Ferien?

Natalie Rickli meldet sich nach ihrem Burnout zurück. Vieles was im Sonntagsblick, Exklusivinterview mit Natalie Rickli,  vom 4. 2. 2012 steht, musste man so erwarten.

Natürlich ist die anspruchsvolle Arbeit schuld, hat sich Rickli verausgabt, ist der politische Widerstand kräftezehrend.

Natürlich weiss nun Rickli was Sache ist und belehrt via Medien alle im Lande, was ein Burnout ist. Neben dem Sonntagsblick war sie gestern in der Tagesschau und heute abend ist sie im Puls zu Gast. Puls ist keine Sendung, die ich sonst schaue. Heute abend werde ich wohl oder übel schauen müssen, damit ich aus erster Hand informiert bin.

Diese wenigen Zeilen aus dem Sonntagsblick, finde ich bemerkenswert

Wie ging es nach den zweieinhalb Monaten in der Klinik weiter?
Ich brauchte Distanz. Ich wollte in Ruhe gesund werden. Ohne dass ich in der Öffentlichkeit erkannt werde. Deshalb weilte ich zwei Monate im Ausland. Zuerst zur Kur, und dann habe ich mir noch etwas Ferien gegönnt.

So wie Rickli ihren Zusammenbruch davor beschrieben hat, scheint sich das Burnout als Depression ausgewirkt zu haben und Rickli ist in eine Klinik eingetreten.

Nur wer sich damit befasst oder selbst PatientIn war, weiss, dass wie bei allen Erkrankungen ein enormer Zeitdruck auch in der Psychiatrie und dementsprechend in den Kliniken herrscht. Die Krankenkassen bezahlen oder bezahlen nicht. So einfach ist das. Es gibt Kliniken, die setzen die PatientInnen nach drei Monaten vor die Tür, egal wie gut oder schlecht es ihnen geht. Sie, liebe(r) LeserIn ahnen es schon. Die Krankenkassen bezahlen keinen längeren Aufenthalt.

Insofern ist es sehr interessant dass bei Rickli nach 2 1/2 Monaten Klinik eine Kur folgt. Sie ist damit im Zeitlimit von drei Monaten drin. Ob die Kur über die Krankenkasse abgerechnet wird, ist unklar. Aber selbst eine Hardllinerin und SVP Frau hat länger als drei Monate gebraucht, um wieder soweit auf die Beine zu kommen, dass sie zurück in ihren Alltag kann.

Über den genauen Wiedereinstieg in Beruf und Politik herrscht im Interview Schweigen. In aller Regel werden PatientInnen schrittweise wiederbelastet. Die Prozente der Arbeitstätigkeit werden nach und nach erhöht. Wer zu 100% krank geschrieben ist und das über längere Zeit, hat in der Regel weniger Ferien zugut. Deshalb erstaunt dieser Satz über „sich etwas Ferien gönnen“ sehr gerade in zweierlei Hinsicht.

  • Es besteht die Möglichkeit, dass Überzeit abgebaut wurde. Viel naheliegender scheint mir, dass die Krankheitszeit medienkonformer gestaltet und deshalb dreigeteilt wurde.
  • Ein aus der Psychiatrie ausgetretener Mensch soll in der Regel in eine Tagesstruktur und nicht in die Ferien. Es ist nicht nachvollziehbar, dass eine Politikerin das Gegenteil von dem tut, was für ihre Krankheit empfehlenswert ist.

Zuerst Klinik, dann Kur, wie bei einem Beinbruch – PatientInnen der Psychiatrie gehen in der Regel nach der Klinik nach Hause und nicht zur Kur – und zum Schluss noch etwas Ferien. Braungebrannt und fröhlich kehren wir heim.

Die Worte les ich wohl, allein mir fehlt der Glaube…..

