Glücklich bis ans Ende ihrer Tage

„Schön“ ist ein Allerweltswort. Genau solche Worte, die jeder zu verstehen glaubt, führen zu Missverständnissen.

Eine schöne Frau, ein schönes Haus, die Aussicht ist schön; schön bezieht sich auf einen optischen Eindruck.

Akustische Beispiele lassen sich ebenso finden.

Wann ist eine Geschichte „schön“? Sie kann gut recherchiert sein und ist deshalb schön, weil sie detailreich und interessant ist. Sie kann formal schön sein, der Stil und die Wortwahl transportieren den Inhalt genial. Sie kann schön gruselig sein und mit der Decke über den Kopf gezogen, schläft es sich besonders gemütlich. Sie kann so spannend sein, dass am Schluss der Leserin ein erlösender Seufzer entweicht: „Diese Geschichte ist so schön.“ Oder eine Geschichte ist erst dann schön, wenn der Leser gut einschlafen kann, weil die Beziehungen zwischen den Menschen in der Geschichte so wohlig sind, wie in den guten, alten Märchen, wo jeweils steht: „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“

Wenn ich eine „schöne“ Geschichte schreiben wollte, dann müsste sie im letztgenannten Sinn schön sein. Möglichst paradiesische Zustände auf Erden finde ich erstrebenswert. Weil die Gedanken der Menschen prägen ihre Denkmuster. Das weiss man aus der Neurologie. Ob sich ein Mensch vorstellt, er esse ein Eis oder er isst es tatsächlich, die ausgeschütteten Belohnungshormone im Hirn sind gleich. Die Wiederholung eines Denkmusters im Hirn prägt es tiefer ein und bei Gelegenheit wird das bekannteste Denkmuster als erstes in die Tat umgesetzt. Wenn wir sagen: „Übung macht den Meister“, meinen wir genau das. Wir trainieren unser Hirn bis es, wie von selbst, die gewünschte Leistung erbringt, weil sich der Ablauf so gut eingeprägt hat.

Also ist daraus zu schliessen, dass, wenn ein Mensch in seinen Gedanken die Harmonie, den Ausgleich und den Frieden sucht, er diese Eigenschaft auch eher in die Tat umsetzen kann, als ein Mensch, der sich nicht einmal in den Gedanken damit befasst. Das heisst nun nicht, dass wir so menschliche Engel züchten können, aber es heisst, dass es Sinn macht, sich zu überlegen, mit welchen schönen Gedanken wir unser Hirn füttern. Es gibt zweifelsohne auch andere Einflüsse, die wirken und nicht zu unterschätzen sind. Aber schöne Gedanken, wenn es möglich ist und ein Mensch nicht gerade in einer Depression steckt helfen allemal.

„Glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ wurde lange Zeit und wird noch heute von vielen in die Welt der Märchen verbannt und deshalb als überholt angeschaut. Mir sind Märchen Kostbarkeiten und Utopien, die Massstab für mein Leben sind. Es verwundert mich nicht, dass das Wort „schön“ für mich zuerst diesen Inhalt bedeutet. Bevor ich gross überlege, wende ich den Massstab an, den ich aus den Märchenerzählungen mitgenommen habe: „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“

Was ich zu fürchten gelernt habe

Es gibt Situationen, in denen es für mich am besten ist, mich so schnell als möglich zu entfernen. Diese Begebenheiten laufen immer gleich ab. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, werden Menschen, die mit mir zu tun haben, aggressiv. Als kleines Kind war ich diesen Erwachsenen ausgeliefert. Ein verletzender Satz lautete: „Wenn du keine(!) Gefühle hast, dann brauch wenigstens deine Intelligenz.“

Die Kindheit ist längst vorbei. Aber bis in die Gegenwart gibt es AggressorInnen. Beliebt ist, meine Behinderung als Anhaltspunkt zu nehmen. In einer psychiatrischen Klinik(!) hat man mich an zwei unterschiedlichen Tagen zum Sündenbock gestempelt, weil ich „an der falschen Stelle“ gelacht habe. Was ein Mensch ohne Hirnverletzung noch knapp unter Kontrolle halten kann, nämlich eine gestresste Situation ohne Ventil zu überstehen, schaffe ich nicht. Ich brauche ein Ventil und oft ist es Lachen. Es gibt auch das Häutchen abziehen an den Fingern und Fingernägel bzw. Kaugummi kauen oder sonst eine Beschäftigung, die Spannung abbaut.

Wenn ich in der selbstgerechten Art zum Sündenbock erkoren werde, brauche ich keine Pfarrerin, die mir die Bibel auslegt. Intuitiv verstehe ich die Worte Jesu: „Herr vergib ihnen, den sie wissen nicht, was sie tun.“ Man merke: Nicht behinderte Menschen dürfen voll aggressiv sein. Sogar sog. Fachleute dürfen sich behinderten Menschen gegenüber unprofessionell verhalten. Aber wehe, wenn der behinderte Mensch schlechte Laune hat, mies drauf ist und sich einen Sündenbock sucht. Das kommt ganz schlecht an und ist verboten. Frei nach dem Spruch: „Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Letzthin in einem Kurs hat mir die Kursleiterin gesagt, ich würde mich über alle erheben und „in letzter Instanz“ entscheiden, was richtig sei und was falsch. Sie brauchte das Wort „Inquisition“. Mein „Vergehen“: Es war ein Schreibkurs. In einer Geschichte eines anderen Kursteilnehmers hatte mich eine Nebenfigur dazu animiert, die Figur zu nehmen und zu ihr eine Geschichte zu erfinden. Wir hätten alle keine Literatur, wenn nicht ständig Themen aufgegriffen, neu gestaltet, anders geschrieben würden.

