Abschied

Lange habe ich sie nicht mehr gesehen, am 7. Januar 2017 ist sie ihrer Krankheit erlegen.

Begegnet ist sie mir als Kommunikationsbeauftragte einer Behindertendachorganisation. Ihr Lebenswille und ihr Humor waren ansteckend. Schon damals hat sie sich für Mensachen mit ihrer Erkrankung politisch eingesetzt, innovativ, frech und überzeugend. Sie verstand es, die Massern zu mobilisieren, sie machte auf ein bekanntes, ungeliebtes Thema überzeugend aufmerksam.

Gleichzeitig stellte sie ihre Fähigkeiten in den Dienst von Menschen mit Behinderungen, krempelte die Ärmel hoch und unsere Begegnungen waren stets interessant und unterhaltend, nie war Aufgeben ihr Thema.

Meine Lebenssituation war anfänglich viel eingeschränkter als ihre, ich war tief unten auf der Leiter, ich war im IV-Verfahren angekommen, welches sich über qualvolle Jahre hinzog, mit den logischen gesundheitlichen Folgen für mich. Sie, ein Jahrzehnt jünger als ich, war im ersten Arbeitsmarkt berufstätig. Meine Ideen und Anliegen unterstützte sie, sie versicherte mir glaubhaft, dass ich trotz fehlender Orthographie und ohne die Fähigkeit, die Kommaregeln korrekt anzuwenden, mich schriftlich äussern konnte und meine Fehler von einer Fachperson mit Leichtigkeit zu eliminieren seien.

Wenn ich für die Zeitschrift ihrer Organisation schrieb, kamen meine Texte rot eingefärbt zurück, was sie mit einem Lachen wegwischte. Selten stritten wir uns um Inhalte und ich lernte einige journalistische Regeln. Viel habe ich ihr zu verdanken, sie führte mich gekonnt zu meinen Stärken und ermunterte mich, meiner Wahrnehmung, die sie stets als  Bereicherung menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten empfand, treu zu bleiben und sie gekonnter auszudrücken.

Ihre Krankheit führte sie an den Punkt, den ich Jahre zuvor durchschritten hatte, IV-Verfahren. Im letzten Jahr waren ihre Krankheitstage aufgebraucht, sie verlor ihre Arbeitsstelle, für ihr Arbeitsteam muss das eine qualvolle Erfahrung und Belastung gewesen sein. an irgendeinem Punkt ging es gesundheitlich rasant abwärts.

Hin- und hergerissen zwischen dem Dank für die Erlösung, die ihr früher Tod bedeutet und dem Verlust, sie als Person und Fachfrau jetzt vermissen zu müssen, bewegen sich meine Gefühle.

Es bleibt die Dankbarkeit für die gemeinsamen Begegnung, für die Bereicherung, die sie für uns beide bedeuten und für mich den Auftrag, weiterhin den Weg, den sie mir bereitet hat, zu beschreiten. In Dankbarkeit und Erinnerung an dich,

Wie Ort

 

 

 

 

 

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Was Topmanager nicht wissen wollen

Bekanntlich schaut Vasella treuherzig in die Kamera und erzählt, dass er seinen Lohn wert ist, weil er besonders viel leistet.

Na ja,  denkt da der eine oder andere, ich habe auch meinen langen Arbeitstag und die Hausfrau und Mutter denkt, danach ist meine Arbeit noch längst nicht zu Ende. Statt netzwerken mit Cüpli oder Arbeitsessen geht es um zahnende Kinder, Schulaufgaben und schmutzige Windeln.

Das alles ist bekannt. Wozu ich schon lange einen Artikel suche und jetzt endlich in der Sonntagszeitung gefunden habe, ist, wo die wirklich top geforderten Arbeitsnehmer ihre Leistung erbringen.

Im zweiten Arbeitsmarkt. Es wird beschrieben, wie der Druck auf die Firmen wächst, die behinderte Menschen im zweiten Arbeitsmarkt anstellen. Im zweiten Arbeitsmarkt bekommen die ArbeiterInnen praktisch keinen Lohn, es sind IV-RentnerInnen, Kranke und Arbeitslose. Das Ziel wäre die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.