„Time will tell“, sagen die Amerikaner. „Die Zeit wird erzählen, wie es weitergeht,“  heisst dieser Satz auf Deutsch. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Oder vielleicht doch: Bei vielem, was Geschrieben steht, ist es von Vorteil, wenn man sich in dem Fachbereich auskennt. Man fällt nicht auf schöne Worte rein und lässt sich weniger Sand in die Augen streuen. Wenn ich als LeserIn nichts weiss, wie soll ich beurteilen können, was stimmen könnte und was nicht?

Mich verwundert es, wenn jemand sich nicht scheut, das Gegenteil von dem, was bekömmlich ist, anzupreisen. Für mein Empfinden handelt es sich nicht mehr um Schönfärberei, um sich etwas besser ins Licht zu stellen, es geht um die Verantwortung den Bevölkerungsanteilen (25%) gegenüber, die denken, dass solche Interviews wahr sind und eins zu eins stimmen.

Dünne Linie

Der Psychiater lehnte sich vor und schaute ihr tief in die Augen: „Sind Sie suizid gefährdet?“ Sie schaute ebenso vielsagend zurück und hauchte: „Nein.“

Intelligenz hatte noch nie zu ihren Problemen gehört. Es mangelte ihr nicht daran. Sie hatte genau einmal in einer Psychiatrieklinik um Hilfe gebeten, weil suizidale Gedanken sie bedrängten. Was sie darauf erlebte, hatte sie bis zum heutigen Tag davor bewahrt, je wieder so eine Dummheit zu begehen. Sie fragte sich, ob die behandelnden ÄrztInnen nicht genau wussten, dass sie belogen wurden oder ob sie allen Ernstes glaubten, gefährdete PatientInnen würden sich outen, insbesondere, wenn sie psychiatrieerfahren waren. Psychiatrieerfahren, so lautete der Name für die armen Teufel, die mehrmals vergeblich versuchten in irgendeinem Alltag Fuss zu fassen und mit dem zurande zu kommen, das zufälligerweise ihr Leben war. Einige gingen in die gleiche Klinik zurück. Sie war an mehreren Orten gewesen und konnte Vergleiche ziehen.

Einmal, hatte sie auf diese Frage mit „ja“ geantwortet. Sie hatte auf ein Notprogramm gehofft, das ihren Schmerz lindern würde. Statt dessen wurde sie ins Isolationszimmer verlegt, durfte die Station, die nun abgeschlossen wurde, nicht mehr verlassen und es war ihr verboten an ihren wenigen Therapien teilzunehmen. Das war ihr eine Lehre gewesen. Seither wusste sie, dass sie lieber den Mund hielt und Suizidgedanken nicht verschrie.

Mit ihrem Wohlergehen hatte diese Frage nichts zu tun: Wenn sie sie positiv beantwortete, begann sich die Gesellschaft gegen sie zu schützen: Es ging um LokführerInnen, die keine vom Zug zerschnittene Gestalt auf den Gleisen brauchen konnten, um Leichenberger, deren Arbeit ohne ihren Tod genug Anforderungen bot. Wie wenn ein zu Tode verzweifelter Mensch anderen Menschen hätte Leid zufügen wollen. Es ging ihr immer darum, Schmerz, unaushaltbaren Schmerz zu mindern, Unerträgliches tragbar zu machen. Aber in der unerträglichsten Situation spuckte die Gesellschaft sie aus und überliess sie ihren unerträglichen Gedanken. – Wie sinnvoll ist eine solche Behandlung in einer Psychiatrieklinik?

 

Wie funktioniert (m)eine Behörde?

Wenn ich wüsste, wie sie funktionieren, könnte ich diese Menschen besser verstehen. Oft denke ich diesen Satz. Wenn ich nachvollziehen könnte, warum diese Menschen solche Entscheide fällen, wie in meinem Fall, wäre mein Schmerz, so hoffe ich, kleiner.

Ich bin verwundert, dass die Erkenntnis, dass hier Unrecht am Werk war, meinen Schmerz nicht lindern konnte. Irgendwann war mir von Bekannten, Ärzten und Fachpersonen, die mein Leben begleiteten so oft gesagt worden, dass die Behörden falsch gehandelt hatten, dass kein Zweifel daran bestand. – Ein „Gratisjurist“ hatte sich eingesetzt. Er war, wie ich erst später realisierte, unfähig. Mein Neuer, Bezahlter hat in wenigen Wochen mehr erreicht als  der frühere in zwei Jahren. Er hatte „Mediation“ versucht, als längst Taten gefragt waren.