Für alle, die gern etwas zum Lachen haben: Der Witz ist, dass diese Nebenfigur in der Originalgeschichte sehr einsam war. Ich habe sie in meiner Geschichte in die Gesellschaft integriert. Inklusion nennt sich das. – Wenn das nicht einmal auf dem Papier erlaubt wäre, dann könnte die gesamte Behindertenbewegung, die über Inklusion nachdenkt und sie fordert, einpacken. Aber das tun wir nicht. Wir sind da und bleiben ein Teil dieser Gesellschaft, auch wenn einige Mit- oder Gegenmenschen sichtlich Mühe haben, damit umzugehen.

„Wegschauen ist am schlimmsten“

In meinem Kanton erregt diese Schlagzeile im Bund Aufmerksamkeit. Leider ist dieser Artikel online nicht verfügbar. Manchmal ändert sich das nach ein, zwei Tagen. Wenn es soweit kommt, werde ich ihn verlinken.

Weil nicht verfügbar, schildere ich kurz, was beschrieben wird:

Ein Sozialarbeiter soll zwanzig Buben und männliche Teenager missbraucht haben. Er war sehr engagiert und beliebt. Es gab Verdachtsmomente, aber niemand traute sich eine Anschuldigung auszusprechen. Über Jahre wurde so das Problem verschleppt.

Der Artikel versucht zu sortieren und einzuordnen. Mir stösst manches sauer auf. Wenn ein Mensch keine sexuelle Ausrichtung hat, die momentan in unserer Gesellschaft akzeptiert ist, dann ist er sehr einsam und letztlich in einer auswegslosen Situation. Wenn wir uns zudem bewusst sind, dass gerade Männern dauernd zugestanden und eingetrichtert wird, dass sie ihre Triebe nicht unter Kontrolle haben können, dann wird die Ausgangslage noch dramatischer.

Er war engagiert und charismatisch, kreativ, beliebt, erfolgreich. Und er täuschte sie alle.

So beginnt der Artikel. Wie kann die sexuelle Ausrichtung eines Menschen für andere Menschen ein Täuschmanöver sein? Unsere Gesellschaft lügt sich selbst an, wenn sie sich einredet, dass alle Menschen heterosexuell oder allenfalls homosexuell sind. Da hat kein einzelner Mensch andere getäuscht. All die wunderbaren Eigenschaften, die dem betroffenen Sozialarbeiter jetzt natürlich abgesprochen werden, besitzt er noch heute.

Natürlich ist es verboten, dass Erwachsene Kinder missbrauchen. Bislang habe ich nie gelesen oder gehört, wie sexuell so orientierte Erwachsene in unserer Gesellschaft leben können. Wenn nur Druck da ist und der Aufschrei der Öffentlichkeit, wenn Missbrauch endlich an den Tag kommt, machen wir keinen Schritt vorwärts. Die Kinder, die wir schützen wollen sind nicht geschützt und die Erwachsenen, die zumindest Verständnis brauchen und sicher Hilfe, mit ihrer Sexualität so umzugehen, dass sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen, sind in ihrem vermutlich leidvollen Versteckspiel allein gelassen. Auch mit einer Gefängnisstrafe ändert sich die Sexualität nicht. Auch da nützt Wegschauen herzlich wenig.

Wie soll man umgehen mit dem Verdacht? Auch der Zürcher Oberstaatsanwalt und Spezialist für strafrechtlichen Kinderschutz Andreas Brunner warnt vor zu frühen Anzeigen. Man könne Existenzen zerstören, wenn Gerüchte die Runde machten, an denen – wie sich später herausstelle – nichts dran sei.

Sehr verantwortungsbewusst finde ich diese Stellungnahme. Oberstaatsanwalt Brunner zeigt auf, dass die gesellschaftliche Verantwortung auf zwei Seiten hin zu wahren ist. Einerseits geht es um Kinder und Jugendliche, die zu schützen sind und andererseits geht es um Erwachsene, die vor ungerechtfertigten Vorwürfen, allenfalls sogar Erpressungsversuchen oder grundlosen, falschen Anschuldigungen zu schützen sind.

Ganz anders sieht das Regula Schwager, Psychologin und Psychotherapeutin bei der Opferberatungsstelle Castagna.

Im Gegensatz zu Brunner ist sie jedoch fest davon überzeugt, man solle «lieber zu viel bei der Polizei melden als zu wenig». Was aber passiert, wenn der vermeintliche Täter in Wirklichkeit unschuldig ist? Die falschen Gerüchte womöglich seine Existenz zerstören? «Eine Falschbeschuldigung ist eine Katastrophe», sagt Schwager. «Doch der Existenz eines Einzelnen steht die Existenz Hunderter potenzieller Opfer gegenüber. Wegschauen ist am schlimmsten.»

Eine unschuldig zerstörte Existenz als bedauerlichen Kollateralschaden. Die naive Vorstellung dass Kinder und Teenager unschuldige, kleine Engel sind, lässt grüssen. – Längst liest diese Altersgruppe das „20 Minuten“. Schon lange hat sie begriffen, dass Eltern, Lehrer und andere Erwachsene erpressbar sind, indem ihnen genau eines dieser Dinge vorgeworfen wird, das sie niemals tun dürfen.