Jetzt, in der Krise, wird Der Druck der Wirtschaft, die die Aufträge erteilt an die Firmen des zweiten Arbeitsmarkts weitergegeben. Weil diese Firmen nicht mehr von der IV direkt sondern von den Kantonen unterstützt werden, kann es sein, dass weniger Geld fliesst.

Pirmin Willi, Leiter der Stiftung Brändi in Luzern, tippt kurz Zahlen in seinen Taschenrechner und zeigt schliesslich sein Resultat: Im Vergleich zu 2008 erhält er 2013 2,8 Millionen Franken weniger vom Kanton. «Man versucht das zu kompensieren, indem man neue Kunden findet, aber das ist alles andere als einfach», sagt er.

Die Leiter dieser Firmen versuchen den erhöhten Druck nicht an die Arbeitnehmer weiterzugeben. Ich denke nicht, dass das gelingt. Behinderte und andere am Rand der Gesellschaft stehende Menschen spüren sehr genau, was Sache ist.

Akkordarbeit mit IV-RentnerInnen, in meinem Kopf will das nicht zusammenpassen. Behinderte Menschen, die nur schlafen und arbeiten, zu müde sind, um etwas Freizeit zu haben. Depressive, die aus dem ersten Arbeitsmarkt fielen, weil er zu stressig war und sich in einem zweiten Arbeitsmarkt wiederfinden, der Einzeltätigkeiten und Fliessbandarbeit verlangt, also zusammenhangslose Akkordarbeit. Besonders schlimm sind die behinderten Menschen, die sich nicht wehren können und gesundheitliche Schäden davon tragen.

Bei Band hatte die Krise noch keine grösseren Auswirkungen auf die Belegschaft. Doch eine Umfrage unter anderen Betroffenen zeigt gravierende Fälle. «Bei uns zählte am Schluss nur noch, möglichst viel Geld zu machen», erzählt ein Behinderter aus Genf. «Wir mussten laufend mehr schaffen in immer weniger Zeit.» Der Mann ist zu 100 Prozent IV-Rentner, weil er unter epileptischen Anfällen leidet. Die Einzige, die ihn vor seinen Krämpfen warnen kann, ist seine Labrador-Hündin. Wenn sie spürt, dass ein Anfall kommt, gibt sie ihm ein Zeichen, damit er sich vorbereiten kann. Schliesslich hat ihm seine Behindertenwerkstatt verboten, die Hündin mit zur Arbeit zu nehmen. Er hat nach 15 Jahren gekündigt.

Um die Produktivität zu steigern, setzen einige Werkstätten die Behinderten auch am falschen Ort ein – bis es zu Unfällen kommt. Sozialarbeiter Vincent Flament schreibt in seiner Abschlussarbeit an der Fachhochschule Wallis, wie Frau H. in einer Lausanner Werkstatt zum Bügeln eingeteilt wurde, obwohl ihr das Schmerzen bereitete. Ein anderer Zeuge berichtet, wie eine Dame, die an der Glasknochenkrankheit leidet, in der Telefonzentrale einer Genfer Institution eingesetzt wurde. Prompt habe sie sich den Arm bei der Bedienung eines nicht behindertengerechten Telefons gebrochen.

 

Eigene Erfahrung

Als ich selbst, schwerst depressiv solche Arbeiten erledigen sollte, war ein trockener Kommentar von Freunden: „Wer nicht schon vorher depressiv war, wird spätestens bei einer solchen Tätigkeit depressiv.“ – Ich musste auf Milimeter genau mit Farbpapier, doppelseitiger Klebefolie, Massstab, Schere und Bleistift Kleber herstellen, die in Prospekten über einen nicht mehr aktuellen Text geklebt wurden.

An einem anderen Arbeitsplatz sollte ich in einem Grossraumbüro einfache Büroarbeiten erledigen. Ein Grossraumbüro ist für meine Behinderung ein Stress. Die PCs wurden ständig überwacht. Der Vorteil war, dass ich mit andern essen konnte. Dem Stress, sinnlose Arbeit zu erledigen, war ich nicht gewachsen. Nach einem Hochschulabschluss und 16 Jahren Berufserfahrung, eigne ich mich nicht für eine kaufmännische Anlehre.

