäss führt die Situation, dass Menschen über andere Menschen Macht haben in Versuchung. Wenige Menschen können dieser Versuchung widerstehen. Viele erachten es mit den Jahren als selbstverständlich, dass sie Berichte über Menschen schreiben, Gutachten abfassen und ganz grundsätzlich Gott spielen im Leben anderer. Ich habe mich gewundert, dass nette Menschen, empatische Männer und Frauen das Fachpersonal in Psychiatrien stellen: Leider konnte ich keinem je mich brennende Fragen stellen, die z. B. lauten:

  • Glauben Sie, dass Langeweile zur Genesung führt?
  • Denken Sie nicht, dass Entmündigung krank macht?
  • Was halten Sie von Ihren Zielformulierungen für ein Leben?
  • Wie kann ein(e) PatientIn Sie so beschäftigen, dass Sie sich wohl bzw. beschäftigt fühlen und dem/der PatientIn den Freiraum geben, um gesund zu werden?
  • Denken Sie allen Ernstes, dass Menschen psychisch krank Dinge können, die sie in gesundem Zustand nicht auf die Reihe kriegen?
  • Wer hilft mit realen Problemen? z.B Rechnungen bezahlen, Wohnungen putzen, Arbeit/Beschäftigung finden, auf einem Niveau, das nicht gleich wieder krank macht?
  • Warum wird man in der Klinik weiter traumatisiert? Denken Sie, so werden PatientInnen gesund?
  • Wissen Sie eigentlich, dass eine psychiatrische Klinik 50% ihrer Probleme selbst verursacht, um hernach Heilung dagegen zu finden? – Sie wissen nicht, was ich meine? – Langeweile, Anstehen für Medikamente, Zwangsmassnahmen, Isolation, Abschieben der Verantwortung, Weigerung mit anderen medizinischen Fachrichtungen zusammen zu arbeiten.
  • Warum unternehmen Sie nichts gegen die Trinkerei im Raucherraum? Haben gewisse PatientInnen Privilegien oder realisieren Sie nicht, was dort abgeht?

Nach 1981 ist alles gut? Eine gerechte Welt stelle ich mir anders vor, als dass man ein unwürdiges Geschehen rechtlich etwas anders abstützt (Paragraphen neu formuliert) und vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegt. Das Geschehen ist subtiler geworden: Körperliche Gewalt wird nur noch in Ausnahmefällen angewandt: Patienten werden in Isolationszellen gebracht und auf Betten 5- bzw. 3- Punkt fixiert. Ein Vorgehen, das im Altersheim bei dementen PatientInnen zum Einsatz kommt.

Dass sich Menschengruppen mit anderen Menschengruppen nicht identifizieren können, dieser Umstand bleibt in der Psychiatrie bestehen. Im Buch „Weggesperrt“ können sich junge Mütter zu Recht nicht mit Straftäterinnen identifizieren. Mit Kleinkriminellen, die lieber in die Psychiatrie gehen als in den Vollzug kann sich ein Psychiatriepatient nicht identifizieren. Wer identifiziert sich mit der verwahrlosten Frau, deren Exkremente vorne und hinten die Hose dunkel oder braun färben und die sich auf „unser“ Sofa in „unserem“ Wohnzimmer setzt? Bei den Mahlzeiten sitzen ihr nur naive Neulinge gegenüber. Sie spuckt ihr Essen in regelmässigen Abständen zwischen den Zähnen hervor über den ganzen Tisch. Zumutbar? – Einfach nicht bekannt, weil sich solche Dinge in Räumen ausserhalb der Gesellschaft abwickeln und keiner, der dort war, sich daran erinnern will und darüber berichtet: Die meisten vergessen das lieber, tanzen weiter den Tanz der Institutionen und ich frage mich, welchem die Integration in die Gesellschaft gelingt und welcher, dieser bunten Mischung, rasch stirbt.

Ich lasse es für heute bei diesen wenigen Personen bewenden. Ein Wort zu illegalen Hanfplantagen. Hanf ist ein uraltes Heilmittel. Gerade für Menschen mit zusammengezogenen, verkrampten (Fachausdruck: spastischen) Muskeln, wirkt Hanf, richtig eingesetzt, oftmals besser krampflösend als Medikamente, die auf dem Markt erhältlich sind. Da sich unsere Gesellschaft liebend gern auf Probleme stürzt, die keine sind und dafür Probleme übersieht, die ihre Existenz gefährden, ist auch für Spastiker die Einnahme von Marijuhana illegal.

