Hosen kürzen

Ein Mann hätte gern seine Hosen gekürzt. Als effiziente, amerikanisch ausgebildete Kleidernäherin, inklusive Design von Kleidern mit entsprechendem Werkzeug, traue ich mir diese fast unüberwindliche Schwerstaufgabe von geschätzten 20 Min. Einsatz zu.

Muss ich speziell erwähnen, dass die Leiterin des MST (= milieu-soziale Therapie) findet, ich könne das eher nicht, sie aber viel besser? – Manchmal fehlen mir schlicht die Nerven für solchen Unsinn.

Ich habe mir ein Jacket genäht, meinen beiden Männern Herrenhemden, mir und meinen Kindern alle möglichen und unmöglichen Kleider und überwinde langsam mein Trauma, das mich vor Jahren in ein nähunfähiges Wesen katapultierte.

Hoffentlich ist meine Occasionsoverlook noch nicht anderweitig verkauft. Overlooken ist ein Träumchen von mir und noch lebe ich, um diesen Traum zu verwirklichen.

Kontaktauge

Meine zweite Webseite aus dem Jahr 2012. Ich habe diese Webseite nie öffentlich ins Netz gestellt, zu gross war der Schmerz. Kontaktauge war der Titel dieses Webauftritts, der wie ich sehe, nur einen Blogeintrag beinhaltet.

 

Bei meiner Akteneinsicht neulich konnte ich zur Kenntnis nehmen, was ich in all den Jahren als Recht bzw. Unrecht ansah und laut, auch gegenüber den betroffenen Behörden, formulierte. Die waren nicht im Geringsten beeindruckt. Meine einzige Waffe dagegen, meine Fähigkeit mich durchaus passabel zu formulieren. Damals, 2012 schrieb ich:

 

Dieser Blog hat das Thema verlassene Eltern.

„Kontaktauge“ ist kein zufälliger Name: Das Letzte, was ich von meiner Tochter wahrgenommen habe, ist, dass sie die Augen senkte. Der Augenkontakt war weg und wenige Tage später der ganze Mensch. Das war vor über fünf Jahren. Damals war meine Tocher kurz vor ihrem 15. Geburtstag. Viele selbsternannte und von Amtes wegen eingesetzte HelferInnen haben dem „armen“ Kind geholfen. Ich wurde zur Seite gestellt und mir wurde bedeutet, dass ich in ihrem Leben nichts mehr verloren hätte. Wenn ich möglichst nüchtern betrachtete, wer nun das Sagen hatte, konnte ich mich nicht genug verwundern: Ein Exfreund meiner Schwester, einer meiner Exmänner und seine neue Frau (nein, nicht der Vater des Kindes), eine studierte Zoologin, meine Mutter, eine amtliche Beiständin. Der Kindsvater scheint entgegen seinen damaligen Angaben in diesem bunten Reigen nicht vorzukommen. Auffallend war, dass die wichtigen ExponentInnen im Leben meiner Tochter bis dahin kaum oder nicht vorgekommen waren, aber alles besser wussten und finanziell viel besser dastanden als ich je.

Von Anfang an habe ich mir von aussen aufgedrängte Gedankengänge in Frage gestellt und was mir als „die Wahrheit“ aufgetischt wurde, schlicht nicht geglaubt. Das kommt daher, dass ich in meinem Leben immer meinen eigenen Weg gegangen bin. Ich habe hingeschaut, wo andere lieber weggucken. Ich habe ausgehalten, wo andere lieber verdrängen. Ich habe keine Wahl: Ich will nicht besonders gut oder heldenhaft sein, aber die Möglichkeiten und Grenzen, die mir auf meinen Lebensweg mitgegeben wurden, haben mich oft wider Willen, diesen Weg gehen lassen. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass meine Lebenseinstellung auf viele Menschen provokativ wirkt und wirken muss. – Noch habe ich nicht vollständig enträtselt, warum das so ist. Aber dass es so ist, daran zweifle ich immer seltener.