Was mich beelendet an dem Artikel der Sonntagszeitung ist, dass er recherchiert ist, quer durch die Schweiz. Im Welschland, im Kanton Bern, Luzern, St. Gallen, Zürich. Vernünftigerweise denke ich, dass wo ein Problem besteht, eine Lösung gesucht wird. Aber so ist es nicht:

Wenn der Kanton bei der Unterstützung des 2. Arbeitsmarktes spart und die ArbeitnehmerInnen in den 3. Arbeitsmarkt, nämlich die geschützten Werkstätten abwandern, ist niemandem gedient. Die behinderten Menschen sind ausgegrenzter, im Artikel wird schnörkellos festgehalten, dass in geschützten Werkstätten Artikel hergestellt werden, die sich nur schlecht verkaufen lassen.

Kurz, das Ganze wird teurer, einfach aus einem anderen Kässeli. Ich werde wohl nie verstehen, wie in solchen Zusammenhängen die rechte Hand nicht wissen will, was die Linke tut. Irgendwo dazwischen triffft es Menschen, wie dich und mich, die verunsichert sind und deren Gesundheit leidet.

Behindert sein ist das eine. Behindert und krank ist etwas ganz anderes.

Wer leistet mehr? Der, der viel Lohn heimträgt oder der, dessen Körper so ausgepresst wird, dass seine Gesundheit leidet?

 

„Luzern muss Lehrer entschädigen“

So ein Titel in der Papierausgabe des Bundes vom 31. 1. 2013.

Der Lehrer war im Jahr 2004 verdächtigt worden, SchülerInnen seiner Kleinklasse missbraucht zu haben. Ein sechsjähriges Martyrium folgte. Am Schluss blieb von all den Anklagen nichts übrig, der Lehrer wurde freigesprochen. 2004 war er 38 Jahre alt. Zwei Jahre später muss er sich einer Herzoperation unterziehen und lebt jetzt von einer IV-Rente. Das Gericht behauptet nun, die Herzoperation habe nichts mit der Anklage zu tun und hat die Entschädigungsforderung von über 800`000.- Franken auf 190`000.- plus 50`000.- Franken reduziert.

Ich stelle mir einige Fragen und mich beschäftigen Gedanken zu dem Zeitungsartikel. Hat ein nun etwa 47 jähriger Mann nach dieser Vorgeschichte noch eine Chance? Mich würde es nicht wundern, wenn er in seinem ursprünglichen Berufsalltag nie mehr Fuss fassen kann. Wenn er SchülerInnen sieht, kann ihm seine Geschichte in den Sinn kommen und durch das Trauma ist er nicht mehr fähig zu unterrichten. Vielleicht ist das Trauma umfassender, weil auch erwachsene Menschen ihn zu Unrecht beschuldigt haben. Wie soll er erwachsenen Menschen trauen? Hatte er in seiner schweren Zeit Freunde oder Familie, die zu ihm hielten oder wollte „mit-so-einem“ keiner mehr etwas zu tun haben? Was an Beziehungsnetz bleibt übrig, wenn ein Mann/eine Frau mit der Anklage „sexueller Missbrauch von KleinklassenschülerInnen“ konfrontiert wird?

Ein Vorwurf ist besonders erwähnt: Dem Lehrer wurde vorgeworfen im Klassenzimmer einschlägige Bilder heruntergeladen und den SchülerInnen gezeigt zu haben. Technisch ein Ding der Unmöglichkeit, weil es keinen Internetzugang gab. Da spätestens wäre Vorsicht geboten gewesen. Aber es ist wohl eher andersrum. Dank dem, dass es technisch unmöglich war, konnte dieser Vorwurf am Schluss nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Ein(e) SchülerIn macht keine Falschaussage

Mich würde interessieren, warum fast alle SchülerInnen der Klasse ursprünglich zur Anklage beitrugen. Von zwölf SchülerInnen sagten elf aus, dass der Lehrer sie missbraucht habe. Ein(e) SchülerIn liess sich nicht in den Lügensumpf ziehen. Das finde ich bemerkenswert, wie ein Kind/Teenager mit seinen Eltern sich von der Verunsicherung nicht mitreissen lässt, die geherrscht haben muss und keine Falschaussage am Mittagstisch oder im Kinderzimmer zusammengetragen werden. Wie entstehen Falschaussagen? Legen die Erwachsenen den Kindern Worte in den Mund oder entspringen diese Falschaussagen der Phantasie der Kinder?