1981 war das Ende einer Ära. Ganz offensichtlich konnte die Institution Vormundschaftsbehörde und Erwachsenenschutz nicht in einer gesetzlichen Anpassung so revidiert werden, dass sie überzeugt. – Interessant war zu erfahren, dass die Schweiz ihre Praxis anpassen musste, weil sie der Europäischen Menschenrechtskonvention beitreten wollte. – Fremde Richter bringen schweizerisches Unrecht ein Stück weit – so viel wie nötig und so wenig wie möglich – in Ordnung.

Wieder steht ein neues Gesetz an und im kommenden Jahr im Parlament eine neue Konvention: Die Ratifizierung der UNO Behindertenkonvention. Meine Prognose: Die Räte werden die kleinstmöglichen Zugeständnisse machen und ich bezweifle, ob das neue Kinds- und Erwachsenenschutzrecht mit der UNO Behindertenkonvention kompatibel ist. Auf diese Diskussion, bin ich sehr gespannt.

Wie funktioniert (m)eine Behörde?

Wenn ich wüsste, wie sie funktionieren, könnte ich diese Menschen besser verstehen. Oft denke ich diesen Satz. Wenn ich nachvollziehen könnte, warum diese Menschen solche Entscheide fällen, wie in meinem Fall, wäre mein Schmerz, so hoffe ich, kleiner.

Ich bin verwundert, dass die Erkenntnis, dass hier Unrecht am Werk war, meinen Schmerz nicht lindern konnte. Irgendwann war mir von Bekannten, Ärzten und Fachpersonen, die mein Leben begleiteten so oft gesagt worden, dass die Behörden falsch gehandelt hatten, dass kein Zweifel daran bestand. – Ein „Gratisjurist“ hatte sich eingesetzt. Er war, wie ich erst später realisierte, unfähig. Mein Neuer, Bezahlter hat in wenigen Wochen mehr erreicht als  der frühere in zwei Jahren. Er hatte „Mediation“ versucht, als längst Taten gefragt waren.

Trotz der eindeutigen Lage, wurden meine Gefühle nicht ruhiger, ich litt weiter. – Wie ungerecht ist dies: Ich erleide Unrecht und meine Seele leidet weiter, genau an diesem Unrecht. Ich kann froh sein, wenn es mich nicht aus der Bahn wirft, ich irgendwie den Alltag bewältige und hoffentlich irgendwann gelassener auf diese Zeit zurückblicken kann.

Natürlich ist klar, dass die Psyche Warnsignale abgeben soll, wenn sie überfahren wird und schmerzt. So signalisiert auch der Körper, wenn er verletzt wird. Nicht um uns zu ärgern oder mit unnötiger Arbeit einzudecken, sondern um uns die Gelegenheit zu geben, uns zu verarzten und den Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Bei meinen seelischen Sachen höre ich: Das ist schwierig.

Ach nein. Dass es schwierig ist, habe ich schon selbst herausgefunden. Wie im Märchen habe ich mich auf den Weg gemacht, die Zauberblume zu finden, die mich heilt und erlöst. Es entspricht nicht meiner Einstellung, mich in ein schweres Schicksal zu ergeben.

Wie also funktioniert diese Behörde? Ich kann davon ausgehen, auch wenn ich die Leute nicht kenne, dass viele, vielleicht alle rechtskonservativ denken. Einige haben einen Universitätsabschluss. Einer, den ich von früher kenne, ist trotz Uniabschluss nicht sehr intelligent. Er hat seine akademischen Ziele nicht erreicht, musste damals die Studienrichtung wechseln. Sowas ist mir nicht passiert: Die Eifersucht, dass ich als behinderte(s) Mensch ein Studium vollendet habe und in diesem Beruf gearbeitet habe, ist weiter verbreitet, als mir bewusst ist und spielt hier sicher mit. Behinderte gehören auf eine niedrige Stufe der Existenz und dürfen einem nicht überfllügeln. Sonst gibt es Haue. Da die Situation scheinbar so günstig war, kam ich unter die Räder. Wie heisst ein philosophischer Satz so schön: „Alles geht vorbei.“