Das sind die Voraussetzungen. Ich werde meine Gedanken anonym verfassen, weil alle  Personen noch leben. Mich interessieren die gesetzlichen Grundlagen, die Rechte und Pflichten aller Beteiligten und die Frage, wie ich mir unter den geschilderten Bedingungen Lebensqualität verschaffen kann: Die Frage „Warum“ interessiert mich nicht, weil ich sie für mich beantwortet habe. Ich habe keine Lust in Mitleid oder Selbstmitleid zu verfallen. Ich habe nicht Mitleid mit meiner Tochter, die gegangen ist und ich habe kein Mitleid mit mir. Ich stelle mir das Leben wie eine Hand voll Spielkarten vor: Einige sind gut, einige sind mittel und andere sind schlecht. An mir ist es zu entscheiden wie ich sie ausspiele.

„Wegschauen ist am schlimmsten“

In meinem Kanton erregt diese Schlagzeile im Bund Aufmerksamkeit. Leider ist dieser Artikel online nicht verfügbar. Manchmal ändert sich das nach ein, zwei Tagen. Wenn es soweit kommt, werde ich ihn verlinken.

Weil nicht verfügbar, schildere ich kurz, was beschrieben wird:

Ein Sozialarbeiter soll zwanzig Buben und männliche Teenager missbraucht haben. Er war sehr engagiert und beliebt. Es gab Verdachtsmomente, aber niemand traute sich eine Anschuldigung auszusprechen. Über Jahre wurde so das Problem verschleppt.

Der Artikel versucht zu sortieren und einzuordnen. Mir stösst manches sauer auf. Wenn ein Mensch keine sexuelle Ausrichtung hat, die momentan in unserer Gesellschaft akzeptiert ist, dann ist er sehr einsam und letztlich in einer auswegslosen Situation. Wenn wir uns zudem bewusst sind, dass gerade Männern dauernd zugestanden und eingetrichtert wird, dass sie ihre Triebe nicht unter Kontrolle haben können, dann wird die Ausgangslage noch dramatischer.

Er war engagiert und charismatisch, kreativ, beliebt, erfolgreich. Und er täuschte sie alle.

So beginnt der Artikel. Wie kann die sexuelle Ausrichtung eines Menschen für andere Menschen ein Täuschmanöver sein? Unsere Gesellschaft lügt sich selbst an, wenn sie sich einredet, dass alle Menschen heterosexuell oder allenfalls homosexuell sind. Da hat kein einzelner Mensch andere getäuscht. All die wunderbaren Eigenschaften, die dem betroffenen Sozialarbeiter jetzt natürlich abgesprochen werden, besitzt er noch heute.

Natürlich ist es verboten, dass Erwachsene Kinder missbrauchen. Bislang habe ich nie gelesen oder gehört, wie sexuell so orientierte Erwachsene in unserer Gesellschaft leben können. Wenn nur Druck da ist und der Aufschrei der Öffentlichkeit, wenn Missbrauch endlich an den Tag kommt, machen wir keinen Schritt vorwärts. Die Kinder, die wir schützen wollen sind nicht geschützt und die Erwachsenen, die zumindest Verständnis brauchen und sicher Hilfe, mit ihrer Sexualität so umzugehen, dass sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen, sind in ihrem vermutlich leidvollen Versteckspiel allein gelassen. Auch mit einer Gefängnisstrafe ändert sich die Sexualität nicht. Auch da nützt Wegschauen herzlich wenig.

Wie soll man umgehen mit dem Verdacht? Auch der Zürcher Oberstaatsanwalt und Spezialist für strafrechtlichen Kinderschutz Andreas Brunner warnt vor zu frühen Anzeigen. Man könne Existenzen zerstören, wenn Gerüchte die Runde machten, an denen – wie sich später herausstelle – nichts dran sei.

Sehr verantwortungsbewusst finde ich diese Stellungnahme. Oberstaatsanwalt Brunner zeigt auf, dass die gesellschaftliche Verantwortung auf zwei Seiten hin zu wahren ist. Einerseits geht es um Kinder und Jugendliche, die zu schützen sind und andererseits geht es um Erwachsene, die vor ungerechtfertigten Vorwürfen, allenfalls sogar Erpressungsversuchen oder grundlosen, falschen Anschuldigungen zu schützen sind.

