Spix findet….

… ich solle ihr gefälligst Futter und Wasser vor meinen Block tragen. Da hat sie ein kleines, kuschliges Versteck entdeckt. Darin liegt sie, jedesmal, wenn ich sie hole. Spix, alt und gebrechlich wie sie ist – 8-tung Ironie, Spix ist eine Jungkatze – mag sie nicht in den Block laufen, Lift fahren und dann ab in unsere Wohnung düsen, um zu gucken, ob alles schön ordentlich ist und dann erst zu fressen.

Nein, so hat sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie wollte lange Frischluft nicht schnuppern, aber jetzt, jetzt hat sie ihre Freiheit erprobt und will sie nicht mehr hergeben.

Irgendwann später, werde ich einen dritten Versuch starten, meine Rotzkatze einzufangen. Immer in den höchsten Tönen zwitschernd und guten Mut zusprechend. Den Hals dreh ich ihr dann in meiner Wohnung um, da sieht es keineR. – 8-tung Übertreibung, ich liebe meine Spix innig.

Mein Kinderzimmer…

…. kam heute zur Sprache in meiner Traumatherapie.

Ich bin alles andere als frisch, Schalfmanko seit Wochen, heute wach seit 3 Uhr morgens. Traumatisiert sein ist kein Ferienjob.

Seit ich 10 Jahre alt war, hatte ich mein winziges Kinderzimmer. Länge: Bettlänge und zwei Schranktüren, Schrank halb eingebaut, dann Zimmertüre. Vis a vis der Zimmertüre Kinderpult, dann Fenster,  Stoffsessel, Nachttischen und Stehlampe. Soll ich es nochmals erklären? Nein, das war es schon. Vermutlich um die Winzigkeit in den Augen meiner Eltern aufzupeppen, war überall diese grässliche Blumenbouquettapete. Ein Sujet würde ich auf 80 cm schätzen. Blumen an der Wand, über dem Bett als Baldachin, die Bettdecke samt Duvetrolle, der Stoffsessel, kurz diese grässlichen Blumen hatten kein Ende. Einziger Lichtblick: Der Boden, der war grün, Spannteppich.

Als Mensch mit Reizüberflutung konnte ich in dem Zimmer nicht wirklich schlafen, wen wunderts. Das kam heute in der Therapie an den Tag. 10 Jahre lang war ich dem ausgesetzt, musste mich für mein „schönes“ Zimmer bedanken und litt unendlich.

Wenn ich heute meine Wohnung einrichte,  setze ich genau die optischen Reize, die ich will. Weisse Wände absolut kein Problem, warum auch? Ich habe hübsche Teppiche. Über meinen Gebetsteppich müssen wir uns gelegentlich unterhalten.

3 von 1000

3 von 1000 Babies trifft meine Art der Behinderung. Eine geringe Zahl, eine medizinisch so geringe Zahl, dass wir medizinisch völlig uninteressant sind, einige wenige DinosaurierInnen in unserer modernen Welt. Abzuziehen sind nämlich sämtliche RollifahrerInnen und die geistig Behinderten. RollifahrerInnen sind auch Menschen mit anderen Behinderungen, Para- und TetraplegikerInnen, PoliopatientInnen, MS…… damit haben sie eine vergleichsweise starke Lobby und profitieren davon. Geistig behindert sind oft Menschen mit Down Syndrom und anderen Behinderungen. Auch hier segeln CPs im Windschatten.

Und irgendeine kleinste Restmenge ist so wie ich Fussgängerin und HochschulabsolventIn. – Geht doch einfach zum Teufel ihr ewigen RebellInnen. Es gibt Tabus in dieser Gesellschaft, merkt euch das!

In memoriam….

Mein Vater war ca. 41 Jahre alt, als er sein Todesurteil fasste, im Jahr 1968.

Ich habe gelebt. Im Jahr 1988 wusste ich, dass mein Vater Leukämie habe. Fast 20 Jahre lang wusste ich davon nichts. Als ich endlich ins „Familiengeheimnis“ eingeweiht wurde, war ich nur ärgerlich: Meine beiden Schwestern wussten schon lange davon! Die Familiengeschichte bis zu seinem Begräbnis war nur ärgerlich und für mich verletzend. Deshalb schliesse ich diesen Gedankengang.