Ich finde die eine Ausnahme umso bemerkenswerter, als dass es für SchülerInnen wichtig ist, dass sie in der Klasse sozial integriert sind, das wird als soziale Fähigkeit gewertet. So ganz glaube ich natürlich nicht, dass es erstrebenswert ist, mit der Masse mitzulaufen. Natürlich ist es einfacher. In dem Fall hier aber war es das einzig Richtige. Wer von Anfang an die Wahrheit sagte und aussagte, blieb bis zum Schluss glaubwürdig. Alle andern, hier die Mehrheit, mussten ihre Aussagen zurücknehmen, mit oder ohne Einsicht.

Fallzahlen?

Wieviele Kinder und Jugendliche werden sich noch einen Spass daraus machen, LehrerInnen, Eltern oder andere Bezugspersonen mit Vorwürfen zu konfrontieren, die keinen Grund  haben. Wann endlich wird unsere Gesetzgebung die Verantwortung übernehmen und für das Recht einstehen. Was nützt ein Gericht, das Recht spricht, wenn durch die Anklage das leben eines Menschen verpfuscht wird? Es geht nicht an, dass ein 38 jähriger Lehrer um seinen Beruf betrogen wird, seine Gesundheit geschädigt wird und er den Rest seines Lebens als IV-Rentner verbringen muss.

Ihm und allen andern seiner LeidenskollegInnen und damit meine ich nicht nur fälschlicherweise angeschuldigten LehrerInnen sondern alle Erwachsenen, die zu Unrecht von Kindern und Jugendlichen mit Falschaussagen bei Gerichten oder Behörden angeschwärzt werden, ihm und allen diesen Erwachsenen steht ein Leben in Würde zu. In einem Rechtsstaat muss ein Vorwurf sorgfältig geprüft werden, aber eine allumfassende Vorverurteilung entspricht nicht unserem Rechtsverständnis. Im Zweifelsfall für den Angeklagten lautet es noch immer. Gesellschaftlich geht das bei gewissen Anklagen vergessen.

Gesellschaftlich hat ein solches Verhalten von Eltern, Schulbehörden, LehrkollegInnen einfache Konsequenzen: Da der Schutz der Erwachsenen nicht gewährleistet ist, wird sich manch fähige(r) LehrerIn fragen, ob er/sie nicht lieber beruflich umsattelt, weil er/sie stets mit einem Fuss im Gefängniss steckt. Das gilt ebenso für andere Berufsgattungen und natürlich Eltern, die in der gleichen Falle stecken. Langfristig muss sich hier etwas ändern. Wenn die Hysterie noch weiter zunimmt, mit der betreuende Erwachsene behandelt werden, schadet sich unsere Gesellschaft selbst.

Erfolg 5. IV-Revision

Wie immer, wenn das BSV Zahlen verkündet und frohe Erfolgsmeldungen in die Welt setzt, werden hier die Details geprüft, liest Mia die entsprechende Studie. Mit einem Zauberhändchen findet sie blitzartig auf der Seite der Eidgenossenschaft, was sie sucht. Ich habe noch nicht begonnen, weil ich regelmässig das, was ich suche nicht finde.