Ganz anders sieht das Regula Schwager, Psychologin und Psychotherapeutin bei der Opferberatungsstelle Castagna.

Im Gegensatz zu Brunner ist sie jedoch fest davon überzeugt, man solle «lieber zu viel bei der Polizei melden als zu wenig». Was aber passiert, wenn der vermeintliche Täter in Wirklichkeit unschuldig ist? Die falschen Gerüchte womöglich seine Existenz zerstören? «Eine Falschbeschuldigung ist eine Katastrophe», sagt Schwager. «Doch der Existenz eines Einzelnen steht die Existenz Hunderter potenzieller Opfer gegenüber. Wegschauen ist am schlimmsten.»

Eine unschuldig zerstörte Existenz als bedauerlichen Kollateralschaden. Die naive Vorstellung dass Kinder und Teenager unschuldige, kleine Engel sind, lässt grüssen. – Längst liest diese Altersgruppe das „20 Minuten“. Schon lange hat sie begriffen, dass Eltern, Lehrer und andere Erwachsene erpressbar sind, indem ihnen genau eines dieser Dinge vorgeworfen wird, das sie niemals tun dürfen.

Wann endlich wird unsere Gesellschaft erwachsen und nimmt ihre Verantwortung wahr? Das würde heissen, nicht mehr wegschauen

  • wenn Kinder und Jugendliche missbraucht werden.
  • wenn Erwachsene an ihrer Sexualität verzweifeln müssen, weil sie sich strafbar machen.
  • wenn Kinder und Jugendliche Unwahrheiten behaupten und damit unschuldigen Erwachsenen ihre Leben zerstören.

Letzteres ist nicht in Kauf zu nehmen nach dem Motto, solange es andere betrifft, kann es mir egal sein. Erst wenn ein Mensch selbst betroffen ist, realisiert er, welche Wirkung hier das Wegschauen hat. Ein Mensch, der niemandem etwas zuleide getan hat, hat keine „hunderte potenzielle Opfer“ als Gegenüber. Kein einziges. Das einzige Opfer ist er, der fälschlicherwiese als Täter beschuldigt wird.

Wie lange wird es dauern, bis unsere Gesellschaft hier besonnener und damit gerechter wird?

Nachtgedanken

Fortsetzung des Artikels „Hast du Kinder?“

Nachtgedanken

Wie so oft lag sie nachts wach. Sie hatte ein Buch gelesen und der Inhalt beschäftigte sie, steuerte den Gang ihrer nächtlichen Gedanken. Das Buch handelte von einer alten Frau, die sich erfolgreich für ihre Freiheit einsetzt. Von da waren ihre Gedanken zu ihrer Grossmutter gewandert, einer Frau, die aus heutiger Sicht Altersdepressionen hatte. Sie klagte ununterbrochen. Keiner konnte verstehen warum. Hinter ihrem Rücken machte sich sogar der Arzt über seine Patientin lustig. Gestorben war sie an einem unerkannten, akuten, behandelbaren Beschwerden. Ein unnötiger Tod: Keiner hatte im Spital die Schilderung ihrer Beschwerden ernst genommen. Darauf hatte sie an ihren Vater gedacht. Viele Gedanken waren ihr vertraut. Einer traf sie wie ein Blitz. Warum war sie nicht früher darauf gekommen? Es war ihr immer klar, dass sie viele Eigenschaften ihres Vaters geerbt hatte. Bei einigen hoffte sie, dass es nicht so sei. Er hatte sich in gewissen Situationen nicht durchgesetzt, während in anderen seine Fähigkeiten geachtet und anerkannt waren.