Irgendeinmal war ich selbst 40, dann 45 Jahre alt und ich fragte mich: Wie würde ich funktionieren und leben können, wenn ich wie mein Vater  mit einem klaren Todesurteil leben müsste? Hat er das einfach weggesteckt? Hat er sich klammheimlich Hilfe geholt? Religiös war er nicht. Ganz kurz vor seinem Ableben fragte er mich nach dem Wortlaut des „Unser Vaters“, den ich ihm bereitwilligstens vorbetete.

Er war ein grossartiger Mensch. Er prägte die Bernburgerpolitik seiner Zeit. Er wäre Burgerratspräsident geworden. Aus Pflichtgefühl lehnte er ab, immer seinen baldigen Tod vor Augen. In der lokalen Presse füllten seine Todesanzeigen fast eine ganze Seite: In der Leitung vieler Sozialwerke hatte er zu seiner Lebzeit gewirkt. Mein soziales Engagement habe ich nicht gestohlen, das kommt von ihm.

Er strahlte eine grosse Ruhe aus, weil er über den Nichtigkeiten stand und in sich selbst verwurzelt war. Ich liebte ihn viel mehr als meine Mutter. Er war ein liebenswürdiger Mensch, weitum bekannt, geschätzt,  respektiert und geachtet. Oft in meinem Leben hätte ich seine Hilfe brauchen können.

Leider habe ich sie kaum je bekommen, weil er innerhalb der Familie das Gezänk mit meiner Mutter schoch. Als er sich ernsthaft überlegte, sich scheiden zu lassen, tat er es wohl um uns Kinder willen nicht. Meine Mutter machte uns allen das Leben zur …… na ihr wisst schon.

Kurz bevor seine Stunde kam, telefonierte ich mit ihm, am Abend vorher. Das hat mich lange Zeit getröstet, dass ich wohl die Letzte der Familie war, die mit ihm sprach. Darüber habe ich in meiner Familie NIE gesprochen.

Seine Beerdigung war standesgemäss im Münster. Manchmal frage ich mich, ob es wohl ein Jenseits gibt und er mich jetzt vollumfänglich lieben kann?

Jammerine

Ganz typisch, wenn Menschen mit unsichtbaren Behinderungen versuchen aufzuklären, kommt unweigerlich der Satz, jeder habe sein Päckchen zu tragen? Hallo? Eine Behinderung ist immer zusätzlich. Wenn ich z.B. ein COPD bekommen würde, dann zusätzlich zu allem andern und NIE anstatt. Am meisten Angst bei der Raucherei habe ich vor einem Hirnschlag. Dessen mögliche Varianten sind mir nur allzu bewusst und die Rehabilitation lang und zäh und NIE vollständig. Klar kann jmd. vielleich wieder Auto fahren etc. Aber es kostet ihn oder sie immer mehr Kraft. Bei einer Akuterkrankung, irgendeinem Krebs unterliegt mein behinderter Körper denselben Gesetzen, wie alle andern. Der Unterschied, gegenwärtig wäre mein Körper von Anfang an geschwächt, weil er mangelernährt ist, obwohl ich für meine Verhältnisse dick bin.

Da jammern sie das ganze Forum rauf und runter und der liebe Gott hat sie wohl vor Schlimmerem bewahrt. Wer raucht, weiss seit Jahrzehnten, was er seinem Körper antut.

Unvergessen, als mein Vater von einer Sekunde auf die andere mit dem Rauchen aufhörte. Er hatte damals erfahren, dass er Leukämie hatte. Seine Kinder waren 12, 10 und 4 Jahre alt. Was er damals vermutlich nicht wissen konnte, dass ihm 20 Jahre todkrankes Leben verbleiben würde. Er starb im Januar 1989, 61 Jahre alt.

Hofnarr halten

Früher, als die Welt noch besser war,……………….ähm war sie nicht………hielten die Könige sich Hofnarren. Die Erkenntnis dahinter war, wenn es nicht nur um grausame Quälerei ging, dass die Höflinge dem König nur schmeichelten und der König deshalb dringend jemand brauchte, der ihn auf den Boden der Realität holte, ihn mit Witz und allem Anstand kritisierte.

Die Gesellschaft, in die ich geboren wurde, fühlt sich als was besseres, weil sie die politische Verantwortung für das Alte Bern hatte und dessen Geschicke leitete. – Ich weiss bis heute nicht, warum das kleine wieort-Wesen dieser Doktrin nicht folgte. Ich wurde gedrillt mit allem, was frau nicht wünscht. Ziel: reiche Heirat und für Frauen dann die Führung des Haushalts und die Aufgabe dem Ehemann den Rücken freizuhalten.