Auch ohne Recherche ist ganz klar und das wird vom BSV natürlich nicht offen diskutiert:

  • Es wurden noch keine Zahlen publiziert, wieviele behinderte Menschen ihren Arbeitsplatz dank der 5. IV-Revision behalten konnten.
  • Ganz wichtig wäre auch zu wissen, welcher Arbeitsplatz stand echt in Gefahr und wo hat die IV eingegriffen, um ihre Statistik aufzupolieren. – Wenn ich die Zahl noch richtig im Kopf habe, kommt die IV nach einem Monat Krankheitsabwesenheit ins Spiel. Da wird – vermute ich – viel zur Optimierung der Statistik getan. z.B. ein komplizierter Beinbruch führt in der Regel nicht zum Verlust des Arbeitsplatzes, weil die Einstellung der Gesellschaft eine andere ist.
  • Auszuweisen wäre auch die Zahl derer, die aus der Rente ausgegliedert und stellenlos auf dem Sozialamt gelandet ist oder der unwürdigen Finanzierung durch Angehörige: Mancher, der essen will und ein Dach über dem Kopf braucht, muss einfach schweigen, weil er in der Position des Schwachen ist. Ich habe früher an meinem Arbeitsplatz gesehen, wie Angehörige z.B. mit Demenzkranken umgesprungen sind. Natürlich ist es eine Frage der Überforderung. Mancherorts war es eine Frage des Geldbeutels: Der Demenzkranke wird in keine Institution gebracht, sondern vermeintlich liebevoll zuhause gepflegt und so bleibt das Erbe beisammen.

Genau bei der letzten Zahl hat Radio DRS gemeldet, dass eher ein Rückgang zu vermelden sei, dass trotz vermehrter Anstrengung weniger Menschen eingegliedert werden konnten. Ursula Schaffner von AGILE hat es auf den Punkt gebracht: Solange die Arbeitgeber nur fordern und keine Arbeitsplätze für behinderte Menschen zur Verfügung stellen, kann die IV Revision um Revision durchziehen und an den Arbeitsplätzen für behinderte Menschen ändert sich nichts.

Was in diesem Zusammenhang natürlich nicht erwähnt wurde: Die Situation der Behinderten verschlechtert sich von Revision zu Revision. Im Gegenteil: „Arbeit vor Rente“ ein Gedanke, der seit der Geburt der IV Pate stand, so neu also nicht ist, diese Neuausrichtung habe den RentnerInnen viel gebracht. Besonders die Menschen, die keine IV zugesprochen bekamen, werden sich dankbar an die Revision erinnern. – Man erinnere sich rasch an fragwürdige Methoden von Medas- und ABI-Gutachtern und die Diskussion, ob sie von der IV unabhängig seien.

Wer keinen Juristen hat oder sonst jemanden, der gegenüber der IV seine Interessen vertreten kann, bekommt heute kaum mehr eine Rente. Ob das vom Volk so gewollt ist?

„Hast du Kinder?“

Von den behandelnden Ärzten war sie ermuntert worden, sich ein neues Beziehungsnetz aufzubauen. Nach Jahren der Krankheit, war nicht viel übrig geblieben, berufstätig war sie nicht und die finanzielle Lage desolat. Zudem hatte das Sozialamt sie verpflichtet, Freiwilligenarbeit zu leisten. – Später würde ihr Invaliditätsgrad 100% betragen, aber zu dem Zeitpunkt interessierte das noch niemanden.

Zu ihrer Zeit und in dem Land, in dem sie lebte, herrschte die Ansicht, dass wer Sozialhilfe bezieht, dafür etwas leisten muss. In ihrem Fall musste sie sich glücklicherweise für keine Stellen bewerben, weil das IV-Verfahren lief und all Ihre Bemühungen nach Integration fehlgeschlagen waren. Zugegeben, die angebotenen Arbeitsplätze waren allesamt ungeeignet. An einem hatte sie die Dosis der Benzodiazepine erhöhen müssen. Einfache oder einfachste Arbeiten waren ihrem Ausbildungsstand unangemessen und sie fühlte sich in schmutzigen Räumen mit vielen geschwächten, suchtkranken oder vom Schicksal gezeichneten Menschen nicht sehr wohl. Sie hätte Stabilität, Freundlichkeit und einen kleinen, übersichtlichen Rahmen gebraucht, um ihre Fähigkeiten, die sie durchaus noch besass, entfalten zu können. Aber sowas war in den Mühlen der IV nicht vorgesehen. Vielleicht war das so gewollt, weil behinderte Menschen das zu tun haben, was ihnen aufgetragen wird und nicht selbst denken sollen. Sie aber hatte immer selbst gedacht. Sie konnte sich seit Kindsbeinen an nichts anderes erinnern. Manchmal erschrak sie selbst über ihre Schnelligkeit, mit der sie Zusammenhänge erfasste und faule Strukturen durchschaute. Der zweite Arbeitsmarkt hatte, soweit sie ihn kennen gelernt hatte, Schlagseite.