In dieser Nacht, in dem Augenblick hatte sie ein Puzzelstück ihres Lebens gefunden oder vielmehr das Scharnier der immer gleichen Tür, die ihr in ihrem Leben des öftern ins Gesicht geschlagen wurde. Ein Puzzelstück ist ein kleiner Teil, eines Bildes in einem Leben. Ein Scharnier kann zu unterschiedlichsten Lebensperioden die gleiche Tür bewegen:

Sie hatte daran gedacht, wie ihre Mutter als junge Frau, ihren Vater dazu gedrängt hatte, gegenüber Freunden den Kontakt aufzukünden. Eines Tages hatte sie sich als Tochter auf dieser schwarzen Liste befunden und entsprechend wurde dem Vater und ihr der gegenseitige Umgang von der Mutter verboten. Daran hatte sich der Vater bis zu seinem Tod gehalten und ihr blieb nichts anderes übrig, als diesen Umstand zu akzeptieren. Es war ihr klar gewesen, dass ihr Kind, das den Umgang mit ihr aufgekündigt hatte und ihr damit beide Kinder entfremdete, das grossmütterliche Verhalten wiederholte. Was in dieser Nacht für sie neu war, war die Einsicht, dass ihr eigenes Schicksal parallel zu dem ihres Vaters lief. In ihrem Leben wiederholte sich, was ihr Vater erlebt hatte.

Bis zu der Nacht hatte sie immer gedacht, dass sie etwas falsch gemacht hätte mit ihren Kindern, dass ihr ein Fehler unterlaufen wäre, den sie übersehen hätte. Ihr Vater hatte nichts falsch gemacht. Ihre Mutter hatte unmissverständlich gefordert, dass Leute aus dem Leben gekippt wurden und auf der schwarzen Liste landeten. Ihre Mutter kannte weder Erbarmen noch Grenzen. Sie ging bis zum Ende.

Dieser Gedanke ist wichtig, dachte sie. Den darf ich nicht mehr vergessen. Er hilft mir, Frieden mit meinem Leben zu schliessen. Ewig will ich nicht unter dem leiden müssen, was mir meine Mutter, meine Kinder und andere Menschen antun.

Junge Erwachsene macht Inzestvorwürfe

Mehrfach habe ich mich hier mit dem Wohl des Kindes befasst. Heute möchte ich mich mit einer Grenze des Kindswohl auseinandersetzen, die im gesellschaftlichen Leben durchaus vorkommt: Vor einigen Jahren wurde ein Vater von seiner volljährigen Tochter des Inzests (Es lohnt sich beim Link auf die Bildchen links, untere Bildschirmhälfte zu klicken: Besonders das unterste: Da wird über den ersten Freispruch berichtet)

angeklagt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die meisten Menschen sofort mit dem armen Kind identifizieren. Der Vater ist, klar der Böse und im Unrecht. Vermutlich liegen wir rein zahlenmässig, völlig falsch:

Wer einen guten Draht zu einem Hausarzt oder einem Frauenarzt hat, kann ruhig selbst nachfragen: Beide Berufsgruppen kennen das Problem: Teenager sind unzufrieden mit ihrer Situation, rebellieren, wollen am Samstag in den Ausgang, was ihre Eltern nicht erlauben, der Vater erhöht das Sackgeld nicht und  irgendwann sehen die Töchter oder Söhne nur noch rot. Die zündende Idee ist geboren: „Mein Vater hat mich missbraucht.“ – Vermutlich und hier liegt die Dunkelziffer, werden die meisten Teenager wieder still, wenn die erste Arztuntersuchung bestätigt, dass nichts, aber gar nichts an dieser Behauptung wahr ist.

Um hier nicht die Phantasie der Jugendlichen weiter anzuregen, verzichte ich auf eine Liste, der Dinge, die Eltern unter gar keinen Umständen tun dürfen. Genau das wird ihnen dann vorgeworfen, ebenso natürlich möglichst an einem Beispiel, das unüberprüfbar ist.