Wann endlich wird unsere Gesellschaft erwachsen und nimmt ihre Verantwortung wahr? Das würde heissen, nicht mehr wegschauen

  • wenn Kinder und Jugendliche missbraucht werden.
  • wenn Erwachsene an ihrer Sexualität verzweifeln müssen, weil sie sich strafbar machen.
  • wenn Kinder und Jugendliche Unwahrheiten behaupten und damit unschuldigen Erwachsenen ihre Leben zerstören.

Letzteres ist nicht in Kauf zu nehmen nach dem Motto, solange es andere betrifft, kann es mir egal sein. Erst wenn ein Mensch selbst betroffen ist, realisiert er, welche Wirkung hier das Wegschauen hat. Ein Mensch, der niemandem etwas zuleide getan hat, hat keine „hunderte potenzielle Opfer“ als Gegenüber. Kein einziges. Das einzige Opfer ist er, der fälschlicherwiese als Täter beschuldigt wird.

Wie lange wird es dauern, bis unsere Gesellschaft hier besonnener und damit gerechter wird?

Was Topmanager nicht wissen wollen

Bekanntlich schaut Vasella treuherzig in die Kamera und erzählt, dass er seinen Lohn wert ist, weil er besonders viel leistet.

Na ja,  denkt da der eine oder andere, ich habe auch meinen langen Arbeitstag und die Hausfrau und Mutter denkt, danach ist meine Arbeit noch längst nicht zu Ende. Statt netzwerken mit Cüpli oder Arbeitsessen geht es um zahnende Kinder, Schulaufgaben und schmutzige Windeln.

Das alles ist bekannt. Wozu ich schon lange einen Artikel suche und jetzt endlich in der Sonntagszeitung gefunden habe, ist, wo die wirklich top geforderten Arbeitsnehmer ihre Leistung erbringen.

Im zweiten Arbeitsmarkt. Es wird beschrieben, wie der Druck auf die Firmen wächst, die behinderte Menschen im zweiten Arbeitsmarkt anstellen. Im zweiten Arbeitsmarkt bekommen die ArbeiterInnen praktisch keinen Lohn, es sind IV-RentnerInnen, Kranke und Arbeitslose. Das Ziel wäre die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.

Jetzt, in der Krise, wird Der Druck der Wirtschaft, die die Aufträge erteilt an die Firmen des zweiten Arbeitsmarkts weitergegeben. Weil diese Firmen nicht mehr von der IV direkt sondern von den Kantonen unterstützt werden, kann es sein, dass weniger Geld fliesst.

Pirmin Willi, Leiter der Stiftung Brändi in Luzern, tippt kurz Zahlen in seinen Taschenrechner und zeigt schliesslich sein Resultat: Im Vergleich zu 2008 erhält er 2013 2,8 Millionen Franken weniger vom Kanton. «Man versucht das zu kompensieren, indem man neue Kunden findet, aber das ist alles andere als einfach», sagt er.

Die Leiter dieser Firmen versuchen den erhöhten Druck nicht an die Arbeitnehmer weiterzugeben. Ich denke nicht, dass das gelingt. Behinderte und andere am Rand der Gesellschaft stehende Menschen spüren sehr genau, was Sache ist.

Akkordarbeit mit IV-RentnerInnen, in meinem Kopf will das nicht zusammenpassen. Behinderte Menschen, die nur schlafen und arbeiten, zu müde sind, um etwas Freizeit zu haben. Depressive, die aus dem ersten Arbeitsmarkt fielen, weil er zu stressig war und sich in einem zweiten Arbeitsmarkt wiederfinden, der Einzeltätigkeiten und Fliessbandarbeit verlangt, also zusammenhangslose Akkordarbeit. Besonders schlimm sind die behinderten Menschen, die sich nicht wehren können und gesundheitliche Schäden davon tragen.

Bei Band hatte die Krise noch keine grösseren Auswirkungen auf die Belegschaft. Doch eine Umfrage unter anderen Betroffenen zeigt gravierende Fälle. «Bei uns zählte am Schluss nur noch, möglichst viel Geld zu machen», erzählt ein Behinderter aus Genf. «Wir mussten laufend mehr schaffen in immer weniger Zeit.» Der Mann ist zu 100 Prozent IV-Rentner, weil er unter epileptischen Anfällen leidet. Die Einzige, die ihn vor seinen Krämpfen warnen kann, ist seine Labrador-Hündin. Wenn sie spürt, dass ein Anfall kommt, gibt sie ihm ein Zeichen, damit er sich vorbereiten kann. Schliesslich hat ihm seine Behindertenwerkstatt verboten, die Hündin mit zur Arbeit zu nehmen. Er hat nach 15 Jahren gekündigt.

Um die Produktivität zu steigern, setzen einige Werkstätten die Behinderten auch am falschen Ort ein – bis es zu Unfällen kommt. Sozialarbeiter Vincent Flament schreibt in seiner Abschlussarbeit an der Fachhochschule Wallis, wie Frau H. in einer Lausanner Werkstatt zum Bügeln eingeteilt wurde, obwohl ihr das Schmerzen bereitete. Ein anderer Zeuge berichtet, wie eine Dame, die an der Glasknochenkrankheit leidet, in der Telefonzentrale einer Genfer Institution eingesetzt wurde. Prompt habe sie sich den Arm bei der Bedienung eines nicht behindertengerechten Telefons gebrochen.

 

Eigene Erfahrung

Als ich selbst, schwerst depressiv solche Arbeiten erledigen sollte, war ein trockener Kommentar von Freunden: „Wer nicht schon vorher depressiv war, wird spätestens bei einer solchen Tätigkeit depressiv.“ – Ich musste auf Milimeter genau mit Farbpapier, doppelseitiger Klebefolie, Massstab, Schere und Bleistift Kleber herstellen, die in Prospekten über einen nicht mehr aktuellen Text geklebt wurden.