Das haben die Mitglieder dieser Behörde nicht mitbedacht, dass es eine Zeit danach geben wird. Genau dieser Fall ist eingetreten: Ich lebe nicht abgeschoben in einem Heim, sondern selbstbestimmt in meiner Wohnung. Ich kann tun und lassen, was mir gefällt und ich suche täglich nach Möglichkeiten und Tricks, die mein Leben lebenswerter machen. menschen, die mich über die letzten Jahre beobachten, sagen, dasss ich darin unermüdlich und ziemlich erfolgreich sei. Mit den letzten Nuerungen, die ich vor etwa zwei Wochen eingeläutet habe, bin ich mit dieser Sichtweise allmählich einverstanden: Als Tagesstruktur Trompete spielen und schreiben. Kontakt mit ausgewählten Bekannte, die mich mögen und Fachpersonen, die mich lehren. Hin und wieder Ferien, die mich mit Vorfreude erfüllen und hernach mit begeistertem Rückblick. So stelle ich mir mein Leben im Moment vor.

Viel mehr weiss ich über „meine“ Behörde nicht. Es fragt sich, ob eine Behörde Akteneinsicht gewähren muss, wie z.B. ein Spital. Im Moment wäre mir das zuviel. Aber später einmal,  könnte es durchaus spannend sein. – Im Moment reicht es mir, diesen Behörde-Menschen fröhlich ins Gesicht zu lachen und mein Leben zu geniessen.Mein Leben zu geniessen, allen Umständen zu trotz, das betrachte ich als meine Lebensaufgabe.

Letzthin habe im im TV(runterscrollen zu „Heike Dorsch“) einen Satz aufgeschnappt: Einer jungen Frau, war ihr Lebenspartner, mit dem sie über die Hälfte des Lebens verbracht hatte, getötet worden. Sie gab klar zu Ausdruck, dass sie dem Mörder, der ihr bereits unfassbar viel Leid angetan hatte, nicht den Rest ihres Lebens schenken wolle.

So stelle ich mir mein Leben vor, als mir gehörend und als von mir zu gestalten.

Erzählfiguren des Blog

Das „ich“ dieses Blogs bin ich selbst, anonym und soweit ich mich erinnere, habe ich mich nicht geoutet, ob ich männlich oder weiblich bin. Solange mir nicht 100% klar ist, welche Themen ich in welcher Form veröffentlichen darf, bleibe ich vorsichtig.

Es gibt Menschen aus Zeitungsartikeln, wie dem „Beobachter“ oder dem „Bund“, deren Initialen geändert werden, wenn das Thema zu persönlich oder juristisch zu brisant wird. Bei behinderten Menschen hat eine Anonymisierung oft mit der Angst vor der IV zu tun: Eine Verschlechterung der Lebenslage hilft keinem.

Solche anonymen Namen erfinde ich selbst, wenn ich über mir bekannte Personen in meinem Blog berichte. Ich könnte diese Personen fragen, ob sie unter ihrem wirklichen Namen und mit ihren echten Lebensumständen in meinem Blog vorkommen wollen oder nicht. Dagegen spricht aber, dass meine Anonymität sehr rasch in Gefahr käme, weil bekannt würde, dass dieser Blog mir gehört.

Soweit so klar. Ich habe es an anderer Stelle erwähnt, dass es mir um Aufklärung geht, darum, eine Brücke zwischen behinderten und nicht behinderten Menchen zu bauen. Klar stelle ich mich den Ungerechtigkeiten, dem Filz der in Organisationen, bei den Behörden, Familien, im Beruf, in einem Dorf oder einer Stadt herrscht. Für LeserInnen jedoch, ist es eintönig, wenn nur diese Schiene gefahren wird: Ungerechtigkeit und Misstände werden gründlich recherchiert und es wird aufgezeigt, welche Konsequenzen Gesetze und Handlungen oder das Verhalten der Gesellschaft für Behinderte hat.