Trotz der eindeutigen Lage, wurden meine Gefühle nicht ruhiger, ich litt weiter. – Wie ungerecht ist dies: Ich erleide Unrecht und meine Seele leidet weiter, genau an diesem Unrecht. Ich kann froh sein, wenn es mich nicht aus der Bahn wirft, ich irgendwie den Alltag bewältige und hoffentlich irgendwann gelassener auf diese Zeit zurückblicken kann.

Natürlich ist klar, dass die Psyche Warnsignale abgeben soll, wenn sie überfahren wird und schmerzt. So signalisiert auch der Körper, wenn er verletzt wird. Nicht um uns zu ärgern oder mit unnötiger Arbeit einzudecken, sondern um uns die Gelegenheit zu geben, uns zu verarzten und den Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Bei meinen seelischen Sachen höre ich: Das ist schwierig.

Ach nein. Dass es schwierig ist, habe ich schon selbst herausgefunden. Wie im Märchen habe ich mich auf den Weg gemacht, die Zauberblume zu finden, die mich heilt und erlöst. Es entspricht nicht meiner Einstellung, mich in ein schweres Schicksal zu ergeben.

Wie also funktioniert diese Behörde? Ich kann davon ausgehen, auch wenn ich die Leute nicht kenne, dass viele, vielleicht alle rechtskonservativ denken. Einige haben einen Universitätsabschluss. Einer, den ich von früher kenne, ist trotz Uniabschluss nicht sehr intelligent. Er hat seine akademischen Ziele nicht erreicht, musste damals die Studienrichtung wechseln. Sowas ist mir nicht passiert: Die Eifersucht, dass ich als behinderte(s) Mensch ein Studium vollendet habe und in diesem Beruf gearbeitet habe, ist weiter verbreitet, als mir bewusst ist und spielt hier sicher mit. Behinderte gehören auf eine niedrige Stufe der Existenz und dürfen einem nicht überfllügeln. Sonst gibt es Haue. Da die Situation scheinbar so günstig war, kam ich unter die Räder. Wie heisst ein philosophischer Satz so schön: „Alles geht vorbei.“

Das haben die Mitglieder dieser Behörde nicht mitbedacht, dass es eine Zeit danach geben wird. Genau dieser Fall ist eingetreten: Ich lebe nicht abgeschoben in einem Heim, sondern selbstbestimmt in meiner Wohnung. Ich kann tun und lassen, was mir gefällt und ich suche täglich nach Möglichkeiten und Tricks, die mein Leben lebenswerter machen. menschen, die mich über die letzten Jahre beobachten, sagen, dasss ich darin unermüdlich und ziemlich erfolgreich sei. Mit den letzten Nuerungen, die ich vor etwa zwei Wochen eingeläutet habe, bin ich mit dieser Sichtweise allmählich einverstanden: Als Tagesstruktur Trompete spielen und schreiben. Kontakt mit ausgewählten Bekannte, die mich mögen und Fachpersonen, die mich lehren. Hin und wieder Ferien, die mich mit Vorfreude erfüllen und hernach mit begeistertem Rückblick. So stelle ich mir mein Leben im Moment vor.

Viel mehr weiss ich über „meine“ Behörde nicht. Es fragt sich, ob eine Behörde Akteneinsicht gewähren muss, wie z.B. ein Spital. Im Moment wäre mir das zuviel. Aber später einmal,  könnte es durchaus spannend sein. – Im Moment reicht es mir, diesen Behörde-Menschen fröhlich ins Gesicht zu lachen und mein Leben zu geniessen.Mein Leben zu geniessen, allen Umständen zu trotz, das betrachte ich als meine Lebensaufgabe.