An einem anderen Arbeitsplatz sollte ich in einem Grossraumbüro einfache Büroarbeiten erledigen. Ein Grossraumbüro ist für meine Behinderung ein Stress. Die PCs wurden ständig überwacht. Der Vorteil war, dass ich mit andern essen konnte. Dem Stress, sinnlose Arbeit zu erledigen, war ich nicht gewachsen. Nach einem Hochschulabschluss und 16 Jahren Berufserfahrung, eigne ich mich nicht für eine kaufmännische Anlehre.

Was mich beelendet an dem Artikel der Sonntagszeitung ist, dass er recherchiert ist, quer durch die Schweiz. Im Welschland, im Kanton Bern, Luzern, St. Gallen, Zürich. Vernünftigerweise denke ich, dass wo ein Problem besteht, eine Lösung gesucht wird. Aber so ist es nicht:

Wenn der Kanton bei der Unterstützung des 2. Arbeitsmarktes spart und die ArbeitnehmerInnen in den 3. Arbeitsmarkt, nämlich die geschützten Werkstätten abwandern, ist niemandem gedient. Die behinderten Menschen sind ausgegrenzter, im Artikel wird schnörkellos festgehalten, dass in geschützten Werkstätten Artikel hergestellt werden, die sich nur schlecht verkaufen lassen.

Kurz, das Ganze wird teurer, einfach aus einem anderen Kässeli. Ich werde wohl nie verstehen, wie in solchen Zusammenhängen die rechte Hand nicht wissen will, was die Linke tut. Irgendwo dazwischen triffft es Menschen, wie dich und mich, die verunsichert sind und deren Gesundheit leidet.

Behindert sein ist das eine. Behindert und krank ist etwas ganz anderes.

Wer leistet mehr? Der, der viel Lohn heimträgt oder der, dessen Körper so ausgepresst wird, dass seine Gesundheit leidet?

 

Ferien?

Natalie Rickli meldet sich nach ihrem Burnout zurück. Vieles was im Sonntagsblick, Exklusivinterview mit Natalie Rickli,  vom 4. 2. 2012 steht, musste man so erwarten.

Natürlich ist die anspruchsvolle Arbeit schuld, hat sich Rickli verausgabt, ist der politische Widerstand kräftezehrend.

Natürlich weiss nun Rickli was Sache ist und belehrt via Medien alle im Lande, was ein Burnout ist. Neben dem Sonntagsblick war sie gestern in der Tagesschau und heute abend ist sie im Puls zu Gast. Puls ist keine Sendung, die ich sonst schaue. Heute abend werde ich wohl oder übel schauen müssen, damit ich aus erster Hand informiert bin.

Diese wenigen Zeilen aus dem Sonntagsblick, finde ich bemerkenswert

Wie ging es nach den zweieinhalb Monaten in der Klinik weiter?
Ich brauchte Distanz. Ich wollte in Ruhe gesund werden. Ohne dass ich in der Öffentlichkeit erkannt werde. Deshalb weilte ich zwei Monate im Ausland. Zuerst zur Kur, und dann habe ich mir noch etwas Ferien gegönnt.

So wie Rickli ihren Zusammenbruch davor beschrieben hat, scheint sich das Burnout als Depression ausgewirkt zu haben und Rickli ist in eine Klinik eingetreten.

Nur wer sich damit befasst oder selbst PatientIn war, weiss, dass wie bei allen Erkrankungen ein enormer Zeitdruck auch in der Psychiatrie und dementsprechend in den Kliniken herrscht. Die Krankenkassen bezahlen oder bezahlen nicht. So einfach ist das. Es gibt Kliniken, die setzen die PatientInnen nach drei Monaten vor die Tür, egal wie gut oder schlecht es ihnen geht. Sie, liebe(r) LeserIn ahnen es schon. Die Krankenkassen bezahlen keinen längeren Aufenthalt.

Insofern ist es sehr interessant dass bei Rickli nach 2 1/2 Monaten Klinik eine Kur folgt. Sie ist damit im Zeitlimit von drei Monaten drin. Ob die Kur über die Krankenkasse abgerechnet wird, ist unklar. Aber selbst eine Hardllinerin und SVP Frau hat länger als drei Monate gebraucht, um wieder soweit auf die Beine zu kommen, dass sie zurück in ihren Alltag kann.

Über den genauen Wiedereinstieg in Beruf und Politik herrscht im Interview Schweigen. In aller Regel werden PatientInnen schrittweise wiederbelastet. Die Prozente der Arbeitstätigkeit werden nach und nach erhöht. Wer zu 100% krank geschrieben ist und das über längere Zeit, hat in der Regel weniger Ferien zugut. Deshalb erstaunt dieser Satz über „sich etwas Ferien gönnen“ sehr gerade in zweierlei Hinsicht.

  • Es besteht die Möglichkeit, dass Überzeit abgebaut wurde. Viel naheliegender scheint mir, dass die Krankheitszeit medienkonformer gestaltet und deshalb dreigeteilt wurde.
  • Ein aus der Psychiatrie ausgetretener Mensch soll in der Regel in eine Tagesstruktur und nicht in die Ferien. Es ist nicht nachvollziehbar, dass eine Politikerin das Gegenteil von dem tut, was für ihre Krankheit empfehlenswert ist.