In unserer Haushalung hiess das, dass wir jeweils alle gebadet und geduscht am Esstisch sassen und auf meinen Vater warteten. Er kam stets durch die Tür und ging rasch die Hände waschen. Sass er am Tisch begannen die interessanten Gespräche. – So wollte ich sein, so wie mein Vater, meine Mutter war mir nie Vorbild.

Ich erwählte einen Beruf, in dem alle Höflinge nur schmeicheln. Ich hatte Pfarrer gesehen, die sich selbst schmeichelten, weil sie auf die Schmeicheleien ihrer Gemeinden hereinfielen. So selbstverliebt wollte ich auf keinen Fall werden.

Mein Hofnarr während vielen Jahren meiner Amtszeit waren die 12-Schritte-Gruppen. In ihrem Kreis konnte ich mich selbstreflektieren, in aller Ruhe und genau in dem Tempo, das meins war. Noch heute denke ich dankbar an sie zurück.

Durchbruch?

Auf Info-rauchfrei habe ich wohl endlich den Durchbruch geschafft. Eine Rauchfreilotsin hat im Faden: Treffpunkt für alle    gepostet. Sehr gut, ein Post, das für allg. Toleranz wirbt. Vermutlich mit Admin. Nicks wird nun laufend geguckt, dass mein Nick Elexier nicht zur Sau gemacht wird.

Ich melde mich dort nicht. Aus gutem Grund hat Jesus bei seiner Kreuzigung geschwiegen. Wie Jesus schweige ich oft, wenn die Selbstgerechten über mich herziehen. Ganz gleich ob Laien oder Fachpersonen.

Die Tage denke ich oft, dass die einfachen Leute, die über meinen Nick herziehen, genau die einfachen Leute haben mir als Pfarrerin hofiert. Ich habe sämtliche Wiederwahlen gewonnen, was nicht alle PfarrerInnen von sich behaupten können. In der CH werde ich als Pfarrerin ins Amt gewählt. Nach einigen Jahren werde ich wiedergewählt oder ich bekomme das Consilium abeundi oder noch schlimmer, ich werde nicht wiedergewählt.

Zu meiner Zeit waren Amt und Wohnsitz eins. Heute wohnen PfarrerInnen auch privat. Aber damals hiess eine Nichtwiederwahl, dass die Pfarrfamile aus dem Pfarrhaus weg musste, Schulwechsel für Kinder inklusive. Keine abgewählte Pfarrerin wäre im Dorf geblieben, sozial völlig undenkbar.

 

Hosen kürzen

Ein Mann hätte gern seine Hosen gekürzt. Als effiziente, amerikanisch ausgebildete Kleidernäherin, inklusive Design von Kleidern mit entsprechendem Werkzeug, traue ich mir diese fast unüberwindliche Schwerstaufgabe von geschätzten 20 Min. Einsatz zu.

Muss ich speziell erwähnen, dass die Leiterin des MST (= milieu-soziale Therapie) findet, ich könne das eher nicht, sie aber viel besser? – Manchmal fehlen mir schlicht die Nerven für solchen Unsinn.

Ich habe mir ein Jacket genäht, meinen beiden Männern Herrenhemden, mir und meinen Kindern alle möglichen und unmöglichen Kleider und überwinde langsam mein Trauma, das mich vor Jahren in ein nähunfähiges Wesen katapultierte.

Hoffentlich ist meine Occasionsoverlook noch nicht anderweitig verkauft. Overlooken ist ein Träumchen von mir und noch lebe ich, um diesen Traum zu verwirklichen.

Kontaktauge

Meine zweite Webseite aus dem Jahr 2012. Ich habe diese Webseite nie öffentlich ins Netz gestellt, zu gross war der Schmerz. Kontaktauge war der Titel dieses Webauftritts, der wie ich sehe, nur einen Blogeintrag beinhaltet.

 

Bei meiner Akteneinsicht neulich konnte ich zur Kenntnis nehmen, was ich in all den Jahren als Recht bzw. Unrecht ansah und laut, auch gegenüber den betroffenen Behörden, formulierte. Die waren nicht im Geringsten beeindruckt. Meine einzige Waffe dagegen, meine Fähigkeit mich durchaus passabel zu formulieren. Damals, 2012 schrieb ich:

 

Dieser Blog hat das Thema verlassene Eltern.