Letzthin habe im im TV(runterscrollen zu „Heike Dorsch“) einen Satz aufgeschnappt: Einer jungen Frau, war ihr Lebenspartner, mit dem sie über die Hälfte des Lebens verbracht hatte, getötet worden. Sie gab klar zu Ausdruck, dass sie dem Mörder, der ihr bereits unfassbar viel Leid angetan hatte, nicht den Rest ihres Lebens schenken wolle.

So stelle ich mir mein Leben vor, als mir gehörend und als von mir zu gestalten.

Der Schlaf ist meist gestört….

Hallo Welt. Es ist vier Uhr morgens und ich bin seit 1 1/2 Stunden wach, an Einschlafen ist nicht zu denken. Natürlich bemühe ich mich, ruhig zu bleiben, mich nicht aufzuregen und schon jetzt einen guten, kleinen Plan zu schmieden, wie ich am Nachmittag einen Kurzschlaf einplanen könnte, damit ich den ganzen, langen Tag, ohne ein Energieloch durchstehe und in der kommenden Nacht besser schlafe.

In solchen Phasen empfinde ich den Spielraum als eng, obwohl „nur“ Schlafprobleme nach so kurzer Zeit einer schweren, depressiven Episode, ein Privileg sind. Ich könnte mit ganz anderen Schwierigkeiten kämpfen, wie suizidale Gedanken, Antriebslosigkeit, unerträgliche Langweile bei gleichzeitiger Unfähigkeit mich selbst zu beschäftigen, alle Schattierungen von Angstzuständen, Kopfschmerzen, der Symptome sind viele.

In meiner, persönlichen Grundeinstellung bin ich dankbar, dass viele, gesundheitliche Einschränkungen bereits wieder der Vergangenheit angehören. Trotzdem ist das Nicht-Durchschlafen-können lästig. Blog sei Dank kann ich mich frühmorgens still und ruhig beschäftigen, aber ich halte eine verkürzte Nachtruhe auf die Dauer körperlich nicht aus. Eine Möglichkeit ist, während des Tages zu schlafen. Diese Kunst will gelernt sein: Wenn ich tief schlafe, zwei bis drei Stunden, hat das Auswirkungen auf die folgende Nacht. Wenn ich, wie vom Arzt empfohlen, den Wecker auf ein bis 1 1/2 Stunden stelle, bin ich so nervös, dass ich nicht einschlafen kann.

Letzten Sonntag hat mir mein Körper gezeigt, dass er die Fähigkeit zum Leichtschlaf hätte und die darauf folgende Nacht liess keine Wünsche offen. Das kam so: Es war Regenwetter, ich beschäftigte mich zu meiner Zufriedenheit, aber irgendwann war ich müde. Ich schaute fern, wozu ich immer in einem Stuhl sitze. Während des Films schlief ich ein und erwachte vor dem Filmende wieder. Das war sicher die eine gute Voraussetzung.

Die andere ist der Trick vom Essen: Gewisse Medikamente regen den Appetit an. Meins auch. Das wissend, gebe ich von Anfang an Gegensteuer und esse kleine Portionen. In den ersten Wochen hatte ich keinen Hunger. Jetzt könnte ich essen bis zum Platzen. Da ich das nicht tue, habe ich ständig Hunger.  Vor Jahrzehnten habe ich durch Erfahrung gelernt, dass mein Körper für einen durchgehenden Schlaf genügend Kohlenhydrate braucht, sonst wache ich hungrig auf. Manchmal kann ich den Schlaf wieder finden, indem ich etwas esse. Am Sonntagabend muss ich zum Durchschlafen genug gegessen haben und fürs Halten des Gewichts hoffentlich nicht zu viel.
Natürlich könnte das Durchschlafproblem mit einem Medikament gelöst werden. Dazu habe ich momentan keine Lust: Mein Leben läuft was die Aussenreize betrifft, ruhig und geordnet ab, ich habe Tätigkeiten, die mir Spass machen, vielleicht brauche ich einfach noch etwas Zeit, bis das Durchschlafen sich wieder einpendelt, zumal ich eine Behandlung mit einem Benzodiazepin beendet habe. – Ich kriege manchmal das vom Leben, was ich mir wünsche, manchmal muss oder will ich gewisse Kompromisse  eingehen.