Für mich ist es schnell ermüdend, wenn ich recherchiere, aber genau weiss, dass diese Recherche nur von wohlwollenden LeserInnen ernst genommen wird. Ein Beispiel: Seit Jahren ist vom Bundesamt für Statistik belegt, wie niedrig der Versicherungsbetrug der IV-RentnerInnen und der Personen die eine IV-Rente beantragt haben, ist. Diese Zahl, obwohl ausgewiesen, kommt bei PolitikerInnen nicht an. Einer hat mir gesagt, dass diese Zahl nicht stimmen könne und sicher höher sei. Es nützt nichts, einen Sachverhalt darzulegen und zu denken, damit sei die Aufklärung getan. Um bis in den Kopf, das Gedächtnis eines Menschen vorzudringen und damit hoffentlich eine Veränderung des Verhaltens herbeizuführen, braucht es zusätzlich andere Methoden und Stilmittel, vermutlich auch mehr als Sprache. Die nachhaltigste Veränderung wird durch eigenes Erleben ausgelöst. Solange wir nicht an dem Punkt sind, braucht es BrückenbauerInnen. Irgendjemand muss nicht behinderten Menschen erklären und ausführen, warum ein gesellschaftliches Zusammenleben wichtig ist, wer was dazu beitragen kann und welche Fähigkeiten und Bedürfnisse behinderte Menschen haben, die sich nicht Behinderte nicht vorstellen können.

Mein Blog ist meine Experimentierwiese: Gestern habe ich eine „Sie“ eingeführt. Diese „Sie“ hat noch keinen Namen, bleibt aber vorläufig die gleiche Person. Wenn mir danach ist, werde ich weitererzählen, was sie denkt und erlebt. Wenn die Artikel zuviel werden und ich die Übersicht zu verlieren beginne, kann ich ihr einen Namen geben und ihre Artikel so zu einem Ganzen bündeln.

Ich werde an meinem Schreibstil arbeiten und andere Schreibformen ausprobieren. Wenn ich eins nicht will, dann ist es, meine LeserInnen langweilen.

„Hast du Kinder?“

Von den behandelnden Ärzten war sie ermuntert worden, sich ein neues Beziehungsnetz aufzubauen. Nach Jahren der Krankheit, war nicht viel übrig geblieben, berufstätig war sie nicht und die finanzielle Lage desolat. Zudem hatte das Sozialamt sie verpflichtet, Freiwilligenarbeit zu leisten. – Später würde ihr Invaliditätsgrad 100% betragen, aber zu dem Zeitpunkt interessierte das noch niemanden.

Zu ihrer Zeit und in dem Land, in dem sie lebte, herrschte die Ansicht, dass wer Sozialhilfe bezieht, dafür etwas leisten muss. In ihrem Fall musste sie sich glücklicherweise für keine Stellen bewerben, weil das IV-Verfahren lief und all Ihre Bemühungen nach Integration fehlgeschlagen waren. Zugegeben, die angebotenen Arbeitsplätze waren allesamt ungeeignet. An einem hatte sie die Dosis der Benzodiazepine erhöhen müssen. Einfache oder einfachste Arbeiten waren ihrem Ausbildungsstand unangemessen und sie fühlte sich in schmutzigen Räumen mit vielen geschwächten, suchtkranken oder vom Schicksal gezeichneten Menschen nicht sehr wohl. Sie hätte Stabilität, Freundlichkeit und einen kleinen, übersichtlichen Rahmen gebraucht, um ihre Fähigkeiten, die sie durchaus noch besass, entfalten zu können. Aber sowas war in den Mühlen der IV nicht vorgesehen. Vielleicht war das so gewollt, weil behinderte Menschen das zu tun haben, was ihnen aufgetragen wird und nicht selbst denken sollen. Sie aber hatte immer selbst gedacht. Sie konnte sich seit Kindsbeinen an nichts anderes erinnern. Manchmal erschrak sie selbst über ihre Schnelligkeit, mit der sie Zusammenhänge erfasste und faule Strukturen durchschaute. Der zweite Arbeitsmarkt hatte, soweit sie ihn kennen gelernt hatte, Schlagseite.