Zuerst Klinik, dann Kur, wie bei einem Beinbruch – PatientInnen der Psychiatrie gehen in der Regel nach der Klinik nach Hause und nicht zur Kur – und zum Schluss noch etwas Ferien. Braungebrannt und fröhlich kehren wir heim.

Die Worte les ich wohl, allein mir fehlt der Glaube…..

„Time will tell“, sagen die Amerikaner. „Die Zeit wird erzählen, wie es weitergeht,“  heisst dieser Satz auf Deutsch. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Oder vielleicht doch: Bei vielem, was Geschrieben steht, ist es von Vorteil, wenn man sich in dem Fachbereich auskennt. Man fällt nicht auf schöne Worte rein und lässt sich weniger Sand in die Augen streuen. Wenn ich als LeserIn nichts weiss, wie soll ich beurteilen können, was stimmen könnte und was nicht?

Mich verwundert es, wenn jemand sich nicht scheut, das Gegenteil von dem, was bekömmlich ist, anzupreisen. Für mein Empfinden handelt es sich nicht mehr um Schönfärberei, um sich etwas besser ins Licht zu stellen, es geht um die Verantwortung den Bevölkerungsanteilen (25%) gegenüber, die denken, dass solche Interviews wahr sind und eins zu eins stimmen.

Gegenbeispiel gleichentags

Der andere Fall, eines Buschauffeurs, der Kinder, die er chauffiert hat und andere sexuell missbrauchte, ist online verfügbar.

Auffällig ist hier, dass der Arbeitgeber des Chauffeurs wusste, dass das Problem besteht. Der Chauffeur wurde trotzdem für SchülerInnentransporte eingesetzt. Es ist für einen Laien unverständlich, dass ein Arbeitgeber nicht die Konsequenzen aus seinem Wissen zieht. An und für sich ist es grosszügig, dass ein Mensch-mit-Vergangenheit eine zweite oder dritte Chance bekommt. Er kann allerdings Erwachsene transportieren und ist von Kindern und erst recht behinderten Kindern fern zu halten.

Wenn nun Leben des Chauffeurs aus den Fugen gerät, er muss für fünf Jahre ins Gefängnis, dann ist das die Konsequenz seines Verhaltens. Die Spielregeln und Gesetze unseres Staates sind bekannt.

In wenigen Jahren wird sich das Problem wieder stellen. Wie lebt ein Mensch mit dieser sexuellen Neigung als verantwortungsbewusster Mensch in unserer Gesellschaft. Vielleicht kann er sich behinderte Menschen zum Vorbild nehmen. Die können ihre Sexualität oft nicht ausleben, weil kein(e) PartnerIn vorhanden ist. Kalt Duschen ist angesagt und keine Straftaten. Aus der Perspektive eines behinderten Menschen ist vieles, was andere tun, unverständlich.

„Luzern muss Lehrer entschädigen“

So ein Titel in der Papierausgabe des Bundes vom 31. 1. 2013.

Der Lehrer war im Jahr 2004 verdächtigt worden, SchülerInnen seiner Kleinklasse missbraucht zu haben. Ein sechsjähriges Martyrium folgte. Am Schluss blieb von all den Anklagen nichts übrig, der Lehrer wurde freigesprochen. 2004 war er 38 Jahre alt. Zwei Jahre später muss er sich einer Herzoperation unterziehen und lebt jetzt von einer IV-Rente. Das Gericht behauptet nun, die Herzoperation habe nichts mit der Anklage zu tun und hat die Entschädigungsforderung von über 800`000.- Franken auf 190`000.- plus 50`000.- Franken reduziert.

Ich stelle mir einige Fragen und mich beschäftigen Gedanken zu dem Zeitungsartikel. Hat ein nun etwa 47 jähriger Mann nach dieser Vorgeschichte noch eine Chance? Mich würde es nicht wundern, wenn er in seinem ursprünglichen Berufsalltag nie mehr Fuss fassen kann. Wenn er SchülerInnen sieht, kann ihm seine Geschichte in den Sinn kommen und durch das Trauma ist er nicht mehr fähig zu unterrichten. Vielleicht ist das Trauma umfassender, weil auch erwachsene Menschen ihn zu Unrecht beschuldigt haben. Wie soll er erwachsenen Menschen trauen? Hatte er in seiner schweren Zeit Freunde oder Familie, die zu ihm hielten oder wollte „mit-so-einem“ keiner mehr etwas zu tun haben? Was an Beziehungsnetz bleibt übrig, wenn ein Mann/eine Frau mit der Anklage „sexueller Missbrauch von KleinklassenschülerInnen“ konfrontiert wird?

Ein Vorwurf ist besonders erwähnt: Dem Lehrer wurde vorgeworfen im Klassenzimmer einschlägige Bilder heruntergeladen und den SchülerInnen gezeigt zu haben. Technisch ein Ding der Unmöglichkeit, weil es keinen Internetzugang gab. Da spätestens wäre Vorsicht geboten gewesen. Aber es ist wohl eher andersrum. Dank dem, dass es technisch unmöglich war, konnte dieser Vorwurf am Schluss nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Ein(e) SchülerIn macht keine Falschaussage

Mich würde interessieren, warum fast alle SchülerInnen der Klasse ursprünglich zur Anklage beitrugen. Von zwölf SchülerInnen sagten elf aus, dass der Lehrer sie missbraucht habe. Ein(e) SchülerIn liess sich nicht in den Lügensumpf ziehen. Das finde ich bemerkenswert, wie ein Kind/Teenager mit seinen Eltern sich von der Verunsicherung nicht mitreissen lässt, die geherrscht haben muss und keine Falschaussage am Mittagstisch oder im Kinderzimmer zusammengetragen werden. Wie entstehen Falschaussagen? Legen die Erwachsenen den Kindern Worte in den Mund oder entspringen diese Falschaussagen der Phantasie der Kinder?