Einige  und das sind vermutlich die wenigsten, landen vor Gericht. In dem Fall, den ich verlinkt habe, setzt, der zu Recht ahnungslose Vater zu optimistisch voraus, in einem Rechtsstaat zu wohnen und sieht die Sache anfänglich locker. Bald einmal wird er eines Besseren belehrt: Wo nur zwei anwesend sind, steht Aussage gegen Aussage. Er wird bei der Arbeit suspendiert. Auch nach dem ersten Freispruch „mit ungutem Gefühl“, wie seine Gegner betonen, darf er die Arbeit nicht wieder aufnehmen. Ein Gutachten bestätigt zudem das Verhalten der Tochter als mögliche Folge eines Inzests.

Erst als die Aussagen der Tochter zweitinstanzlich auch unglaubhaft erscheinen, bringt das für den Vater die Wende: Jetzt lesen wir, dass seine Tochter hochbegabt ist und an einer Persönlichkeitsstörung, dem Borderline leide.

Bei allem Schutz des Wohl des Kindes, ist daran zu denken, dass Kinder auch nur Menschen sind: Sie gehen den Weg des vermeintlich geringsten Widerstandes. Sie erfinden Geschichten bzw. lügen und suchen den Fehler lieber beim andern als sich selbst. Sie spielen gern den Einen gegen den Andern aus: beliebte Zielpersonen sind die Eltern besonders, wenn sie geschieden sind und der eine nicht beim andern nachfragen kann, was Sache ist.

Und ebenso wichtig wäre das Wohl der ganzen Familie: Wer ernährt die Familie, wenn das Verhalten der Tochter die Suspendierung des Vaters von der Arbeit bewirkt hat? Sachlichkeit und kühler Kopf bei den Behörden und Fachpersonen tun Not, bevor und nicht nachdem solche Schäden entstanden sind. Solange Eltern, sowohl Väter, wie Mütter vorverurteilt sind, haben die Teenager ein leichtes Spiel. Dazu braucht es keine Hochbegabung, sondern nur die tägliche Lektüre des „20 Min.“. Das ist der Lesestoff, aus dem die zukünftigen Erzählungen geschaffen sind. NachahmerInnen gibt es immer. Ob zu Recht oder nicht, das unparteiisch herauszufinden, ist die Aufgabe des Rechtstaates, der diesen Namen verdient.

Unfreiwilliger Humor

Gestern Abend im 10 vor 10 regt die Reihenfolge der Nachrichten zum Nachdenken an: Coca-Cola verlegt einen wichtigen, europäischen Sitz von Griechenland nach Zug. – Es folgt eine Tabelle, die zeigt, dass 140 andere Firmen in den letzten Jahren das Gleiche getan haben: Sie sind mit ihrem Firmensitz in die steuergünstige, sichere, politisch stabile Schweiz gezogen. Erfreulich oder nicht? Kommentar in diese Richtung und in die andere. Da wir alle WirtschaftsexpertInnen sind, werden wir aus solchen Worten klug.

Man lerne: In der Schweiz haben Firmen Platz, sie werden günstig besteuert und alle anderen Länder knirschen mit den Zähnen, weil sie das Nachsehen haben: Es gibt einen tollen Spruch der lautet: „Wer nichts hat, dem wird auch das genommen werden.“ Schade nur, dass in unserem Land, die sozial Schwachen, z.B. die IV-RentnerInnen von diesem Geldsegen nicht profitieren können: 70 Milionen werden Griechenland entzogen. Wer bekommt sie? Zug nur teilweise, weil sich der Umzug sonst nicht lohnen würde. Wo also bleibt das Geld?

Wie auch immer 10 vor 10 sendet den nächsten Beitrag: Die Sozialkomission des Nationalrates hat getagt, die IV-Revision 6b behandelt und ist zum Schluss gekommen, dass strenger gespart werden soll, als der Ständerat vorschlägt: D.h. weniger Reisekostenvergütung, lineare Rentenabstufung auch auf bereits laufenden Renten und Kinder von IV-RentnerInnen kosten in Zukunft satte 25% weniger. So bringt ein Parlament sein Defizit in Ordnung, indem es an den Kindern der sozial Schwachen ein Viertel einspart. Bemerkung am Rande: Wer sich den Beitrag anschaut sieht und hört, dass die Höhe der Einsparung bei den Kindern nicht beziffert wird. Ist gesellschaftlich besser zu verkaufen. Wenn man zu Einsparungen von 25% stehen muss, könnten Eltern, die Kinder zuhause haben und gerade erleben, wie teuer alles ist, realisieren, welche Abstriche die IV-Revision hier verordnet.