Sie hatte sich noch nicht an ihre Einsamkeit gewöhnt. Ihre letzte lebhafte Erinnerung an ihr Kind war, dass dieses die Augen senkte. Dieses Niederschlagen der Augen hatte sie mitten ins Herz getroffen, obwohl sie sehr krank war. Das also war das Ende einer Kindheit, bloss auf Jahre wie ihr gutmeinende Menschen tröstend versicherten oder bis zum Ende ihres oder des Kindes Leben? Sie wusste es nicht, hatte Angst irgendetwas an diesem Schmerz zu bewegen, der zurückgeblieben war.

Zuerst zog es ihr, krank, wie sie war, den Boden unter den Füssen weg. Lange wäre sie lieber tot gewesen. Sie sprach kaum über ihr Muttersein. Sie sprach von allem andern, das sie in ihrem Leben gemacht hatte. Da war ihre Ausbildung, ihr Beruf, all die Jahre ihrer Berufstätigkeit, das Glück, dass sie in ihren Hobbies fand, das Leben, das sie im Schnellzugtempo gelebt hatte, weil sie spürte, dass der Boden unter ihren Füssen wackelte. Nie hätte sie sich vorgestellt, dass der Sturz so tief sein würde. Aber sie hatte gegen allen Widerstand das gemacht, was ihr wichtig war, damit sie später nichts bereuen müsste. Ihren Berufswunsch hatte sie gegen ihre Eltern durchgesetzt und war später froh darüber. Ohne genau diese Ausbildung wäre sie im Beruf unglücklich gewesen und wäre heute, wo sie auf Versicherungsleistungen angewiesen war, viel schlechter gestellt. Bei aller Sparsamkeit legte sie doch Wert auf gewisse Annehmlichkeiten.

Sie hatte früh geheiratet, sich später scheiden lassen und in einer zweiten Ehe nochmals das Glück versucht. Alles, was sie gelebt hatte, konnte ihr niemand nehmen. Aus späterer Sicht waren die Ehen nicht gut. Allerdings wusste sie genau, dass sie nichts besseres zustande gebracht hätte. Bis zum heutigen Tage hatte sie keinen Mann kennen gelernt, mit dem sie hätte alt werden wollen. Deshalb wohl war ihr der Friede mit ihrem Berufleben so wichtig. Wie alle Menschen schaute sie gern auf das zurück, was ihr gelungen war.

Was ihre Kindererziehung anbelangte, hatte sie kein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihren Kindern das gegeben, was sie konnte. Sie hatte sie mit den Werten behandelt, die ihr wichtig waren. Jetzt hatten sich die Kinder entschlossen, die Werte kennen zu lernen, die ihr widerstanden. Beide Kinder mussten selbst entscheiden, was sie wollten. Ihr als Mutter stand es nicht zu, sich hier einzumischen. Aber als sie viel zu früh alleine dastand, hatte sie langsam wieder Boden unter die Füsse bekommen. Sie hatte sich nach neuen Kontakten umgesehen. Sie hatte bei der Freiwilligenarbeit Menschen kennen gelernt. Nach einigen einschlägigen Erfahrungen hatte sie auf die Frage: „Hast du Kinder?“, mit einem flotten: „Nein“, geantwortet. Sie brauchte im Leben Schutz gerade in dieser schwierigen Situation und nicht Mütter oder Väter, die sie fassungslos und mitleidig anschauten und sie in die Schublade „Rabenmutter“ steckten. Was wussten diese Heile-Welt-Menschen schon von ihrem Leben, den Intrigen, die gegen sie gesponnen wurden und all den Ungereimtheiten, die sich zufälligerweise nur gerade in ihrem Einzelfall angesammelt hatten. Eines Tages, das wusste sie, würde sie sich wehren. Sie wusste es sicher und fest. Sie konnte warten, hatte Geduld und Ausdauer. Denn eines hatten all ihre Gegner übersehen: Sie konnte schreiben.

Wachsende Behinderung

Gestern habe ich über die Not geschrieben, eine Behinderung so zu erklären, dass die Erklärung eine Hilfe ist und nicht die Wirkung einer zusätzliche Barriere entfaltet. Als behinderte Person, die ZuhörerInnen will, muss ich darauf achten, nicht langfädig zu werden. Aber selbst wenn sich ein Gespräch ergibt, kann ich meine Seele verletzen.