Ich finde die eine Ausnahme umso bemerkenswerter, als dass es für SchülerInnen wichtig ist, dass sie in der Klasse sozial integriert sind, das wird als soziale Fähigkeit gewertet. So ganz glaube ich natürlich nicht, dass es erstrebenswert ist, mit der Masse mitzulaufen. Natürlich ist es einfacher. In dem Fall hier aber war es das einzig Richtige. Wer von Anfang an die Wahrheit sagte und aussagte, blieb bis zum Schluss glaubwürdig. Alle andern, hier die Mehrheit, mussten ihre Aussagen zurücknehmen, mit oder ohne Einsicht.

Fallzahlen?

Wieviele Kinder und Jugendliche werden sich noch einen Spass daraus machen, LehrerInnen, Eltern oder andere Bezugspersonen mit Vorwürfen zu konfrontieren, die keinen Grund  haben. Wann endlich wird unsere Gesetzgebung die Verantwortung übernehmen und für das Recht einstehen. Was nützt ein Gericht, das Recht spricht, wenn durch die Anklage das leben eines Menschen verpfuscht wird? Es geht nicht an, dass ein 38 jähriger Lehrer um seinen Beruf betrogen wird, seine Gesundheit geschädigt wird und er den Rest seines Lebens als IV-Rentner verbringen muss.

Ihm und allen andern seiner LeidenskollegInnen und damit meine ich nicht nur fälschlicherweise angeschuldigten LehrerInnen sondern alle Erwachsenen, die zu Unrecht von Kindern und Jugendlichen mit Falschaussagen bei Gerichten oder Behörden angeschwärzt werden, ihm und allen diesen Erwachsenen steht ein Leben in Würde zu. In einem Rechtsstaat muss ein Vorwurf sorgfältig geprüft werden, aber eine allumfassende Vorverurteilung entspricht nicht unserem Rechtsverständnis. Im Zweifelsfall für den Angeklagten lautet es noch immer. Gesellschaftlich geht das bei gewissen Anklagen vergessen.

Gesellschaftlich hat ein solches Verhalten von Eltern, Schulbehörden, LehrkollegInnen einfache Konsequenzen: Da der Schutz der Erwachsenen nicht gewährleistet ist, wird sich manch fähige(r) LehrerIn fragen, ob er/sie nicht lieber beruflich umsattelt, weil er/sie stets mit einem Fuss im Gefängniss steckt. Das gilt ebenso für andere Berufsgattungen und natürlich Eltern, die in der gleichen Falle stecken. Langfristig muss sich hier etwas ändern. Wenn die Hysterie noch weiter zunimmt, mit der betreuende Erwachsene behandelt werden, schadet sich unsere Gesellschaft selbst.

Kinofilm „Jagten“

Der Bund hat in seinem E-Paper und Papierausgabe eine Beschreibung des Films „Jagten“. Online ist zuoberst bei den Filmen ein Bild zu sehen.

Thema: Eine Sechsjährige verwechselt Realität mit Wunschdenken. Weil sie sich zurückgesetzt fühlt, macht sie Andeutungen, dass ein Mann, der beste Freund ihres Vaters, sie missbraucht habe. Darauf wird der Mann zum Gejagten. Laut Bund versteht er es nicht, sich zu wehren. Die unbedachte Bemerkung des Kindes bringt eine Lawine ins Rollen.

Ich habe den Film nicht gesehen. Zu dem Thema brauche ich keinen Film, die Realität ist mir dramatisch genug. Dennoch finde ich es bemerkenswert, dass ein Psychiater den Filmregisseur auf das Thema hingewiesen hat, dass nicht immer die armen Kinder die Opfer sind.

Wenn die Kritik im Bund stimmt, dann scheint der Regisseur Probleme zu haben, sich in die Situation des verfolgten Erwachsenen hineinzufühlen, während er bei seinem ersten Film den Inzest in einer Familie mit aller Dramatik inszeniert haben soll.

Vorausgesetzt, dass das so stimmt, was ich mir gut vorstellen kann, heisst das für meine Schreibarbeiten:

In der Kunst, im Film ist das Thema angekommen, dass Kinder auch nur Menschen sind und Fehler machen. Sie haben ihre eigenen Gefühle und sind manchmal wütend, fühlen sich zurückgesetzt, wollen mehr Beachtung oder was auch immer. Das Thema ist angekommen, aber der Erwachsene wird im Bund als Waschlappen bezeichnet. Es wäre ein interessanter Gedankengang, sich für einen solchen Fall eine fruchtbare Verteidigungsstrategie auszudenken.

Mir fehlt bisher ein Beispiel aus der Realität, in der sich ein erwachsener Mensch erfolgreich wehren konnte, ohne dass sein Leben auseinandergebrochen wäre.

Offensichtlich ist es selbst für einen Filmregisseur nicht die richtige Zeit, um sich voll hinter einen fälschlicherweise verdächtigten Erwachsenen zu stellen. So heikel ist das Thema, so klar die Täter- und Opferrollen: armes Kind, böser Erwachsener.

Aber immerhin ein zögerlicher Anfang ist gesetzt. Unsere Welt wird nicht gerechter, wenn Erwachsene schlecht behandelt werden und Kinder alles behaupten können. Gerechter und fairer wird unsere Welt, wenn im Zweifelsfall alle Seiten, ohne Vorurteile und Vorverurteilung, angehört werden und sich die zuständigen Stellen ein möglichst klares Bild verschaffen. In einem Rechtsstaat, wie der Schweiz, sollte im zweifelsfalle für den Angeklagten entschieden werden.