Als Medikamentengruppe kommen für Schlafprobleme Benzodiazepine in Frage, die schnell abhängig machen oder Antidepressiva in niedriger Dosierung. Die aus meiner Sicht vom Leben bevorzugteren Menschen schlafen bestens mit Hilfe von Orangenblütentee, einem Valverdepräparat, einer warmen Milch oder einem Einschlafritual. Leider gehöre ich nicht zu denen. Aber irgendwie werde ich meinen Weg finden.
Zum Schluss einige Worte, warum ich solche Dinge aufschreibe: Sie gehören dazu. In vielen Büchern über Depressonen stellen sich die selbst betroffenen AutorInnen so dar, als hätten sie die Schwierigkeiten ein für allemal überwunden. Das bringt mir nichts: Ich gehöre zum Fussvolk und nicht zu den Helden.

Dann gibt es die Fachexperten: In den Talkshows taucht in der Schweiz des öftern eine Fachperson auf, die auch Bücher geschrieben hat. Ich verlinke sie bewusst nicht, weil ihre Statements mir nicht helfen: Ich jedenfalls fühle mich nicht ernst genommen.

Um gleich bei den Talkshows zu bleiben: Es gibt auch Diskussionsthemen, die ich im Zusammenhang mit depressiven Menschen als unangemessen empfinde: Das Wort „Freitod“ suggeriert, dass ein Mensch frei war, eine Entscheidung zu treffen. Das Endstadium eines Krebses führt zum Tod, eine schwere Depression kann zum Tod führen, weil der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist. Bitte Leiden und nicht Freiheit. Während wir es beim Krebs akzeptieren, dass Körperzellen sich so verändern, dass Menschen daran sterben, akzeptieren wir als Gesellschaft nicht, dass Botenstoffe, körperliche Veränderungen, Gene, was auch immer die Hirnforschung herausfinden wird, zum Tod von Menschen führen kann. Damit zusammen hängt die Unfähigkeit vorauszusehen, welche Patienten an einer Depression sterben und welche knapp überleben.

Ebenso unangemessen finde ich die ethische, oft eher moralisierende Diskussion, was ein Mensch, der Suizid gemacht hat, seinen Hinterbliebenen antut. So können nur Menschen denken, die nicht wahrhaben wollen oder können, dass eine depressive Erkrankung zum Tod führen kann, wie z.B. eine Krebserkrankung. Während ein schwer kranker Krebspatient in einer Fernsehshow auftreten kann, können wir keinen Menschen befragen, der Suizid gemacht hat, warum, woher und wohin des Weges. Aber beide Seiten sollten eigentlich berichten können, sonst wird es eine einseitige Sache und als solche empfinde ich sie oft: Als Beispiel ein Link zu einer Clubsendung, in der Christine Meyer bereits in der Einleitung „Freitod“ und „Suizid“ als Begriffe gleichsetzt. Für mich ist diese Gleichsetzung unverständlich und befremdend.. Selbst wenn zwei, psychisch kranke Personen, mit der Hilfe einer Sterbehilforganisation, ihr Leben beendet haben.

Jetzt bin ich etwas vom Thema abgeschweift. Das kommt vor.

Depression und Nachbarn

Ende August diesen Jahres fiel ich in eine Depression. In meinen Fall fühlt sich das so an, wie wenn ich oben an einem Felsen rausspringe und im freien Fall abstürze. Wer sich unter meinen LeserInnen zu den ortskundigen SchweizerInnen zählt, kennt vielleicht das Basejumpergebiet im Lauterbrunnental (Link: etwas runterscrollen und links findet sich ein Bild des Felsens). Im Gegensatz zum Basejumpen ist eine Depression nicht der ultimative Kick, sondern die ultimative Antriebslosigkeit. Nach wenigen Tagen des Niedergangs bin ich nicht mehr fähig aufzustehen, sondern bleibe den ganzen Tag im Bett liegen. Da liege ich dann und die Zeit zieht vorüber. Ich spüre klar und deutlich, wie der Stoffwechsel meines Körpers umgestellt wird, habe keinen Hunger mehr, versuche wenigstens etwas zu trinken, finde alles entsetzlich langweilig, in besseren Phasen der Bettlägrigkeit kann ich wenigstens lesen.