„Kontaktauge“ ist kein zufälliger Name: Das Letzte, was ich von meiner Tochter wahrgenommen habe, ist, dass sie die Augen senkte. Der Augenkontakt war weg und wenige Tage später der ganze Mensch. Das war vor über fünf Jahren. Damals war meine Tocher kurz vor ihrem 15. Geburtstag. Viele selbsternannte und von Amtes wegen eingesetzte HelferInnen haben dem „armen“ Kind geholfen. Ich wurde zur Seite gestellt und mir wurde bedeutet, dass ich in ihrem Leben nichts mehr verloren hätte. Wenn ich möglichst nüchtern betrachtete, wer nun das Sagen hatte, konnte ich mich nicht genug verwundern: Ein Exfreund meiner Schwester, einer meiner Exmänner und seine neue Frau (nein, nicht der Vater des Kindes), eine studierte Zoologin, meine Mutter, eine amtliche Beiständin. Der Kindsvater scheint entgegen seinen damaligen Angaben in diesem bunten Reigen nicht vorzukommen. Auffallend war, dass die wichtigen ExponentInnen im Leben meiner Tochter bis dahin kaum oder nicht vorgekommen waren, aber alles besser wussten und finanziell viel besser dastanden als ich je.

Von Anfang an habe ich mir von aussen aufgedrängte Gedankengänge in Frage gestellt und was mir als „die Wahrheit“ aufgetischt wurde, schlicht nicht geglaubt. Das kommt daher, dass ich in meinem Leben immer meinen eigenen Weg gegangen bin. Ich habe hingeschaut, wo andere lieber weggucken. Ich habe ausgehalten, wo andere lieber verdrängen. Ich habe keine Wahl: Ich will nicht besonders gut oder heldenhaft sein, aber die Möglichkeiten und Grenzen, die mir auf meinen Lebensweg mitgegeben wurden, haben mich oft wider Willen, diesen Weg gehen lassen. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass meine Lebenseinstellung auf viele Menschen provokativ wirkt und wirken muss. – Noch habe ich nicht vollständig enträtselt, warum das so ist. Aber dass es so ist, daran zweifle ich immer seltener.

Das sind die Voraussetzungen. Ich werde meine Gedanken anonym verfassen, weil alle  Personen noch leben. Mich interessieren die gesetzlichen Grundlagen, die Rechte und Pflichten aller Beteiligten und die Frage, wie ich mir unter den geschilderten Bedingungen Lebensqualität verschaffen kann: Die Frage „Warum“ interessiert mich nicht, weil ich sie für mich beantwortet habe. Ich habe keine Lust in Mitleid oder Selbstmitleid zu verfallen. Ich habe nicht Mitleid mit meiner Tochter, die gegangen ist und ich habe kein Mitleid mit mir. Ich stelle mir das Leben wie eine Hand voll Spielkarten vor: Einige sind gut, einige sind mittel und andere sind schlecht. An mir ist es zu entscheiden wie ich sie ausspiele.

„Wegschauen ist am schlimmsten“

In meinem Kanton erregt diese Schlagzeile im Bund Aufmerksamkeit. Leider ist dieser Artikel online nicht verfügbar. Manchmal ändert sich das nach ein, zwei Tagen. Wenn es soweit kommt, werde ich ihn verlinken.

Weil nicht verfügbar, schildere ich kurz, was beschrieben wird:

Ein Sozialarbeiter soll zwanzig Buben und männliche Teenager missbraucht haben. Er war sehr engagiert und beliebt. Es gab Verdachtsmomente, aber niemand traute sich eine Anschuldigung auszusprechen. Über Jahre wurde so das Problem verschleppt.

Der Artikel versucht zu sortieren und einzuordnen. Mir stösst manches sauer auf. Wenn ein Mensch keine sexuelle Ausrichtung hat, die momentan in unserer Gesellschaft akzeptiert ist, dann ist er sehr einsam und letztlich in einer auswegslosen Situation. Wenn wir uns zudem bewusst sind, dass gerade Männern dauernd zugestanden und eingetrichtert wird, dass sie ihre Triebe nicht unter Kontrolle haben können, dann wird die Ausgangslage noch dramatischer.

Er war engagiert und charismatisch, kreativ, beliebt, erfolgreich. Und er täuschte sie alle.