Voraussetzungen:

  • Ich bin aus voller Überzeugung für Aufklärung.
  • Die Innenansicht eines Betroffenen ist durch keine Aussenansicht einer Fachperson zu ersetzen.
  • Ergo ist es unsere Aufgabe als behinderte Menschen uns in unserem Umfeld einzubringen. Unsere Sicht der Dinge ist nicht zu verwechseln mit den Wünschen und Nöten unserer Angehörigen.

Gesprächsverlauf

Gehen wir von der Situation aus, dass ein Mensch Interesse an meiner Behinderung signalisiert. Wir haben Zeit und ich gebe mir ehrlich Mühe, seine Fragen zu beantworten. Ich baue eine Brücke zwischen seiner und meiner Welt. Da mir das gut gelingt, löst eine Frage die andere ab und es vergeht Zeit.

Es gibt Gesprächsverläufe und Resultate, die ich mir nicht wünsche:

Einer ist, dass ich spüre, wie mit jedem Satz, den ich sage, meine Behinderung wächst und wächst. Statt dass Erklärungen als Verfeinerungen eines vorliegenden groben Systems aufgefasst werden, werden sie addiert: Das ist nicht möglich und das geht auch nicht und das auch nicht… und auch nicht …. und auch nicht…. und auch nicht. Übrig bleibt eine zu bemitleidende Kreatur, die Mitleid höflich entgegennehmen sollte und sich dafür höflichst bedanken. Je weiter so denkende Menschen von mir weg sind, desto besser geht es mir.

Zurück zum Gesprächsverlauf: Das Grobkonzept lautet: Ich habe bei meiner Geburt eine Hirnverletzung erlitten. Damit ist alles umfasst. Jeder zusätzliche Satz ist eine Präzisierung dieses ersten Satzes. Es kommt keine weitere Behinderung dazu. Ich beginne zu gewichten, wenn ich weiter ausführe, dass meine Wahrnehmung betroffen ist und so von Satz zu Satz in Details meiner Behinderung vorstosse.

Wenn als Schlusssatz der/die GesprächspartnerIn sagt: „Ich danke dir für deine Offenheit“, dann weiss ich mittlerweilen aus leidvoller Erfahrung, dass ich viel gegeben habe, aber höchstwahrscheinlich nichts zurückbekomme. Es kann sein, dass das Geschehen, was ich als Aufklärung empfinde für einen nicht behinderten Menschen so aussieht, dass er sich einredet mir einen Dienst zu tun, wenn er mich über meine Behinderung ausfragt. Genau eine Ausfragerei oder Abfragerei ist es dann und eben kein richtiges Interesse. Gefühlsmässig aber läuft das bei mir so: Ich gebe und gebe und wenn die Zitrone ausgepresst ist, dann wird sie weggeworfen. Ausgenutzt und weggeworfen komme ich mir in solchen Situationen vor. Das fühlt sich schlecht an und ich wünschte mir, ich wüsste zum Voraus, wann eine Begegnug sich so entwickeln wird.

Etwas ähnliches passiert bei Fachleuten, die von meiner Krankenkasse bezahlt werden und mir sagen, dass sie von meinen Ausführungen auch für andere PatientInnen sehr viel profitieren. Warum werden sie dann von mir bezahlt und bezahlen nicht mich, weil ich sie weiterbilde?

Wohldosierte Aufklärung ist die Lösung: Ich bin nicht absolut und unter allen Umständen verpflichtet zu dienen. Meine Seele ist mir näher als jeder andere Mensch. Das ist gut so.

Bitte keine Gefühle

Für diese Situation habe ich keine Lösung, was mich regelmässig ärgert. Nur dieser Ärger löst die Frage nicht, die lautet: Wie gehe ich als unsichtbar behinderte Person mit Menschen um, die nicht wahrhaben wollen, dass ich behindert bin. Regelmässig kommt das Argument, dass mich der Gesprächspartner trotz 100% IV-Rente und 100% Invaliditätsgrad nicht als behindert wahrnimmt. Im gleichen Atemzug wird bestätigt, dass die IV in der heutigen Zeit nur noch nach strengsten Kriterien Renten zuspricht. Was ist bei einer solchen Betrachtungsweise los, frage ich mich regelmässig. Was erwarten Menschen von einer berenteten Person? Wenn ich urprünglich erwartet hatte, dass eine Rente die Situation klären würde, so sehe ich mich getäuscht. Die nächste Frage lautet nämlich in der Regel, wie hoch der Prozentsatz der Rente sei. !00% Rente auf 100% Invaliditätsgrad.