Sie hatte sich noch nicht an ihre Einsamkeit gewöhnt. Ihre letzte lebhafte Erinnerung an ihr Kind war, dass dieses die Augen senkte. Dieses Niederschlagen der Augen hatte sie mitten ins Herz getroffen, obwohl sie sehr krank war. Das also war das Ende einer Kindheit, bloss auf Jahre wie ihr gutmeinende Menschen tröstend versicherten oder bis zum Ende ihres oder des Kindes Leben? Sie wusste es nicht, hatte Angst irgendetwas an diesem Schmerz zu bewegen, der zurückgeblieben war.

Zuerst zog es ihr, krank, wie sie war, den Boden unter den Füssen weg. Lange wäre sie lieber tot gewesen. Sie sprach kaum über ihr Muttersein. Sie sprach von allem andern, das sie in ihrem Leben gemacht hatte. Da war ihre Ausbildung, ihr Beruf, all die Jahre ihrer Berufstätigkeit, das Glück, dass sie in ihren Hobbies fand, das Leben, das sie im Schnellzugtempo gelebt hatte, weil sie spürte, dass der Boden unter ihren Füssen wackelte. Nie hätte sie sich vorgestellt, dass der Sturz so tief sein würde. Aber sie hatte gegen allen Widerstand das gemacht, was ihr wichtig war, damit sie später nichts bereuen müsste. Ihren Berufswunsch hatte sie gegen ihre Eltern durchgesetzt und war später froh darüber. Ohne genau diese Ausbildung wäre sie im Beruf unglücklich gewesen und wäre heute, wo sie auf Versicherungsleistungen angewiesen war, viel schlechter gestellt. Bei aller Sparsamkeit legte sie doch Wert auf gewisse Annehmlichkeiten.

Sie hatte früh geheiratet, sich später scheiden lassen und in einer zweiten Ehe nochmals das Glück versucht. Alles, was sie gelebt hatte, konnte ihr niemand nehmen. Aus späterer Sicht waren die Ehen nicht gut. Allerdings wusste sie genau, dass sie nichts besseres zustande gebracht hätte. Bis zum heutigen Tage hatte sie keinen Mann kennen gelernt, mit dem sie hätte alt werden wollen. Deshalb wohl war ihr der Friede mit ihrem Berufleben so wichtig. Wie alle Menschen schaute sie gern auf das zurück, was ihr gelungen war.

Was ihre Kindererziehung anbelangte, hatte sie kein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihren Kindern das gegeben, was sie konnte. Sie hatte sie mit den Werten behandelt, die ihr wichtig waren. Jetzt hatten sich die Kinder entschlossen, die Werte kennen zu lernen, die ihr widerstanden. Beide Kinder mussten selbst entscheiden, was sie wollten. Ihr als Mutter stand es nicht zu, sich hier einzumischen. Aber als sie viel zu früh alleine dastand, hatte sie langsam wieder Boden unter die Füsse bekommen. Sie hatte sich nach neuen Kontakten umgesehen. Sie hatte bei der Freiwilligenarbeit Menschen kennen gelernt. Nach einigen einschlägigen Erfahrungen hatte sie auf die Frage: „Hast du Kinder?“, mit einem flotten: „Nein“, geantwortet. Sie brauchte im Leben Schutz gerade in dieser schwierigen Situation und nicht Mütter oder Väter, die sie fassungslos und mitleidig anschauten und sie in die Schublade „Rabenmutter“ steckten. Was wussten diese Heile-Welt-Menschen schon von ihrem Leben, den Intrigen, die gegen sie gesponnen wurden und all den Ungereimtheiten, die sich zufälligerweise nur gerade in ihrem Einzelfall angesammelt hatten. Eines Tages, das wusste sie, würde sie sich wehren. Sie wusste es sicher und fest. Sie konnte warten, hatte Geduld und Ausdauer. Denn eines hatten all ihre Gegner übersehen: Sie konnte schreiben.