So beginnt der Artikel. Wie kann die sexuelle Ausrichtung eines Menschen für andere Menschen ein Täuschmanöver sein? Unsere Gesellschaft lügt sich selbst an, wenn sie sich einredet, dass alle Menschen heterosexuell oder allenfalls homosexuell sind. Da hat kein einzelner Mensch andere getäuscht. All die wunderbaren Eigenschaften, die dem betroffenen Sozialarbeiter jetzt natürlich abgesprochen werden, besitzt er noch heute.

Natürlich ist es verboten, dass Erwachsene Kinder missbrauchen. Bislang habe ich nie gelesen oder gehört, wie sexuell so orientierte Erwachsene in unserer Gesellschaft leben können. Wenn nur Druck da ist und der Aufschrei der Öffentlichkeit, wenn Missbrauch endlich an den Tag kommt, machen wir keinen Schritt vorwärts. Die Kinder, die wir schützen wollen sind nicht geschützt und die Erwachsenen, die zumindest Verständnis brauchen und sicher Hilfe, mit ihrer Sexualität so umzugehen, dass sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen, sind in ihrem vermutlich leidvollen Versteckspiel allein gelassen. Auch mit einer Gefängnisstrafe ändert sich die Sexualität nicht. Auch da nützt Wegschauen herzlich wenig.

Wie soll man umgehen mit dem Verdacht? Auch der Zürcher Oberstaatsanwalt und Spezialist für strafrechtlichen Kinderschutz Andreas Brunner warnt vor zu frühen Anzeigen. Man könne Existenzen zerstören, wenn Gerüchte die Runde machten, an denen – wie sich später herausstelle – nichts dran sei.

Sehr verantwortungsbewusst finde ich diese Stellungnahme. Oberstaatsanwalt Brunner zeigt auf, dass die gesellschaftliche Verantwortung auf zwei Seiten hin zu wahren ist. Einerseits geht es um Kinder und Jugendliche, die zu schützen sind und andererseits geht es um Erwachsene, die vor ungerechtfertigten Vorwürfen, allenfalls sogar Erpressungsversuchen oder grundlosen, falschen Anschuldigungen zu schützen sind.

Ganz anders sieht das Regula Schwager, Psychologin und Psychotherapeutin bei der Opferberatungsstelle Castagna.

Im Gegensatz zu Brunner ist sie jedoch fest davon überzeugt, man solle «lieber zu viel bei der Polizei melden als zu wenig». Was aber passiert, wenn der vermeintliche Täter in Wirklichkeit unschuldig ist? Die falschen Gerüchte womöglich seine Existenz zerstören? «Eine Falschbeschuldigung ist eine Katastrophe», sagt Schwager. «Doch der Existenz eines Einzelnen steht die Existenz Hunderter potenzieller Opfer gegenüber. Wegschauen ist am schlimmsten.»

Eine unschuldig zerstörte Existenz als bedauerlichen Kollateralschaden. Die naive Vorstellung dass Kinder und Teenager unschuldige, kleine Engel sind, lässt grüssen. – Längst liest diese Altersgruppe das „20 Minuten“. Schon lange hat sie begriffen, dass Eltern, Lehrer und andere Erwachsene erpressbar sind, indem ihnen genau eines dieser Dinge vorgeworfen wird, das sie niemals tun dürfen.

Wann endlich wird unsere Gesellschaft erwachsen und nimmt ihre Verantwortung wahr? Das würde heissen, nicht mehr wegschauen

  • wenn Kinder und Jugendliche missbraucht werden.
  • wenn Erwachsene an ihrer Sexualität verzweifeln müssen, weil sie sich strafbar machen.
  • wenn Kinder und Jugendliche Unwahrheiten behaupten und damit unschuldigen Erwachsenen ihre Leben zerstören.

Letzteres ist nicht in Kauf zu nehmen nach dem Motto, solange es andere betrifft, kann es mir egal sein. Erst wenn ein Mensch selbst betroffen ist, realisiert er, welche Wirkung hier das Wegschauen hat. Ein Mensch, der niemandem etwas zuleide getan hat, hat keine „hunderte potenzielle Opfer“ als Gegenüber. Kein einziges. Das einzige Opfer ist er, der fälschlicherwiese als Täter beschuldigt wird.

Wie lange wird es dauern, bis unsere Gesellschaft hier besonnener und damit gerechter wird?