Damit mich alle richtig verstehen: Ich plädiere hier nicht für Erwachsene, die Kinder missbrauchen. Ich setze mich ein gegen den Generalverdacht, unter den alle Erwachsenen geraten, nur weil einige sich fehlbar verhalten. Ich bin für Fairness allen gegenüber. Ich bin dafür, dass wir unsere Gesellschaft so organisieren, dass mit solchen Vorwürfen ganz sorgsam umgegangen wird.

Kinderschutzmassnahme zum wievielten?

Im heutigen Bund ist die Geschichte einer jungen Mutter erzählt, der im Wochenbett eröffnet wird, dass ihr die Obhut über ihr neugeborenes Kind entzogen werden wird. Die Geschichte ereignet sich in Thun.

Seit den 1. Januar 3013 sollte doch im Erwachsenen- und Kindschutzrecht alles viel besser und professioneller sein. Der Artikel im Bund belehrt uns eines bessern: Die gleichen Behördenmitglieder sitzen in den Gremien wie vor dem 1. Januar dieses Jahres. Wenn da neu Fachleute hinzukommen, ist doch davon auszugehen, dass bisherige Behördenmitglieder ihre bereits gefällten Entscheide mit Engagement verteidigen werden. So auch in dem Artikel:

Die Eltern in diesem Fall sind im Scheinwerferlicht. Seit 2010 ist das Leben der Kindsmutter in schriftlichen Gutachten, Protokollen und Briefen festgehalten. Wörtlich im Bund: „Trennung vom damaligen Partner, Diagnose einer postnatalen Depression, Gefährdungsmeldung durch die damalige Hebamme, Diagnose einer schizoaffektiven Störung.“

Die Hebamme, die der Mutter nach der Geburt des zweiten Kindes helfen soll, entpuppt sich als Gefährdungsmelderin. Eine postnatale Depression gehört behandelt und Depressionen gelte als gut behandelbar. Trennung von Partner und damit verbundene Schwierigkeiten gehören zum Alltag in der heutigen Gesellschaft. Während der Tod eines Partners als Grund zum Trauern anerkannt ist und Hilfe angeboten wird, ist es bei Trennungen viel schwieriger Verständnis zu finden. Ganz zu schweigen von der Last, die auf den Schultern einer alleinerziehenden Mutter liegt und dem Risiko in die Armut abzugleiten. Zum Begriff schizoaffektiven Störung hilft wikipedia weiter. Da lasse ich mich nicht darauf ein, zumal die Abgrenzung von der Depression unklar scheint.

Im Bundartikel wird später erwähnt, dass die Frau ein Medikament einnimmt. Damit ist klar, dass sie sich ihren Problemen stellt und in Behandlung ist.

Kinderfeindlicher Kinderschutz

Selbst wenn ein Mensch gesund ist und dauernd unter Beobachtung steht, ist das anstrengend und eine Herausforderung. Wie erst, wenn ein Mensch eigentlich Unterstützung und Hilfe bräuchte und statt dessen ins Scheinwerferlicht gestellt wird und die geringste Unbesonnenheit oder Schwäche gegen ihn verwendet wird. Wie soll eine Mutter ihren Alltag meistern, wenn sie ständig im Hinterkopf denken muss: Wenn das Geringste passiert, werden mir meine Kinder weggenommen oder in dem Fall wieder weggenommen. Ein Rechtsstaat, der so auftritt ist familien- und v.a. kinderfeindlich, obwohl er von sich das Gegenteil behauptet.

Die beiden älteren Halbgeschwister des Säuglings, wurden fremdplaziert, als das Jüngere von ihnen wegen einem Sturz im Inselspital behandelt wird. Was soll die Mutter machen, wenn eines Ihrer Kinder medizinische Hilfe braucht? – Dieser Generalverdacht, unter den Eltern gestellt werden, ist heute allgegenwärtig. Sollen sich Kinder gesund entwickeln können, wenn sie von der Mama ins Spital gebracht werden und dann von der Mama wegmüssen und in einer Familie plaziert werden (freikirchlich), die die Werte der Mutter nicht lebt und nicht praktiziert. Kinder in eine freikirchliche Familie zu geben, kann per se zu einer Störung ihrer Persönlichkeit führen, weil die ganze Frage der Schuld – Jesus ist für dich gestorben; du bist ein Sünder –  kleine Kinder in der Regel überfordert. – Erinnern wir uns daran, dass es bei Kinderschutzmassnahmen immer um das Wohl der Kinder gehen sollte. Was immer dieser schwammige Begriff heissen soll.

Einsicht der Behörden gesucht

  1. Es gild dabei zwei Grenzen zu beachten: Eltern können ungerecht behandelt werden und Kinder können ungerecht behandelt werden.
  2. Eltern können Unrecht tun oder versagen und Kinder können wissentlich oder unwissentlich Unrecht in Gang bringen, so dass ihre Eltern von den Behörden vorgeführt werden.

Gemeinsam ist den Geschichten, bei denen Eltern Unrecht erleiden, dass sie sozial schwach sind. Dieser Umstand kann jederzeit aus der Schublade hervorgeholt werden, er ist aktenkundig und als Regel gilt: Einmal schwach, immer schwach, ausser ein Mensch kann sich durch veränderte, äussere Umstände endlich wehren.