Seit wenigen Jahren fühle ich mich wohl bei einer Psychiaterin, die mir nach meinem letzten Klinikaufenthalt im Jahr 2008 empfohlen wurde. Damals hatte man mir endlich das Medikament verschrieben, das mir hilft: Nichts von Serotonin und Dopamin und wie diese antidepressiven Wirkstoffe alle heissen, sondern Valproatsäure, was eher ein Wirkstoff gegen bipolare Störungen oder Epilepsi ist. Lithium wäre auch in Frage gekommen,  ist aber in der Einnahme schwieriger.

Also habe ich meiner Psychiaterin gemailt, dass ich abgestürtzt bin. Ich bekam umgehend einen Notfalltermin und die Anfangsdosis und Steigerung des Medikaments wurde besprochen. Ich sah nicht über den Berg und das war in den letzten Tagen des Augusts. Ich musste alle Termine absagen und lag etwa 10 Tage im Bett, während ich Flüssigkeit trank, darauf achtete, mein Medikament regelmässig einzunehmen und auch die praktische Hilfe langsam ins Rollen kam. Allerdings so kurz vor den Herbstferien eine Herausforderung: An einem Tag sollte am Morgen jemand kommen. Der Termin wurde abgesagt. In Vorbereitung auf die kommende Hilfe, hatte ich mich aus dem Bett gequält. Als die Hilfe ausblieb, kroch ich zurück in mein Bett und ward für Stunden nicht mehr gesehen.

Wer im Bett liegt, dessen Muskeln schwinden rasch, was bei der Genesung ein zusätzliches Problem darstellt. Irgendwann stellte mir meine Hausärztin die Aufgabe, einmal pro Tag in die nächstgelegene Ortschaft zu fahren und etwas zu essen. Praktisch sah das so aus: Ich lag im Bett und verschob den Termin zum Aufstehen im Zwiegespräch mit mir selbst über den ganzen Morgen. Vielleicht schaffte ich es knapp um 11 Uhr aufzustehen und aus der Wohnung förmlich zu rennen, damit ich nicht wieder zurück ins Bett kroch. Einmal wurde es Nachmittag um vier Uhr. Nicht über sich selbst bestimmen können, finde ich grausam. Ich wusste, dass ich das damit verbundene Gefühl nicht lange aushalten würde.

Eine Familie in unserem Mietshaus realisierte, wie es mir ging. Die Mutter begann jeden Tag zur Mittagszeit bei mir zu klingeln und zu fragen, ob ich nicht Lust hätte, „zuechedsitze“. Gesellschaft, keine Fahrten mehr in die Stadt, Menschen, die es interessierte, wie es mir erging und die bereit waren, mich in dem Zustand auszuhalten, was Besseres konnte mir nicht passieren. Soweit es meine Kräfte zuliessen, versuchte ich mich erkenntlich zu zeigen, in dem ich den Abwasch erledigte und später sogar einmal kochte. Jetzt sind Schulferien und ich koche in meiner Wohnung wieder selbst. Zuerst kochte mir die Psychiatrie Spitex. Dann begann ich mit einfachsten Dingen wie Beutelsuppe in der Pfanne oder Teigwaren mit Aromat.

Eineinhalb Monat nachdem ich in eine Depression fiel, bin ich auf dem Weg der Genesung. Ohne das richige Medikament leide ich Jahre. Wenn sich das Medikament, mein Ärzteam, meine Nachbarn und mein Wille verbünden, bin ich in so kurzer Zeit aus dem Gröbsten raus. Wer hätte das nach meiner Vorgeschichte gedacht?