Aussensicht

Vor einigen Jahren war in Zürich eine Tagung zum Thema Hirnverletzung: Im Zusammenhang mit den IV-Revisionen ist es für viele behinderte Menschen schwierig, sich zu orientieren: Gehöre ich zu den 15 %, deren Rente überprüft wird, wie schwer behindert, bin ich eigentlich. Angst geht um. Daneben gibt es Behinderungen, die als solche nicht akzeptiert werden, weil die heutigen Methoden der Medizin noch nicht ausreichen, um sie nachzuweisen. Die IV richtet keine Rente aus und der behinderte Mensch soll arbeiten. Berühmt geworden ist die Formulierung „zumutbare Willensanstrengung“ für Schmerzpatienten.

Ein Referent an dieser Tagung war Dr. Zangger. Er war so freundlich und stellte seine Zusammenfassung ins Internet.  Es geht um Patienten, die eine Hirnverletzung erlitten haben und deren Persönlichkeit nach diesem Vorfall verändert sein kann

Zitat:

…..verminderter Antrieb, eingeschränkte Kritikfähigkeit,
Selbstüberschätzung mit verminderter bis fehlender Störungseinsicht, gereiztere Reaktion
schon auf leichten Stress, erschwerte soziale Kommunikation, Verlangsamung, und Leistungsschwankungen.
Wegen der primären „Unsichtbarkeit“ werden diese Störungen auch
von der Umwelt (Familie / Freunde, Arbeitgeber, Gesellschaft) oft nur teilweise und verzögert
wahrgenommen. Sie werden auch schlecht verstanden und deshalb nicht als Folge der
Hirnverletzung akzeptiert…..

Ende Zitat

Solche Eigenschaften sind auch bei Menschen zu beobachten, die bei ihrer Geburt eine Hirnverletzung erlitten haben. Es kommt auf die Hirnregion an, die beschädigt ist, nehme ich als Laie an. Wenn das Gleiche kaputt ist, wird auch das Gleiche nicht funktionieren.

Allerdings zu einfach darf man sich das Hirn nicht vorstellen. Es ist eher so hochkomplex, dass die heutige Medizin noch wenig Ahnung hat. Die Plastizität des Hirns wird betont und dass sich das Hirn ständig neu vernetzt. Wenn das in der Absolutheit stimmen würde, wie ich einige Neurologen verstehe, dann hätten gerade Babies die grösste Chance zu genesen. So ist es in der Wirklichkeit nicht.  Aber einem Wissenschaftler würde es sicher Freude machen, wenn es so wäre. Sicher macht auch Übung den Meister und diese Vorstellung der Neuvernetzung vom Hirn teile ich. Was mich tröstet ist, das ein Hirn keinen Unterschied macht, ob ich ein Eis real esse oder mir rnur vorstelle, ich würde es essen. Die Glückshormone werden so oder so ausgeschüttet und bei der zweiten Art doppelt, weil das Gewicht nicht zunimmt.

Von der Umwelt in dem Fall des Neugeborenen zuerst Familie und Schule wird manchmal auch keine Rücksicht genommen. Erschwerend kommt hinzu, dass es kein „Vorher“ gibt. Gereizte Reaktionen schon auf leichten Stress gelten dann als Charaktereigenschaft und nicht als Teil der Behinderung.

In meinen Kindheitserinnerungen unvergessen der Auftrag: „Räum dein Zimmer auf“ und ich bin überfordert.

So gibt es Missverständnisse und hirnverletzte Menschen sind auf Menschen mit viel Toleranz angewiesen, die sie als behinderte Menschen akzeptieren, so wie sie sind.