Im Bundartikel wird erwähnt, dass es in den letzten Jahren immer mehr Kinderschutzmassnahmen gibt, also Kinder ihren Eltern weggenommen werden. Nach Erklärungen werde noch gerungen.

Ich bin ganz klar der Meinung, dass hier, heute Eltern Unrecht geschieht, weil Behörden irgendetwas machen, um etwas gemacht zu haben. In einigen Jahrzehnten werden die heutigen Fälle aufgearbeitet werden müssen, wie heute die Fälle bis anfangs 80er Jahre aufgearbeitet werden.

Dass vereinzelt Kinder vor Schlägen, Missbrauch und psychischen Schäden bewahrt werden, glaube ich gern. Aber ich gehe davon aus, dass das eher die Ausnahme ist.

Was bringt es den beiden älteren Halbgeschwistern, wenn sie, in dieser Reihenfolge, bei der Mutter, bei einer Pflegfamilie, bei der Mutter, beim leiblichen Vater und wie die Geschichte weitergeht, weiss noch keiner, aufwachsen? Mit etwas gesundem Menschenverstand sieht jeder sofort, dass diese Kinder keine Sicherheit haben können, weil sie herumgereicht werden, wenn etwas passiert. Vielleicht fühlen sie sich sogar schuldig, weil sie denken, es liege an ihnen, dass sie die Mutter verlassen müssen. Diese Wahrnehmung unterläuft oft Scheidungskindern.

Kinder sollten nicht in Familien aufwachsen müssen, in denen ihre Eltern vor unserem freiheitlichen Rechtsstaat Schweiz Angst haben müssen und sich nur noch ohnmächtig fühlen. Der Staat sollte nicht mächtig sondern helfend auftreten, dann wäre dem Leiden der Kinder und Eltern ein echtes Ende gesetzt. Oft wird von den Behörden eine Überanpassung verlangt.

Es kann nicht das Ziel einer Gesellschaft sein, dass alle ihre Mitglieder gleich sind. Wer gegen den Strom schwimmt, ist ein interessanterer Mensch und wer nur wer anders denkt, bringt grossartige Leistungen hervor.

Nachtgedanken

Fortsetzung des Artikels „Hast du Kinder?“

Nachtgedanken

Wie so oft lag sie nachts wach. Sie hatte ein Buch gelesen und der Inhalt beschäftigte sie, steuerte den Gang ihrer nächtlichen Gedanken. Das Buch handelte von einer alten Frau, die sich erfolgreich für ihre Freiheit einsetzt. Von da waren ihre Gedanken zu ihrer Grossmutter gewandert, einer Frau, die aus heutiger Sicht Altersdepressionen hatte. Sie klagte ununterbrochen. Keiner konnte verstehen warum. Hinter ihrem Rücken machte sich sogar der Arzt über seine Patientin lustig. Gestorben war sie an einem unerkannten, akuten, behandelbaren Beschwerden. Ein unnötiger Tod: Keiner hatte im Spital die Schilderung ihrer Beschwerden ernst genommen. Darauf hatte sie an ihren Vater gedacht. Viele Gedanken waren ihr vertraut. Einer traf sie wie ein Blitz. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Es war ihr immer klar, dass sie viele Eigenschaften ihres Vaters geerbt hatte. Bei einigen hoffte sie, dass es nicht so sei. Er hatte sich in gewissen Situationen nicht durchgesetzt, während in anderen seine Fähigkeiten geachtet und anerkannt waren.

In dieser Nacht, in dem Augenblick hatte sie ein Puzzelstück ihres Lebens gefunden oder vielmehr das Scharnier der immer gleichen Tür, die ihr in ihrem Leben des öftern ins Gesicht geschlagen wurde. Ein Puzzelstück ist ein kleiner Teil, eines Bildes in einem Leben. Ein Scharnier kann zu unterschiedlichsten Lebensperioden die gleiche Tür bewegen:

Sie hatte daran gedacht, wie ihre Mutter als junge Frau, ihren Vater dazu gedrängt hatte, gegenüber Freunden den Kontakt aufzukünden. Eines Tages hatte sie sich als Tochter auf dieser schwarzen Liste befunden und entsprechend wurde dem Vater und ihr der gegenseitige Umgang von der Mutter verboten. Daran hatte sich der Vater bis zu seinem Tod gehalten und ihr blieb nichts anderes übrig, als diesen Umstand zu akzeptieren. Es war ihr klar gewesen, dass ihr Kind, das den Umgang mit ihr aufgekündigt hatte und ihr damit beide Kinder entfremdete, das grossmütterliche Verhalten wiederholte. Was in dieser Nacht für sie neu war, war die Einsicht, dass ihr eigenes Schicksal parallel zu dem ihres Vaters lief. In ihrem Leben wiederholte sich, was ihr Vater erlebt hatte.

Bis zu der Nacht hatte sie immer gedacht, dass sie etwas falsch gemacht hätte mit ihren Kindern, dass ihr ein Fehler unterlaufen wäre, den sie übersehen hätte. Ihr Vater hatte nichts falsch gemacht. Ihre Mutter hatte unmissverständlich gefordert, dass Leute aus dem Leben gekippt wurden und auf der schwarzen Liste landeten. Ihre Mutter kannte weder Erbarmen noch Grenzen. Sie ging bis zum Ende.

Dieser Gedanke ist wichtig, dachte sie. Den darf ich nicht mehr vergessen. Er hilft mir, Frieden mit meinem Leben zu schliessen. Ewig will ich nicht unter dem leiden müssen, was mir meine Mutter, meine Kinder und andere Menschen antun.