Zum Glück für IV-RentnerInnen haben wir so wertvolle, ausländische Firmen wie ALDI. Sie bieten viel Essen für wenig Geld an. ALDI hat den gesellschaftlichen Vorteil, dass kein Mensch sich ausweisen muss, ob er finanziell so schwach ist, dass er berechtigt ist, in diesem Geschäft einzukaufen. Wenn die Kinder nicht richtig ernährt werden, verschieb sich dieses Problem in die Zukunft. Oder glaubt ein einziger Mensch ernsthaft, man könne Preis und Qualität in der Art verbinden? – Leider habe ich Menschen gesehen, die im Alter mit gesundheitlichen Schwierigkeiten gekämpft haben, die sie sich in den 30er Jahren und während des Krieges zugezogen haben. Genau, dahin wollen wir wieder zurück, weil es so toll war.

Tipp an die ParlamentarierInnen: Fragt einmal  in finanziell schwachen Familien nach, wer von den Kindern unseren Nationalsport nämlich Skilaufen kann. Genau, keines, weil viel zu teuer. – Vor Jahrzehnten konnten sich Eltern noch irgendwie durchmogeln mit gebrauchter Ausrüstung, Essen aus dem Rucksack und Tagesausflügen in der Vor- oder Nachsaison. Natürlich hatte es Schnee am nächstbesten Hügel im Flachland und die Kinder konnten sich dort umsonst auf ihren Brettern austoben. Das sind dann die Kinder, die im Skilager der Schule einen Schlitten mitnehmen müssen und nicht mit den andern zusammen sind. Hin und wieder frage ich mich, wie sich das wohl anfühlt und einen jungen Menschen prägt.

Worte vom Schulhof

Sprache verändert sich, so, wie sich die Werte der Gesellschaft ändern.Respekt Menschen gegenüber erhöht das gegenseitige Wohlbefinden. So werden Begriffe, die  früher für behinderte Menschen gebraucht wurden, heute nicht mehr verwendet, sie sind durch neue, wertneutrale Fachbegriffe ersetzt worden. Vielleicht ist es von mir naiv, aber ich dachte immer, das sei aus Respekt behinderten Menschen gegenüber.

Eine Partei der Schweiz hat vor einigen Jahren einen unrühmlichen Begriff geprägt, unter dem alle behinderten Menschen in diesem Land bis heute leiden. Ich wiederhole ihn bewusst nicht, weil ich den Platz, den ich dem Negativen widme, ganz bewusst klein halten will: Es nützt behinderten Menschen nichts, wenn sie sich am immer gleichen Punkt, den immer gleichen Schmerz holen: Mit meiner Hirnverletzung kann ich mir die Fähigkeit, mich nicht aufzuregen, leider nicht erarbeiten. Ich leide. Darum tendiere ich als Strategie dazu,  gezielt dorthin zuschauen, wo ich eine Aussage machen will.

Ein neues Schimpfwort Jugendlicher lautet: behindert.

Wie bescheuert ist das? Genau das Wort, mit dem ein Teil der Menschen unserer Gesellschaft sich bemühen, höflich, ewig geduldig, mit ansteckendem Humor, stets aufgestellt, ja nicht mitleidig, für nicht Behinderte Unverständliches verständlich zu machen, muss gegenüber Jugendlichen zuerst aus dem Kontext „Schimpfwort“ herausgelöst werden.

Wie der Link zeigt, sind sich einige der Jugendlichen durchaus bewusst, dass dieses Schimpfwort übel ist. Sie hören es täglich.

Im Unterschied zu früheren Schimpfworten können behinderte Menschen bei dem Wort nicht mehr auf ein anderes Wort ausweichen: Behindert ist der offizielle Begriff für den Umstand, dass ein Leben anders verläuft.