Sollten meine Gliedmassen verdrehter aussehen, muss ich in dem viel zitierten Rollstuhl sitzen oder darf ich nicht intelligent sein? Ich habe immer den Verdacht, dass ich nicht in das Bild einer unterlegenen Person passe: Eine behinderte Person muss eine solche Unterlegenheit ausstrahlen, damit sie bequem schubladisiert werden kann mit dem Etikett „zu betreuen“. Da meine Mimik minim verarmt ist, sehe ich sehr seriös und ernsthaft aus und werde als belastbar eingestuft. Die Klangfarbe der Stimme ist etwas monoton, dass ich meistens so töne, wie wenn ich im Brustton der Überzeugung spreche. Manche Leute springen regelrecht auf meinen Tonfall an und aus Erfahrung weiss ich, dass ich mich besser schnellstmöglich in Sicherheit bringe. Manchmal aber bleibe ich wie angewurzelt stehen und verpasse den Absprung. Dann muss ich auf verbale Schläge nicht lange warten: „Sie müssen ihre Behinderung akzeptieren“, lautet ein beliebter Satz, der mir an den Kopf geworfen wird. – Endlich habe ich eine sinnvolle Beschäftigung!

Wenn ich guter Laune bin und den nötigen Humor habe, erkäre ich, dass die Akzeptanz einer Behinderung kein statischer Zustand ist: Es gibt Tage, an denen ein behinderter Mensch seine Behinderung akzeptieren kann, sie vielleicht sogar vergisst und es gibt Momente, in denen das nicht gelingt. Meistens habe ich die Lacher auf meiner Seite, wenn ich als Beispiel Hammer, Daumen und Nagel nehme: Ein Mensch, der mit dem Hammer den Daumen statt den Nagel trifft, wird in der Regel aufschreien und sich nicht zuerst für die willkommene Gelegenheit zum Einüben von Selbstbeherrschung und anderen wunderbaren Tugenden bedanken.

Brauche ich, so wie ich aussehe, eine Hilfestellung passiert nichts. Da stellt sich die Frage: Wie oft ist es sinnvoll die gleiche Bitte zu wiederholen, damit ich zu dem komme, was andere selbstverständlich haben. Wie gekonnt vergesse ich, dass ich Bedürfnisse habe und löse sie in Luft auf. Gestern habe ich es auf die Spitze getrieben: Natürlich weiss ich, dass es für nicht behinderte Personen schwierig ist, dass sie meine Informationen in ihren Erfahrungshorizont einordnen können. Gestern nun, bin ich etliche Male rund um ein Thema gekreist, um es zum Schluss beim Schopf zu packen:

Für viele Menschen ist der Höhepunkt einer festlichen Mahlzeit ein Dessertbuffet. Für mich selbstredend sicher nicht: Zuviel Auswahl, zuviele Menschen, Bewegung in einem mir fremden Lokal oder ungewohnt möblierten, festliche Kleidung mit entsprechenden Schuhen, Balancieren der Speisen auf einem Teller. Die einfachste Lösung, um nicht weiter aufzufallen ist, mich als Dessertmuffel zu bezeichnen. Nicht so gestern: Ich sagte mehrere Male, dass mir lieber wäre, dass auch die Nachspeise serviert würde und als ich zum vierten oder fünften Mal an meinem Tisch gefragt wurde und einige schon wiederholten, dass ich lieber serviert würde, fragte ich eine Tischnachbarin, ob sie so freundlich wäre und mir einige Nachspeisen bringen würde. Plötzlich war das ohne unangenehme Nachfragen möglich. So klar stehe ich selten für mich ein. Geschätzte zehn Male wurde das Thema erwähnt.  Ich frage mich, wieviel Zeit muss ich meinem Gegenüber geben und wann wird es lästig, wenn ich frage, weil „man nichts sieht“.